Festakt zum 20-jährigen Bestehen des Vereins Rückblende

Erinnerung schafft Zukunft

Feier zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „Rückblende“: (v. l.) Referent Dr. Sergey Lagodinsky, Dr. Gunnar Richter, Landesarbeitsgemeinschaft Hessische Gedenkstätten, Vorsitzender Ernst Klein, Dr. Monika Hölscher von der Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Irmgard Schwaetzer, stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Foto: Sandra Simshäuser

Volkmarsen - Seit 20 Jahren leistet der Arbeitskreis „Rückblende - Gegen das Vergessen“ Erinnerungsarbeit in Volkmarsen. Mit Mitstreitern, Freunden und Weggefährten wurde Rückschau in der Nordhessenhalle gehalten.

Zwanzig Jahre „Rückblende“, das schließt auch die seit 15 Jahren gezeigte Dauerausstellung „Deutsch-jüdisches Leben in unserer Region“, eine 15-jährige Kooperation mit der regionalen Arbeitsgruppe Nordhessen-Südniedersachsen der Vereinigung „Gegen Vergessen - Für Demokratie“, den vor zehn Jahren benannten „Platz der gegenseitigen Achtung“ mit Gedenkmauer am jüdischen Friedhof sowie die Wiederentdeckung eines rund 500 Jahre alten jüdischen Ritualbades in der Volkmarser Altstadt mit ein.

Mit jahrzehntelanger ehrenamtlicher Forschungsarbeit und Buchveröffentlichungen, vor allem aber durch persönlichen Kontakt zu ehemaligen Volkmarsern jüdischen Glaubens hat der Verein enorm zur Aufarbeitung der Geschichte der Juden in der Region, der an ihnen begangenen Verbrechen und ihrer Schicksale beigetragen.

Begonnen hatte alles im Jahr 1980, als Ernst Klein, heute seit 18 Jahren Vorsitzender der „Rückblende“, ein erstes Inserat in den „Israel-Nachrichten“ schaltete.

Aus der Suche nach Überlebenden jüdischer Volkmarser Familien ergab sich bald ein Briefwechsel - und 15 Jahre später die Gründungsversammlung des Vereins, dem heute 147 Mitglieder aus Nordhessen und darüber hinaus angehören. Die Geschichtswerkstatt mit Dauerausstellung, die nach mehreren Umzügen im Haus Dr. Bock ihren Platz gefunden hat, wurde inzwischen von Menschen aus über 25 Ländern besucht.

Nicht nachlassen

Als eine der treuen Wegbegleiterinnen der „Rückblende“ erinnerte die Volkmarserin Maria Paesler daran, dass die jüngere deutsche Geschichte bis zum Jahr 1995 im Stadtbild praktisch nicht vertreten war. Dies änderte sich mit der vom Verein geleisteten Forschungsarbeit, aus der mehrere Publikationen hervorgingen. Insbesondere aber waren es die Besuche von Holocaust-Überlebenden und deren Angehörigen in Volkmarsen, mit denen ein wichtiges Stück Versöhnungsarbeit geleistet wurde.

Man wolle nicht nur an das Leben und Sterben der Menschen erinnern, die Freunde und Nachbarn der eigenen Großeltern waren. Die Menschen sollten auch selbst zu Wort kommen, unterstrich Vorsitzender Ernst Klein eines der wichtigsten Vereinsziele. In welchem Ausmaß dies gelungen ist, bescheinigten die Ehrengäste dem Vorstand in ihren Grußworten.

„Erinnerung schafft Zukunft - das leistet die Geschichts-werkstatt“, stellte Dr. Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung „Gegen Vergessen - Für Demokratie“, fest. Das Gedenken werde schwieriger, weil Zeitzeugen nach und nach nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sei allerdings nach wie vor in der Gesellschaft zu finden, sagte Schwaetzer. Erinnerungsarbeit dürfe daher nicht zur Ruhe kommen.

Zurück nach Deutschland

Als beispielhaft für viele weitere Erinnerungsinitiativen in Hessen bezeichnete Dr. Gunnar Richter von der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten der NS-Zeit in Hessen die Arbeit der „Rückblende“.

Dass das Wirken des Arbeitskreises weit über die Kreisgrenzen hinaus ausstrahle, unterstrich Volkmarsens Bürgermeister Hartmut Linnekugel, dessen Worten sich Erster Kreisbeigeordneter Jens Deutschendorf und Dr. Monika Hölscher vom Gedenkstättenreferat der Landeszentrale für politische Bildung anschlossen.

Noch einen weiteren, ganz aktuellen Aspekt, dass nämlich 70 Jahre nach Kriegsende längst wieder zahlreiche, häufig russischstämmige Juden in Deutschland leben, brachte Dr. Sergey Lagodinsky, Referatsleiter der Böll-Stiftung in Berlin, zur Sprache. „Wir bleiben, weil wir unsere Koffer nicht nur ausgepackt, sondern längst verstaut haben“, erklärte Lagodinsky.

Mit dieser neuen „jüdischen Selbstverständlichkeit“ sei etwas entstanden, was vorher verlorengegangen war. In Anbetracht des jüdischen Alltags in Deutschland gelte es allerdings, „aus der Virtualität in die jüdische Realität zu kommen“.

Die passende musikalische Umrahmung gestalteten zwei Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kassel. Elena und Alexander Padva stimmten zur Gitarre und zur Geige heitere und nachdenkliche Klezmer-Weisen und auch Lieder an, die im Warschauer Ghetto verfasst wurden.

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