Staatsanwalt: „Chorknaben werden auch nicht Türsteher“

Freisprüche im Fall der angeblich zu rabiaten Türsteher von Bad Arolsen

Bad Arolsen. Die beiden Türsteher, denen vorgeworfen wurde, sie hätten in den frühen Morgenstunden des 11. März 2018 einen Discothekengast in der Großen Allee zu Boden geworfen und mit Fußtritten malträtiert, sind vom Korbacher Amtsrichter Karl-Heinz Kalhöfer-Köchling freigesprochen worden. Auch nach zwei Prozesstagen und einem Dutzend Zeugenvernehmungen gab es keine Beweise für diesen schwerwiegenden Vorwurf.

Die einen hatten nur gesehen, dass sich das Opfer im Raucherbereich der Discothek lautstark daneben benommen hatte. Deshalb wurden die Türsteher alarmiert, die den wild um sich schlagenden Mann vor die Türe setzen. Vor der Discothek redete sich der Mann in Rage, machte den Oberkörper frei und schimpfte weiter. Nur ein Zeuge bestätigt, dass die Türsteher den mit 1,7 Promille angetrunkenen Gast zu Boden gebracht und getreten hätten.

Dieser Zeuge aber war kurz zuvor selber unsanft vor die Tür gesetzt worden, weil er Frauen belästigt hatte. Dieser Rauswurf habe dem Zeugen aber einen guten Grund gegeben, sich an den Türstehern zu rächen, so der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Auf dieser Aussage allein könne man also keine Anklage stützen, so der Staatsanwalt.

„Die Angeklagten sind bestimmt keine Chorknaben“, so der Staatsanwalt weiter, „aber Chorknaben werden auch nicht Türsteher.“ Und die Strafverteidigerin der beiden Angeklagten ergänzte: „Die Security hat für die Sicherheit von 400 bis 600 Leuten zu sorgen. Da muss man schon mal etwas deutlicher werden, um das Hausrecht durchzusetzen.“

Den ständigen Ärger mit randalierenden Gästen sind die beiden Angeklagten übrigens leid gewesen. Deshalb arbeiten sie nicht mehr als Türsteher.

Interessante Einblicke in die arbeit des Sicherheitspersonals in Discotheken lieferte übrigen die Zeugenaussage des damaligen Discothekenbetreibers vor Gericht: Es komme bei Veranstaltungen mit so vielen Gästen immer wieder vor, dass sich einzelne Besucher, meist nach zu viel Alkoholkonsum, daneben benähmen. Die Security sei in solchen Fällen angewiesen, zuerst zu deeskalieren, also Streit zu schlichten.

Immer häufige komme es jedoch vor, dass die Zurechtgewiesenen dann erst Recht den Streit suchten und versuchten, die Türsteher mit respektlosen Sprüchen zu provozieren. Dem Störer werde dann ein Hausverbot ausgesprochen. Die Security habe dann die Aufgabe, das Hausrecht auszuüben und die jeweiligen Personen - wenn nötig mit sanfter Gewalt - nach draußen zu begleiten.

Im vorliegenden Fall sei der Randalierer auf beiden Seiten untergehakt und bis an die Bordsteinkante begleitet worden. Das passiere an Fetenabenden sehr häufig. 

In der Folge seien die Türsteher dann für die angetrunkenen Randalierer eine Projektionsfläche für Rachegelüste. Deshalb sei die Aussage eines kurz zuvor vor die Tür gesetzten Mannes mit Vorsicht zu genießen. So sah es der damalige Betreiber der Diskothek. So sahen es auch Staatsanwalt, Verteidigung und letztlich auch der Richter.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Erkenntnis auf die nächsten ähnlich gelagerten Prozesse gegen diese und andere Türsteher haben wird. Dem Korbacher Amtsgericht liegen bereits weitere Klagen vor, wie zu hören war.

Rubriklistenbild: © Arne Dedert/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare