"Volkszorn" waren vor 80 Jahren gut organisierte Ausschreitungen gegen jüdische Bürger

Gedenkfeiern zur Pogromnacht beginnen in Bad Arolsen 

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Lesung bei Gedenken an Pogromnacht vor 80 Jahren: Schüler der Christian-Rauch-Schule Bad Arolsen zitieren aus dem Buch von Michael Winkelmann über die Schicksale von Arolser Juden.

Bad Arolsen. An die Pogrome in der Nacht des 8. November 1938 in Bad Arolsen und anderen nordhessischen Orten erinnerten gestern Nachmittag auf den jüdischen Friedhof Bad Arolsen Bürgermeister Jürgen van der Horst und Schüler der Christian-Rauch-Schule.

Das Gedenken an die durch die Nationalsozialisten angezettelten Pogrome am 8. und 9. November in ganz Deutschland sei trotz der verglichen mit der Shoa überschaubaren Zahl der Opfer so wichtig, weil sich an dem Datum zeige, wie Menschen aufgehetzt, instrumentalisiert und vorbereitet wurden auf weitaus schlimmere Taten, sagte Bürgermeister Jürgen van der Horst.

Anlass für Pogrome gesucht

Die Pogrome seien gut organisierte Ausschreitungen vor allem durch SS-Angehörige gegen Juden gewesen und nicht Zeichen eines „Volkszorns“, wie er sich angeblich nach dem Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst von Rath in Paris laut Nazis entladen habe. Solch ein Anlass für Übergriffe auf Juden sei schon früh im Jahr 1938 gesucht worden. 

Die Erinnerung an die Pogrome sei wichtig, um zu erkennen, warum es keine Abwehrmechanismen gab, wie das Regime Ausschreitungen organisierte, die Menschen einander entfremdete und die Sprache durch Entmenschlichung manipulierte. 

Sprache manipuliert

Der noch weit nach dem Krieg benutzte Begriff „Kristallnacht“ sei ein ein Beispiel dafür, wie die Ereignisse verharmlost und die Opfer nachträglich verhöhnt worden seien, sagte van der Horst. Das Gedenken ermögliche es, den Opfern ein Gesicht zu geben. Spuren von jüdischen Bürgern gebe es so gut wie nicht mehr in Arolsen. Er stellte erneute Versuche bei der Manipulation der öffentlichen Meinung fest und von Bestrebungen, Minderheiten wieder an den Pranger zu stellen.

Bei der Lesung aus dem Buch des ehemaligen CRS-Lehrers Michael Winkelmann über die Schicksale Arolser Juden machten Schüler der Klasse 10 d der CRS auf bedrückende Weise deutlich, dass schon vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und vor dem Erlass antijüdischer Gesetze antisemitische Hetze schon an der Arolser Schule oder gegen Geschäftsfleute betrieben wurde. 

Abstand von Juden

Arolser distanzierten sich von jüdischen Bürgern. In einem Bericht wird sogar dargestellt, wie sich Bürger weigerten, die Beerdigung einer verstorbenen alten Jüdin zu ermöglichen.

Die Gedenkfeier war die erste im Landkreis, weitere folgen heute in weiteren Orten.

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