Der Leidensweg des Korbacher Stadtverordneten Fritz Altenhein · WLZ-FZ-Serie über den ITS (Folge 16)

Die Gestapo kam in der Nachtschicht Gestapo Fritz Schulz

- Im Archiv des Internationalen Suchdienstes finden sich mehrere Tausend Karteikarten der Gestapo. Die Geheime Staatspolizei ging vor allem gegen die politischen Gegner der Nationalsozialisten vor. Zu diesen gehörte der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer genauso wie der Korbacher Schlosser Fritz Altenhein.

Korbach. Was am frühen Morgen des 4. Februar 1937 geschah, weiß der 83-jährige Heinz Altenhein noch ganz genau. Sein Vater Friedrich, den alle Fritz nannten, kam früher als sonst von der Nachtschicht in den Conti-Gummiwerken nach Hause, wo er als Schlosser beschäftigt war. Er betrat das Haus im Katthagen 2 nicht allein. Seine Begleiter trugen Polizeiuniform oder schwarze Ledermäntel, hatten ihn bereits in der Fabrik festgenommen. „Meine Mutter war aus dem Bett gesprungen und hatte sich nur schnell eine Kittelschürze übergezogen“, erinnert sich der Korbacher, der damals gerade zehn Jahre alt war. „Hat mein Mann gestohlen?“, fragte sie den Polizeibeamten Heinrich Wolf, den die Familie kannte. „Nein, Frau Altenhein, es ist etwas Politisches. Aber darüber darf ich nicht sprechen.“ Acht Monate später wird er von den Nazi-Richtern am Kasseler Oberlandesgericht wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Danach kommt er als sogenannter Schutzhäftling ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Er überlebt die unmenschlichen Bedingungen, die Willkür der Aufseher und auch den Todesmarsch Richtung Ostsee. Erst im Frühjahr 1946 kehrt er nach Korbach zurück. Fritz Altenhein (Jahrgang 1893) war kommunistischer Stadtverordneter in Korbach, seit 1925 Mitglied der KPD.

„Zwei Stunden dauerte der Horror“, erinnert sich sein jüngster Sohn an die Hausdurchsuchung. Mit seinem Bruder und seiner Schwester saß er verängstigt auf der Küchenbank. Die Gestapo-Männer in den Ledermänteln fanden auf dem Dachboden einen Hektografen und Flugblätter. Somit war das Schicksal seines Vaters besiegelt. „Papa, wann kommst du wieder“, habe seine Schwester dem Vater noch aus dem Fenster nachgerufen. Zusammen mit sieben weiteren Kommunisten, die von der Gestapo festgenommen wurden, landete er zunächst im Hof des damaligen Landratsamtes in der Professor-Bier-Straße. Von dort aus kamen die Verhafteten dann in den berüchtigten Gestapo-Block des Kasseler Zuchthauses in Wehlheiden.

Schuldgefühle

Acht Monate später, am 15. Oktober 1937, wurde Altenhein zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. „Meine Mutter und meine beiden älteren Geschwister konnten ihn besuchen. Ich war dafür noch zu jung“, berichtet Heinz Altenhein. Die wenigen Briefe, die sein Vater aus der Haft nach Hause schicken durfte, bewahrt sein jüngster Sohn bis heute sorgfältig auf, hat die Texte säuberlich abgeschrieben.

Die Propaganda, der Druck der „Volksgemeinschaft“ im kleinstädtischen Milieu, das zwanghafte Bemühen, nicht unangenehm aufzufallen, die Angst vor dem Terror des NS-Unterdrückungsapparates und die Gleichschaltung aller Lebensbereiche sorgten dafür, dass den damaligen „Pimpf“, der später HJ-Führer wurde, sogar Schuldgefühle plagten. „Ich wusste damals nicht, was mit meinem Vater passierte, warum er als Staatsfeind verhaftet wurde“, sagt Altenhein rückblickend, „aber ich habe mich dafür regelrecht geschämt.“

Dessen Verhaftung stürzte die verzweifelte Familie nicht zuletzt in finanzielle Not. „Meine Mutter brachte uns drei Geschwister mit ihrem Lohn als Wasch- und Putzfrau durch“, schildert Altenhein die Lage. „Wenn der Papa wiederkommt“: Die Hoffnung, die in diesem oft gesagten Satz steckte, machte Anfang 1940 ein Brief aus der Haft zunichte. Er werde in das KZ Sachsenhausen gebracht. Solange der Krieg andauere, sei an eine Haftentlassung nicht zu denken, schrieb Fritz Altenhein nach Hause. Aus den ITS-Dokumenten geht hervor, dass er am 15. Februar 1940 in das Konzentrationslager vor den Toren Berlins eingeliefert wurde. Laut Effektenkarte war er in Block 44 untergebracht.

„Mein vier Jahre älterer Bruder hatte sich freiwillig für die Fallschirmspringer gemeldet, ich wurde 1944 eingezogen. Weil wir beide für ,Führer, Volk und Vaterland im Felde‘ standen, erhielt meine Mutter dann auch eine Besuchserlaubnis für die ganze Familie. Zu dem Besuch kam es dann aber nicht, weil mein Bruder keinen Fronturlaub erhalten hat“, blickt Heinz Altenhein auf diese Zeit der Ungewissheit zurück. Weil sie einmal lange vergeblich auf eine Nachricht ihres Mannes wartete und sich sorgte, hatte sich Ehefrau Minna in einem Brief direkt an den Lagerkommandanten gewandt. Für diese „Belästigung“ durch ein „Weib“ musste Altenhein büßen: 25 Hiebe mit dem Ochsenziemer. Den Prügelbock, auf den die Delinquenten dafür gelegt wurden, sah Heinz Altenhein bei einer Besichtigung der KZ-Gedenkstätte mit eigenen Augen. „Ich wollte mir ansehen, wo er gequält wurde.“ Er beginnt zu weinen, wenn er davon erzählt.

Im KZ Sachsenhausen und seinen etwa 100 Außenlagern waren Anfang 1945 etwa 80 000 Männer, Frauen und Kinder inhaftiert. Als die Rote Armee die Oder erreicht hatte, befahl Lagerkommandant Anton Kaindl am 1. Februar 1945, Vorbereitungen zur Räumung zu treffen. Daraufhin wurden als besonders gefährlich geltende Häftlinge, vor allem sowjetische und britische Offiziere, sowie als marschunfähig ausgesonderte Häftlinge im Industriehof des Lagers ermordet.

Todesmarsch zur Ostsee

Die Räumung begann in den Morgenstunden des 21. April 1945. In Gruppen von 500 Häftlingen wurde die Todesmärsche nach Nordwesten in Bewegung gesetzt. Bei nasskaltem Wetter starben viele Häftlinge an Entkräftung oder wurden von der SS erschossen. Auf unterschiedlichen Strecken gelangten die Kolonnen in den Raum Wittstock. Im nahen Belower Wald wurden ab dem 23. April 1945 in einem großen Lager mehr als 16 000 Häftlinge zusammengezogen. Ab dem 29. April wurde das Waldlager aufgelöst, und die Häftlinge erreichten auf unterschiedlichen Wegen den Raum zwischen Parchim und Schwerin, wo sie, inzwischen von ihren SS-Bewachern verlassen, auf Einheiten der Roten Armee und der US Army trafen.

In den ITS-Dokumenten taucht der Name Fritz Altenhein auf einer Liste vermisster Häftlinge auf. Danach datiert die letzte Nachricht vom 30. April 1945 eben aus jenem Lager im Belower Wald.

„Ärzte der Roten Armee kümmerten sich um ihn“, schildert Heinz Altenhein das weitere Schicksal seines Vaters. Als sie erfuhren, dass er als Stadtverordneter über Kenntnisse der Kommunalpolitik und -verwaltung verfügte, setzten sie ihn als Bürgermeister in einer der befreiten Kleinstädte in Mecklenburg ein. Anfang März 1946 konnte er die Heimreise antreten.

„Nicht böse gemeint“

Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft am 9. März 1945 entlassen, traf sein jüngster Sohn Heinz einige Tage vor ihm in Korbach ein. Der ältere Sohn war noch in den letzten Kriegstagen „im Kampf um Berlin“ gefallen. Zwei Korbacher jüdischen Glaubens, die Kaufleute Siegfried und Alfred Kaufmann, waren Altenhein in Sachsenhausen begegnet. Er hatte ihnen stets etwas Essbares aus den Paketen abgegeben, die er von seiner Familie erhielt. Im Lager hatten sie ihm versprochen: „Fritz, wenn wir hier heil herauskommen, sollst du keine Not mehr leiden.“ Sie hielten ihr Versprechen, holten ihren Kameraden mit dem Auto vom Kasseler Bahnhof ab und fuhren ihn nach Korbach.

Nach neun Jahren sieht Heinz Altenhein seinen Vater wieder: „Vor lauter Heulerei habe ich kein Wort herausbekommen.“ Von den Kaufmann-Brüdern ordentlich eingekleidet, stattet die Familie alten Bekannten Besuche ab. Begegnungen mit denjenigen, die als Hitler-Anhänger, SA-Leute oder Nazi-Funktionäre nur vorübergehend von der Bildfläche verschwunden waren, waren später nicht zu vermeiden. „Wir hatten doch keine Wahl. Wir haben es doch nicht böse gemeint“, so lauteten damals die gängigen Ausreden der Mittäter und -läufer.

Was Fritz Altenhein in seiner achtjährigen Haftzeit erleiden musste, darüber hat er nicht viel geredet. „Er war für den Rest seines Lebens gezeichnet, wollte und konnte nicht über das Erlebte sprechen“, schildert es sein Sohn. Regelrecht verängstigt erlebte er ihn, wenn entsprechende Nachrichten Erinnerungen an die schreckliche Lagerhaft hervorriefen. Aus Rücksicht ließ die Familie solche Themen außer Acht. Fritz Altenhein war nicht mehr arbeitsfähig. Er erhielt zunächst eine Invaliden- und später eine Wiedergutmachungsrente. Er starb 1978.

Heinz Altenhein, der über eine abgeschlossene Verwaltungslehre verfügte, arbeitete zunächst einige Zeit in der Stadtverwaltung. Er entschied sich dann aber dafür, die aus der Heißmangel seiner Mutter entstandene kleine Wäscherei weiterzuführen. Zuletzt beschäftigte er in dem Betrieb zehn Angestellte. Dass weder eine Gedenktafel im Rathaus an die von den Nazis verhafteten und gefolterten fünf KPD-Stadtverordneten erinnert, noch eine Straße den Namen von Fritz Schulz (siehe Stichwort), Friedrich Wiggert, Daniel Flocke oder Wilhelm Seibert trägt, hält er für „beschämend“. Denn „diese Menschen, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit den Nationalsozialisten widersetzten“, werden bis heute „nicht genügend gewürdigt“.

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