Mengeringhäuserinnen halten Polka „Der fröhliche Waldecker“ in allen Ehren

Heimliche Nationalhymne

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Bad Arolsen-Mengeringhausen - Für Schüler des Arolser Gymnasiums gehörte es vor rund 100 Jahren zum guten Ton, die Polka „Der fröhliche Waldecker“ auf dem Klavier anzustimmen. Zwei Urenkelinnen des Mengeringhäuser Komponisten Heinrich Geritz halten eine Kopie der seltenen Noten in Ehren.

In den Familien von Martha Rabanus und Ruth Alhäuser wird die Erinnerung an den musikalischen Urgroßvater bis heute lebendig gehalten. Wie ihr Urgroßvater ist auch Martha Rabanus, geborene Schubert, eine „waschechte“ Mengeringhäuserin. Auch ihre Cousine Ruth Alhäuser, die in Weisendorf (Kreis Erlangen-Höchstadt) lebt und zurzeit auf Besuch in der Fachwerkstadt ist, wuchs in Mengeringhausen auf. Beide Frauen sind glücklich, dass die Noten des „Fröhlichen Waldeckers“, einer temperamentvollen Polka-Mazurka, den Nachfahren vor nunmehr 24 Jahren auf verschlungenen Wegen wieder in die Hände gefallen sind.

Anekdoten

Gerne und lebhaft hätten sich in früheren Jahren noch zahlreiche Mengeringhäuser an humorige Anekdoten um Heinrich Geritz erinnert, berichten dessen Urenkelinnen. Dieser hatte noch zwei Brüder, die ebenfalls ihren Weg machten: Wilhelm Geritz war als „staatlich geprüfter Heilgehilfe“ in der Kurstadt Bad Wildungen tätig, Bruder Albert war Bildhauermeister in Berlin. Einzig Heinrich Geritz (1836 - 1902) blieb seinem Heimatstädtchen treu.

Klavierstimmer

Als Klavierstimmer war er im gesamten Waldecker Raum unterwegs und betätigte sich in seiner Freizeit auch als Komponist. Neben dem „Fröhlichen Waldecker“ hat Geritz auch eine „Turner-Polka“ geschrieben, wie seine Urenkelin Ruth Alhäuser berichtet. Vor allem bei zahlreichen Lehrern und Pfarrern sei Geritz „bekannt und beliebt“ gewesen, zitiert Ruth Alhäuser aus Erzählungen aus ihrer Jugendzeit. Denn Lehrer und Pfarrer waren es auch, bei denen der Klavierstimmer vornehmlich seinem Handwerk nachging. Ein Absolvent des Arolser Gymnasiums war der einst in Landau lebende Rektor Gerke, wie sich Ruth Alhäuser erinnert. Nach dessen Bericht mussten in Arolsen alle angehenden Lehrer den „Fröhlichen Waldecker“ auf dem Klavier beherrschen. - Gar nicht so leicht, wie Martha Rabanus erklärt. So hatte ihr im vergangenen Jahr verstorbener Bruder, der Bad Arolser Fahrlehrer Fritz Schubert, zwar in jungen Jahren Musik studiert. „Doch selbst ihm war das Stück zu schwer zu spielen“, erzählt Martha Rabanus lächelnd.

Von Mäusen zernagt

Fritz Schubert war es auch, dem die Noten nach weit über einem halben Jahrhundert wieder in die Hände kamen. Die bereits vor Jahren verstorbene Mengeringhäuser Marliese Schilling hatte die Noten des „Fröhlichen Waldeckers“ in den Achtzigerjahren beim Aufräumen gefunden und diese dann dem Nachfahren des Komponisten übereignet. Zur großen Freude der Familie, die die bei C.G. Röder in Leipzig gedruckten und über die Bad Wildunger „Buchhandlung Conrad Hundt“ vertriebenen Blätter nun in Ehren hält. Dass Noten schon damals teuer waren, zeigt ein Blick auf den damaligen Preis: stolze 75 Pfennig hatten die drei Blätter um das Jahr 1900 herum gekostet.

Fritz Schubert hatte seinerzeit gleich mehrere Kopien der kostbaren Erinnerung für alle Verwandten anfertigen lassen. Keinesfalls sollte die Noten nämlich das gleiche Schicksal ereilen wie das einstmals einzige gedruckte Exemplar in der Familie. Das hatte die Großmutter von Ruth Alhäuser in einer alten Flügelbank aufbewahrt.

Die Klage sei damals groß gewesen, als entdeckt wurde, dass Mäuse die Noten zernagt hatten, erinnert sich Ruth Alhäuser lebhaft. Als Kind hatte sie sich den „Fröhlichen Waldecker“ mehrmals auf dem Klavier vorspielen lassen. Bis heute hat sie das schwungvolle Stück in guter Erinnerung.

Vor Waldecker Lied

In welchem Jahr ihr Urgroßvater die „Polka-Mazurka“ geschrieben hat, wissen Martha Rabanus und Ruth Alhäuser nicht. Auch die wiedergefundenen Noten geben darüber keine Auskunft. Allerdings dürfte der „Fröhliche Waldecker“ noch vor dem von Pfarrer August Koch (1857 - 1934) getexteten „Wal­decker Lied“ entstanden sein. „Mein Waldeck lebe hoch“ soll erstmals 1892 öffentlich gesungen worden sein.

Auch der gebürtige Wrexer August Koch hatte durch seine Heirat verwandtschaftliche Verbindungen nach Mengeringhausen geknüpft, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Wie August Koch hatte auch Heinrich Geritz seine Heimatverbundenheit musikalisch zum Ausdruck gebracht.

Vergessen

Doch während das „Walde-cker Lied“ nach wie vor regelmäßig bei sämtlichen Heimatfesten angestimmt wird, ist der „Fröhliche Waldecker“ allmählich in Vergessenheit geraten. Schade, finden die Urenkelinnen des findigen Komponisten, die die temperamentvolle Polka gerne wieder einmal hören würden. Vielleicht, so hoffen Martha Rabanus und Ruth Alhäuser, wäre das über eines der zahlreichen Ensembles der Christian-Rauch-Schule möglich. Dann wäre der „Fröhliche Waldecker“ auch wieder dort angelangt, wo er schon vor mehr als hundert Jahren eine Herausforderung für Schüler und Lehrer dargestellt hat.

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