Bathildisheim übergibt Originalakten von fünf jüdischen Nazi-Opfern an den Internationalen Suchdienst 

Helser Bürger versteckten behinderte Bewohner des Bathildisheims vor den Nazi-Schergen - Fünf wurden dennoch verschleppt

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Dokumentenübergabe vom Bathildisheim an den Internationalen Suchdienst: Von links ITS-Direktorin Floriane Azoulay, stvellvertretender Archivleiter Giora Zwilling, Bathildisheim-Vorstand Jens Wehmeyer und Bathildisheim-Archivarin Maren Heynck.  

Bad Arolsen. Das Bathildisheim hat fünf Akten ehemaliger Bewohnerinnen an den Internationalen Suchdienst übergeben. Die fünf Jüdinnen sind nach heutigem Wissenstand die einzigen Patientinnen des Bathildisheims, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden.

Die meisten anderen ehemaligen Bewohner konnten dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten unbeschadet entgehen, weil die Helser Bevölkerung auf Bitten des damaligen Pfarrers und Bathildisheimleiters Karl Preising behinderte „Pfleglinge“ bei sich aufnahm und vor den Nazi-Schergen versteckte.

Offizielle Politik des Nazi-Regimes war es, so genanntes „unwertes Leben“ systematisch zu vernichten. Behinderte aus jüdischen Familien standen ganz oben auf der Verfolgungsliste.

Im Archiv des ITS befindet sich eine Liste mit den Namen von fünf jüdischen Frauen, die bis 1940 im Bathildisheim waren und über die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht und dort ermordet wurden. Es sind dies Klara Schürmann (*1861), Fanny Baruch (*1871), Rosa Loeb (*1888), Anna Romberg (*1889) und Klara Löwenstern (*1904) Im Archiv Bathildisheim hat die neue Archivarin Maren Heynck die Akten über genau diese fünf Frauen gefunden.

 Die Frauen waren zwischen 16 Monaten und bis zu 28 Jahren Bewohnerinnen des Bathildisheims. Im Fall der Rosa Loeb gibt es sogar Unterlagen, die erzählen, die Rosas Angehörige vor der Emigration in die USA Grundstücke verkauften, um den Betreuung des behinderten Kindes zu finanzieren, denn auch die USA waren damals nicht bereit, Behinderte einwandern zu lassen. 

Aus den Akten geht hervor, dass die fünf Jüdinnen über die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen in die Tötungsanstalten im Osten gebracht und dort ermordet wurden. Am 19. August 1941 informeirte die „Irrenanstalt Cholm“ (Lublin) das Bathildisheim über den Tod der Rosa Loeb und fordert die Kosten der Pflegschaft und der Einäscherung ein.

Zusammen mit Bathildisheim-Vorstand Jens Wehmeyer übergab die Archivarin gestern die Originaldokumente, damit sie digitalisiert und zugänglich gemacht werden für die historische Forschung und für Nachforschungen von Familienangehörigen. Tatsächlich hat sich bereits in den 80er Jahren eine Angehörige nach dem Verbleib der Klara Schumann, geb. Katz, an den Suchdienst gewandt. „Mit den Bathildisheim-Akten bekommt auch dieses Opfer des Euthanasie-Programms der Nazis eine Biografie“, stellte der stellvertretende Archivleiter Giora Zwilling anerkennend fest..

„Der Internationale Suchdienst wird sich künftig wieder mehr mit der Akquise solcher Akten beschäftigen“, kündigte ITS-Direktorin Floriane Azoulay an. Bathildisheim-Vorstand Wehmeyer bot in diesem Zusammenhang an, andere diakonische Heime in Nordhessen zu bitten, ihre Archive zu durchsuchen: „Dort haben auch während des Nationalsozialismus Menschen gearbeitet, die wie Pfarrer Karl Preising gesagt haben: Ich muss Gott mehr gehorchen als der Regierung.“

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