Schule im Umbruch · Behinderung kein Grund mehr für Ausgrenzung

Herausforderung für alle Pädagogen

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Sie sind gemeinsam um Inklusion an den Schulen bemüht: v. l. die Leiterin der Kaulbach-Schule, Rosel Reiff, die Schulamtsdirektoren Lothar van Eikels und Ruth Pfannstiel, Eberhard Eckhardt als Leiter der Karl-Preising-Schule und Silke Voßhage als Leiterin

Bad Arolsen - Es geht um nichts Geringeres als das Ende der Sonderschulen. Inklusion bedeutet: Alle Schüler mit all ihren unterschiedlichen Begabungen und Schwächen werden in einer Schulform unterrichtet. Wie soll das funktionieren?

Einen ersten Schritt in Richtung Inklusion hat die Kaulbach-Schule unternommen, als sie Ende Juni eine Kooperationsvereinbarung mit der Karl-Preising-Schule abschloss und eine Inklusions-Klasse mit der Heinrich-Lüttecke-Schule einrichtete.

Schüler, die sonst etwa wegen Defiziten in ihrer emotional-sozialen Entwicklung eine Schule für Lernhilfe besuchen müssten, werden nun in der Regelschule unterrichtet.

Weichenstellung für Schule

Die zusätzliche Betreuung dieser Schüler, die sogenannte Differenzierung, wird von einem zusätzlichen Lehrer geleistet, der von der Lüttecke-Schule an die Kaulbach-Schule abgeordnet wird. Vor der Klasse stehen dann in der Regel zwei Lehrer, die sich sowohl bei der Unterrichtsvorbereitung als auch bei der Konzeption von Klassenarbeiten miteinander abstimmen müssen. Keine leichte Aufgabe für Angehörige einer Berufsgruppe, die bisher als „Einzelkämpfer“ vor der Klasse standen.

Im Ergebnis aber profitieren alle von dem neuen Unterrichtskonzept. Die beteiligten Schulleiter jedenfalls sind optimistisch, dass die Inklusion gelingen kann, wenn die personellen und räumlichen Voraussetzungen stimmen.

Für die sogenannte äußere Differenzierung sind zusätzliche Räume nötig, in denen einzelne Schüler oder kleine Gruppen vom zweiten Lehrer einzeln gefördert werden können.

„Wir befinden uns hier an einer Bruchstelle der Schulentwicklung“, fasst Schulamtsdirektor Lothar van Eikels zusammen: „Wir bringen künftig nicht mehr die Schüler mit dem besonderen Förderbedarf zu den Lehrern, sondern die Lehrer zu den Schülern. Ziel muss es sein, so viele Schüler wie möglich in der Lerngruppe zu halten und das ganze Spektrum der möglichen Störungen abzudecken: körperliche, geistige, emotionale und andere mehr. Wir wollen zeigen, ,dass das funktionieren kann.“

Um eine emotionale Bindung zu den Schülern aufbauen zu können, bleiben die Klassenlehrer während der Pausen im Klassenraum. In der Folge stehen diese Lehrer nicht für die Aufsicht auf dem Schulhof zur Verfügung. Entsprechend häufiger müssen die anderen Kollegen diesen Dienst leisten. Insofern leisten alle ihren Beitrag zum Gelingen der Inklusion an der Kaulbach-Schule.

Schulleiterin Rosel Reiff ist mit den ersten Ergebnissen der beiden Kooperationsklassen zufrieden und bereit, auch die nächsten Schritte zu gehen.

Den Anstoß zum inklusiven Schulunterricht gab Artikel 24 der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen, in Verwaltungsdeutsch übertragen nachlesbar etwa in Paragraf 51 des hessischen Schulgesetzes.

Erfahrungen sammeln

Doch alle Beteiligten wissen: Das ist kein Sparprogramm. Die vorhandenen Lehrerstellen reichen nicht, um alle Schulklassen doppelt zu besetzen. Deshalb der Start mit zwei Pilotklassen in den Jahrgangsstufen 5 und 6 der Kaulbach-Schule. Damit soll das System ans Laufen gebracht werden.

Eberhard Eckhardt, Leiter der Karl-Preising-Schule des Bathildisheims, hat bereits Erfahrung an der Partnerschule in Rosenthal sammeln können: „Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, bei Eltern ebenso wie bei den Lehrern.“ Am Bathildisheim aber gebe es genügend Kollegen, die sich freiwillige für das Kooperationsprojekt gemeldet hätten.

Großer Zeitaufwand

Deshalb begleitet die Karl-Preising-Schule auch eine zweite Kooperationsklasse an der Volkmarser Grundschule Villa R mit einer Doppelbesetzung: „Wir stecken in beide Kooperationen viele Lehrerstunden und leisten hier ein Stück pädagogische Anschubfinanzierung“, so Eckhardt.

Ähnlich groß ist der Einsatz der Heinrich-Lüttecke Schule. Die Leiterin der Schule für Lernhilfe, Silke Voßhage, erklärt dazu: Im aktuellen Schuljahr begleiten Pädagogen der Lüttecke-Schule die Arbeit einer Klasse an der Kaulbach-Schule und einer ersten Klasse an der Grundschule Neuer Garten mit zehn bis zwölf Stunden pro Klasse. Für das kommende Schuljahr ist ein weiterer Ausbau geplant.“

Nordhessenweit aber habe man mit dem Problem zu kämpfen, dass es nicht genügend Lehrer mit der nötigen sonderpädagogischen Fachausbildung gebe, berichtet Schulamtsdirektor van Eikels. Er spricht sich daher dafür aus, junge Lehrer künftig für einige Zeit von Süd- nach Nordhessen abzuordnen.

Eine weitere Aufgabe bestehe für die Schulträger, die Landkreise, den Ausbau zur Ganztagsschule zu forcieren. Nur wenn die Betreuung am Nachmittag fortgesetzt werde, ließen sich Entwicklungsstörungen auffangen und alle Kinder gleichmäßig fördern.

Als Vorbild gelten auf dem Gebiet der Inklusion wie so oft in der Pädagogik die skandinavischen Staaten. Aber auch in Südtirol wurden Sonderschulen abgeschafft und die Schüler in altersgerechte Klassen der Regelschulen übernommen.

Davon ist man in Hessen noch weit entfernt. Aber das Ziel ist klar formuliert.

Hintergrund

Der lateinische Begriff Inklusion umschreibt in der Bildungspolitik die Forderung, dass kein Schüler ausgeschlossen sein soll. Alle Schüler, ob mit oder ohne Behinderung, sollen gemeinsam unterrichtet werden. Den Anfang machten vor 15 Jahren die Kindergärten mit integrativen Gruppen.

Der inklusive Unterricht an Grundschulen und jetzt auch weiterführenden Schulen ist die logische Fortsetzung dieser politischen Forderung. (es)

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