Nach 30 Jahren in den Ruhestand

Interview mit engagiertem Musik-Pädagogen: „Auch böse Menschen haben Lieder“

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Rainer W. Böttcher genießt das raumgreifende Dirigat sichtlich.

Über drei Jahrzehnte hat Rainer W. Böttcher das Musikleben im Waldecker Land mitgeprägt. Zum Jahresende wird der Musiklehrer verabschiedet.

Eigentlich hätten schon die Weihnachtskonzerte der Christ-Rauch-Schule im vergangenen Jahr seinen Abschied aus dem Schuldienst markieren sollen, doch dann ließ sich Böttcher auf Drängen seines Dienstherren noch auf eine Nachspielzeit ein. Nun aber ist es offiziell: Das letzte donnernde „O du fröhliche“ wird der engagierte Pädagoge am 15. und 16. Dezember in der Stadtkirche dirigieren.

Herr Böttcher, Plattenspieler, CD oder Streaming-Dienst? Wie hören Sie Musik?

In allen Formen, also sowohl Spotify, viel über CDs natürlich und auch noch Schallplatten. Was ich nicht mehr höre, sind Kassetten.

Wie sind Sie zur Musik gekommen? Was war ihr erstes Instrument?

Mein erstes Instrument war die Blockflöte. Meine Eltern waren recht musikalisch. Mein Vater spielte Klavier. Daher kam wohl eine Anregung. Leider starb er früh, als ich elf Jahre alt war. Und von dem Erbe meines Vaters kaufte meine Mutter mir ein Klavier. 

Das war der Start in die Musik. Und als ich drei, vier Jahre alt war, soll ich auf die Frage, was willst du denn mal werden, immer gesagt haben: Generalmusikdirektor. Denn in meiner Familie wurde oft die Geschichte von Fritz Busch erzählt, der Generalmusikdirektor in Dresden war und mit dem wir verwandt sind.

Und warum sind Sie dann Musiklehrer geworden und nicht Generalmusikdirektor?

Die Arbeit mit jungen Leuten ist unheimlich gewinnbringend und interessant, hält einen selber jung. Und ich merkte immer, wie spannend und erfüllend es ist, diese Flamme für die Musik in jungen Leuten zu erwecken.

Wenn Sie zurückblicken, was waren die schönsten Erlebnisse als Musiklehrer?

Da sind die vielen Momente, wenn man einen Schüler in der fünften, sechsten Klasse erreicht hat und er strahlt, wenn er musiziert und etwas gespürt hat von der Wirkmächtigkeit der Musik. Und dann sind da die großen Projekte, die ich machen konnte, am See Genezareth und am Ölberg mit den Schülern auf einer großen Israel-Reise oder auf der Sonnenpyramide in Mexiko. 

Das waren Fahrten nach Sibirien mit dem Kammerchor, nach Amerika und mehrfach nach Italien. Das ist die ganze Spannbreite eines tollen, erfüllenden Berufslebens.

Gemeinsam mit Friedhelm Brusniak, Bezirkskonservator Dr. Michael Neumann, Stadtbaumeister Bernd-Gero Altwasser hatten Sie 1985 die Idee, mit den Barock-Festspielen ein barockes Gesamtkunstwerk in und für Arolsen zu schaffen.

Für Auge, Ohr, und Gaumen! Ja!

Und dann gab es den großen Einschnitt. Sie wurden aus der Organisation herausgenommen ... Wie blicken sie heute auf die Festspiele?

Grundsätzlich ist es schön, dass es die überhaupt noch gibt. Das kann man nur begrüßen. Sie waren ja in der Entwicklung Ausdruck dessen, was ich an der Christian-Rauch-Schule pädagogisch gemacht habe. Aus dieser Idee, junge Leute zu begeistern, zu begaben für Musik in jeglicher Form. Und das in einer Barockstadt, ausgehend von diesem Barockimpuls, den unsere Stadt nun mal hergibt. Da waren alle integriert in die Kulisse. Das waren ja Riesenfeste. Kinder und Jugendliche waren engagiert, waren einer der Hauptträger, neben der Säule mit den hochprofessionellen Künstlern.     Ich bin sehr froh, dass Frau Oberlinger mit den selben und ähnlichen internationalen Künstlern das weitermacht. Ich hätte mir gewünscht, dass auch der schulische Bereich im Sinne der Nachhaltigkeit für die ganze Region ein bisschen mehr im Auge geblieben wäre. Dazu gehört auch eine deutlich mehr auf Arolsen und die Region bezogene Programmatik, damit man die originären Besonderheiten herausstellt. Da könnte man so vieles machen, sogar in Bezug auf Arolsen Archives mit seiner weltberühmten Schindlers Liste. So kann man nach außen transportieren, was Arolsen alles zu bieten hat.

Wenn Sie noch einmal von vorne anfangen könnten, würden Sie sich wieder für eine Karriere als Musiklehrer entscheiden, oder doch lieber Generalmusikdirektor werden?

Ach, das weiß ich nicht. Zurückblickend kann ich sagen, es war ein unheimlich schönes, erfülltes Berufsleben. Meine Oma hat mich immer gewarnt: Junge, du kannst nicht Musik studieren, das ist eine brotlose Kunst. Und dann kam ich durch die Musik quer durch die ganze Welt. Da spielen natürlich viele Zufälle rein. Das kann man nicht planen. Manches ergibt sich durch Kontakte und Unterstützer. Ich glaube, ich würde es wieder genauso machen.

Sie verabschieden sich von der Schule am Sonntag, 15. Dezember, und Montag, 16. Dezember, mit dem großen Weihnachtskonzert in der Stadtkirche. Höhepunkt wird das von Ihnen arrangierte „O du fröhliche“ sein. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in das Konzert?

Mit sehr schönen und erwartungsvollen Gefühlen. Es sind wieder wahnsinnig viele junge Leute dabei. Das „O du fröhliche“ ist deshalb so bedeutsam, weil es von Anfang an meine Idee war, dass diese Jugendlichen, die teilweise aus kleinen Dörfern kommen und nicht alle von der Muse geküsst geboren wurden, einmal eine richtig große Musik erleben sollen. Dass sie Teil eines Ensembles sind, in dem 300, 400 Musiker gemeinsam musizieren und das Arolser Klangwunder entfachen.

Erstaunlich, was die Musik alles bewirken kann!

Die Musik ist eine unglaublich tolle Kraft. Man muss natürlich dazu sagen: Sie kann auch benutzt werden. Und sie wurde auch benutzt. Dieser Spruch: Böse Menschen haben keine Lieder, ist falsch. Auch böse Menschen haben Lieder. Und das ist auch etwas sehr Wichtiges, was wir im Unterricht zu vermitteln haben: Dass Musik nicht nur eine schöne Seite hat. Sie kann auch blind machen und verdummen und sie kann wie in der Nazizeit missbraucht werden. 

In der heutigen Zeit, in der jeder auf sein Handy starrt, und wo sich alle ent-personalisieren, hat Musik eine wichtige Aufgabe: Hier müssen sich die Musiker unter einem Dirigat vereinen und erfahren so ein Gruppenerlebnis, das alle modernen Medien nicht vermitteln können.     Und insofern gehe ich mit einem sehr guten Gefühl da rein und habe die Hoffnung, dass diese Art des großen musikalischen Gestaltens sich weiterentwickelt. Das ist ein gutes Gegengewicht in der heutigen Zeit gegen die mediale Dauer-Berieselung. Das ist wohl auch ein Grund, warum so viele Ehemalige kommen werden und mit musizieren.

Zur Person Rainer Böttcher

Rainer W. Böttcher, geb. 1954 in Arolsen. Der Vater war Eisenbahner, die Familie wohnte zwei Jahre im Mengeringhäuser Bahnhof. Dann stand 1956 ein dienstlich bedingter Umzug nach Kassel an. Grundschule, Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule, dann Musikstudium in Detmold und Köln. Referendariat an der Albert-Schweitzer-Schule. 1981 an die Christian-Rauch-Schule nach Arolsen. Abgeordnet als Fachleiter am Studienseminar in Kassel. 

Bei der Erarbeitung der Einheitlichen-Prüfungs-Anforderung im Abitur (EPA) der Kultusministerkonferenz war er der federführende Autor im Fach Musik. Daraus abgeleitet hat er die Lehrpläne im Fach Musik für das Land Hessen verfasst. Außerdem war er Leiter der Landesabiturkommission. In seiner Freizeit spielt er Klavier im Salonorchester „Cappuccino“. Außerdem leitet Böttcher seit 15 Jahren das Waldeckische Kammerorchester. Außerdem ist er tätig als Organist, gibt Konzerte, so zuletzt am Sonnabend in der lutherischen Pfarrkirche von Marburg.

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