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Jüdisches Leben in der Gründungszeit: Vortrag im Rahmen der 300-Jahr-Feier 

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50 jüdische Familien lebten im Fürstentum Waldeck, wohlhabende gab es nur in Arolsen. Sie konnten Häuser bauen lassen wie das Stieglitzsche Haus Schlossstraße 1 und Grundeigentum erwerben. In einem Anbau auf der Rückseite entstand unter der Rege der Familie Stieglitz 1763 - 1767 eine Synagoge.

Bad Arolsen. Jüdische Familien kamen bereits im 15. Jahrhundert ins Waldecker Land. Wie Juden nach der Stadtgründung 1719 nach Arolsen gelangten und welche Bedeutung sie für das junge Fürstentum hatten, darüber sprach Professor Gerhard Aumüller.

Sie verfügten als Händler und Finanzfachleute über ausgezeichnete Verbindungen und bauten, von der Fürstenresidenz Arolsen ausgehend, ein für Hessen beispielloses internationales Netzwerk auf. Gerd Aumüller beschrieb beim Waldeckischen Geschichtsverein in Bad Arolsen die Niederlassung jüdischer Familien nach der Stadtgründung.

Der aus Arolsen stammende Mediziner und Historiker Aumüller referierte vor großem Publikum im Bürgerhaus schwerpunktmäßig über die Geschichte der beiden Familien Stieglitz und Juda, aus denen bedeutende Mediziner und Bankier hervorgingen. Ergänzt und vertieft wurden die Ausführungen durch ein just zum Vortrag vom Geschichtsverein herausgegebenes und zum Verkauf angebotenes Heft Aumüllers im Rahmen der 300-Jahr-Feier von Arolsen.

Nach der Stadtgründung 1719 und parallel zum Aufbau des fürstlichen Kleinstaates wurden neben Verwaltungsbeamten, Handwerkern und Hofmusikern Händler und Finanzfachleute benötigt, für die Juden als nützlich betrachtet wurden.

Hirsch Stieglitz wurde 1763 Hoffaktor beim Fürsten in Arolsen. 

Der Stadtgründer Fürst Friedrich Anton Ulrich und seine Nachfolger brauchten jüdische Banker und Händler. Als Schutz- und Hofjuden waren sie privilegiert und wurden damit beauftragt, hochwertige Waren, wie etwa Juwelen oder Stoffe, auf Messen in Frankfurt zu beschaffen. Entlohnt wurden sie dafür nicht. Jedoch wurde ihnen Zollfreiheit gewährt.

50 jüdische Familien lebten im Fürstentum Waldeck, wohlhabende gab es nur in Arolsen. Sie konnten Häuser bauen lassen wie das Stieglitzsche Haus Schlossstraße 1 und Grundeigentum erwerben.

Doch von der unmittelbar nach 1763 existierenden 51 Häusern der damaligen Neustadt waren nur drei in jüdischen Besitz. In einer Aufstellung werden die Juden Marcus, Emanuel und Stieglitz erwähnt.

Im Gebäude Mannelstraße 3 befand sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts der letzte Synagogensaal der jüdischen Gemeinde zu Arolsen. Der große Raum war im östlichen Teil des Obergeschosses; auch der große Saal war womöglich Betsaal, wurde aber überwiegend als Theater genutzt.  

Nach dem fürstlichen Erlass von 1724 waren Juden zehn Jahre vom Schutzgeld befreit. Und 1725 wurde mit der Bezeichnung Hofjude die Erlaubnis verknüpft, ein eigenes Haus zu errichten und Grund zu erwerben.

Sie durften ihre Religion ausüben, eine Schule betreiben, es gab Ritualbäder, Betsäle und Synagogen. Dabei bildeten sich im Laufe der Jahrzehnte sowohl liberale als auch orthodoxe Strömungen heraus. Schließlich konvertierten Juden zum Christentum, was ihnen auch Vorteile im gesellschaftlichen Leben brachte.

Hofjuden sollten zur Finanzierung der neuen Residenz beitragen

Die mit der Einwanderung der Juden nach Mitteleuropa begonnene Verfolgung und Diskriminierung brachte es schließlich mit sich, dass ihre berufliche Tätigkeit schwerpunktmäßig auf Handel und besonders Geldschäfte beschränkt war, die Christen durften einst keine Zinsen nehmen. 

Aumüller machte deutlich, dass die Juden bei Geldgeschäften mit dem Fürsten große Vorsicht walten lassen mussten. Die exzessiven Ausgaben von Friedrich Carl August zu Waldeck überschuldeten das kleine Fürstentum so sehr, dass es durch den Akzessionsvertrag mit Preußen 1866 gerade so seine Selbstständigkeit bewahren konnte.

 Die meisten Geldgeber sahen ihr Geld nicht wieder. Mit 800.000 Talern stand das Fürstentum bei Regierungsantritt von Fürst Friedrich Carl August 1763 in der Kreide. Die Ausgaben überschritten ständig die Einnahmen, zudem gab es keine ordentliche Buchführung. Ein Großkredit des Landgrafen von Hessen über 1,2 Millionen Taler 1784 verschärfte die Finanzprobleme. 

In dieser Situation wurden auch die Juden in der Stadt beliehen. Aufgrund ihrer Verbindungen konnten sie den Fürsten erfolgreich unter Druck setzen und ihre Außenstände wieder hereinholen. Zudem waren die meisten klug genug, sich den Gegenwert durch Naturalien absichern zu lassen, etwa Anteile an der Pyrmonter Heilquelle zu bekommen, deren Wasser international verkauft wurde. Wer nicht vorsichtig genug war, geriet selbst in finanzielle Schwierigkeiten.

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