Galgenhumor im Angesicht von Erniedrigung und Gewalt

Kabarett in Theresienstadt: Das Lachen bleibt im Halse stecken

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Schwarzer Humor in Lied- und Reimform: Maria Thomaschke, Andreas Jocksch und der Pianist Nikolai Orloff bilden zusammen mit Winfried Radeke das Ensemble Zwockhaus, das im BAC-Theater Lieder aus Theresienstadt aufführte.

Lieder voll Melancholie und Sarkasmus direkt aus dem Herzen der früheren Insassen des Ghettos Theresienstadt, präsentierte das Ensemble Zwockhaus im BAC-Theater. Das Publikumsinteresse am Abend des Holocaust-Gedenktages war so groß, dass noch eilig zwei weitere Stuhlreihen aufgestellt werden mussten.

Bad Arolsen. Unter dem Titel „... und die Musik spielt dazu!“ gab das Musikkabarett mit Liedern und Texten einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt der von den Nationalsozialisten aus ihrem Alltag gerissenen Menschen, die zu diesem Zeitpunkt höchstens ahnen konnten, welche Grausamkeiten ihnen noch bevorstehen würden.

Im sogenannten „Vorzugslager“ Theresienstadt, das einst als Kasernenanlage von Kaiserin Theresia für bis zu 5000 Menschen errichtet worden war, pferchten die nationalsozialistischen Besatzer in Tschechien bis zu 60.000 Gefangene ein. Hierhin führten die Nazis 1943 Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, als diese sich vom Leben in Konzentrationslagern ein Bild machen wollten.

Lieder von Angst, Sehnsucht und Heimweh

In Theresienstadt waren zunächst vor allem prominente Juden interniert, darunter Wissenschaft und viele Künstler, Maler und Musiker, die hier zunächst auch ihrer Profession nachgehen konnten. Es gab sogar fünf Kabarett-Formationen, die die Aufgabe hatten, den Gefangenen für einige Stunden „Normalität“ zu vermitteln, bis der Abtransport in ein Vernichtungslager folgte.

So schimmert bei all der vordergründigen Fröhlichkeit in den Liedern und Texten auch immer das Düstere und Bedrohliche durch, etwa in den Textzeilen „Kränken Euch die Alltagssorgen, reicht das Wasser bis zum Kinn -, hier seid ihr davor geborgen, kommt hierher, wo ich jetzt bin.“

 Oder: „Ich wandere durch Theresienstadt, bis jäh mein Weg ein Ende hat.“ In vielen Texten geht es um Hunger, um Gewaltexzesse von Nazi-Schergen und immer wieder um Heimweh, um die Sehnsucht nach Wien. „In einem kleinen Café in Terezín trinkst Du den Tee und den Kaffee und denkst an Wien“ des Komponisten Walter Lindenbaum.

Einblicke in eine "grausig verrückte" Welt

Galgenhumor spricht aus den Liedern nach Operettenvorbildern: „Ja, wir in Terezin“ oder „Wo i geh und steh, dort schaufeln Juden Schnee“, nach dem „Erzherzog Johann-Jodler“.

Und Liedzeilen wie diese lassen auch das heutige Publikum erschaudern: „Moyre (Angst) kriegt man unbewusst von der Gelbsucht (gelber Stern) auf der Brust“.

Das Ensemble Zwockhaus, benannt nach dem tschechischen Ausdruck für „Verrückter“, machte bei seinem Auftritt im BAC-Theater deutlich, dass das Leben im Ghetto Theresienstadt eine in vielerlei Hinsicht grausig „verrückte Welt“ war.

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