Ehrenamtlicher Deutschunterricht für Flüchtlinge im Berufsbildungswerk

Keine Bange vor fremden Wörtern

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Hier können Große und Kleine eine Menge lernen: Helga Riedmaier beim Deutschunterricht für Flüchtlinge. Foto: Armin Haß

Bad Arolsen - „Ich heiße Helga, und wie heißt Du?“, eröffnet die Lehrerin Helga Riedmaier ihre Deutschstunde für Flüchtlinge in der Unterkunft im Berufsbildungswerk Bad Arolsen. Mit dem Unterricht wird das Betreuungsangebot vor Ort bereichert.

Bei den meisten der montags und dienstags vor ihr sitzenden Erwachsenen und Jugendlichen aus den verschiedensten Krisengebieten dauert es nicht lange, bis sie die pensionierte Schulleiterin verstehen. Dabei wechselt die Schülerschaft praktisch wöchentlich: Von den 100 Plätzen im BBW sind die meisten seit drei Jahren aus der überfüllten Erstaufnahmestelle in Gießen zugewiesen worden. Bad Arolsen ist für sie nur eine Zwischenstation, bis sich eine neue Unterkunft bietet. Syrien, Sudan, Afghanistan, der Irak, aber auch Serbien und Albanien sind die Herkunftsländer.

Manche können englisch sprechen, andere haben schon ein paar Brocken Deutsch gelernt und wieder andere kostet es einige Mühen, ihre Scheu vor dem Sprechen der so fremden Sprache zu überwinden. Helga Riedmaier wendet allerdings Deutsch als Unterrichtssprache an, schließlich will sie den Flüchtlingen ja bald die wichtigsten Vokabeln beibringen.

Es ist der früheren Leiterin der Grundschule Helsen ein Herzensanliegen, einen Beitrag zur Integration von Asylsuchenden in dem fremden Land zu leisten. Sie brauchte sich von der beim BBW mit zwei weiteren Kollegen für die Flüchtlinge zuständigen Betreuerin Hannelore Ludwig nicht lange bitten lassen, bis sie ihre erste Deutschstunde abhielt.

Die jeweils zwei Stunden montags und dienstags helfen den zumeist jungen Menschen, sich in der unbekannten Umgebung etwas besser zurechtzufinden. Zudem trägt der ehrenamtliche Unterricht auch dazu bei, den Alltag der Flüchtlinge sinnvoll zu strukturieren. Das ist es auch, was Helga Riedmaier durch ihren ehrenamtlichen Einsatz erreichen möchte.

Kurzfristig zugewiesen

Die allermeisten Schüler sind wissbegierig und lernen recht schnell die für sie fremden Vokabeln mit den nicht ganz einfachen Lauten. Hefte, Stifte, Tafel und Flipchart stellt das Bathildisheim. Wünschenswert wären noch Schautafeln, etwa zur Tierwelt oder zu Früchten, mit denen sich Wörter besser vermitteln lassen.

Das größte Problem stellt die Fluktuation in der Unterkunft dar. Die Betreuer vom BBW erfahren häufig gerade drei, vier Stunden vorher, dass sie neue Asylbewerber zugewiesen bekommen. Ebenso schnell gehen die Verlegungen von Flüchtlingen über die Bühne. Für den Deutschunterricht bedeutet das, „ich kann dann häufig wieder bei Adam und Eva anfangen“, berichtet die Lehrerin.

Sie habe den Unterricht zunächst recht „blauäugig“ angegangen, doch ihre gut 40 Jahre Erfahrung im Schuldienst und die Fähigkeit, auf unterschiedliche Voraussetzungen bei den Schülern einzugehen, helfen ihr, doch zu einem Erfolg zu kommen. Und wenn dann ein syrisches Mädchen im Grundschulalter auf Helga Riedmaier zugeht und ihr dann stolz die Grundzahlen von eins bis zehn aufsagt, dann erfüllt das die erfahrene Pädagogin mit besonderer Freude: „Ich gebe nicht nur, sondern bekomme viel zurück“, beschreibt sie die Dankbarkeit der Schüler und die Zufriedenheit über die Gelehrigkeit der Flüchtlinge.

Sozial macht mobil

An den länger in der Region lebenden Asylbewerbern, die auch ihren seit November angebotenen Deutschunterricht besuchen, kann sie natürlich am besten die Fortschritte erkennen. Da bohrt der afghanische Schneider Nasim schon mal nach den Konjugationsformen von Verben nach oder er will den Unterschied zwischen Dativ und Genetiv wissen, der bei den deutschen Muttersprachlern schon vielfach völlig verschwommen ist. Der Afghane lebt mit Frau und zwei Töchtern in Waldeck-Frankenberg. Der Deutschunterricht dürfte dem Mann helfen, für sich selbst besser in Deutschland zurechtzukommen, aber auch mit den beiden Kindern mitzuhalten, die beide eine reguläre Schule besuchen und dabei selbst noch viel schneller Deutsch lernen.

Wünschenswert, so Helga Riedmaier, wäre eine weitere Fachkraft für den Deutschunterricht. Damit könnte auch der Wunsch der Flüchtlinge nach zwei weiteren Deutschunterrichtstagen erfüllt werden.

Aufsichtsratsvorsitzender Helmut Hausmann und der Vorsitzende des Bathildisheim e. V. , Herbert Weygandt, sind erfreut über den freiwilligen und unentgeltlichen Einsatz der früheren Lehrerin. Die ehrenamtlichen Hilfen, etwa durch Schülerinnen im Rahmen des Projektes „Sozial macht mobil“ an der Kaulbach-Schule, tragen mit dazu bei, dass das Zusammenleben in der Unterkunft weitgehend konfliktarm abläuft. Der VfL Bad Arolsen bietet Sport für Flüchtlinge an, und beim TuS kicken bereits Asylbewerber mit. Wer sinnvoll beschäftigt ist, hat auch weniger Stress mit seinen Mitbewohnern.

Als Gastgeber, der die Räumlichkeiten im BBW an das Land vermietet, sorgt das Bathildisheim auch durch drei hauptamtliche Betreuer für die Flüchtlinge. Hausmann: „Es war uns von Anfang an wichtig, dass wir Ansprechpartner vor Ort anbieten können und die Flüchtlinge als Menschen mit ihren verschiedenen Sorgen und Bedürfnissen angesehen und behandelt werden.“

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