Einschneidende Maßnahme trifft viele Waldecker in der Tiefe ihres Herzens

Keine Volksfeste bis Ende August: Schlechte Aussichten für den Arolser Viehmarkt 2020

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Düstere Wolken am Abendhimmel über dem Kettenkarussell Wellenflug symbolisieren die schlechten Aussichten für den Arolser Viehmarkt  im August 2020.

„Das“ Arolser Viehmarkt, das größte Volksfest der Waldecker Landes wird in diesem Jahr ausfallen.

Bad Arolsen. Großveranstaltungen bleiben bis Ende August verboten. Diese ebenso knapp formulierte wie klare Ansage aus Berlin ist in Bad Arolsen eingeschlagen wie eine Bombe: Damit ist nämlich klar: „Das“ Arolser Viehmarkt, das größte Volksfest der Waldecker Landes wird in diesem Jahr ausfallen. So etwas hat es in der 300-jährigen Geschichte des Jahrmarktes nur ganz selten, etwa in Kriegsjahren,  gegeben.

Der Magistrat hatte sich bisher um eine klare Aussage zu diesem Thema herumgedrückt. Zu gravierend sind die Folgen für die beteiligten Schausteller und für das Lebensgefühl der Arolser.

Offizieller Magistratsbeschluss über Brockfestspiele am 21. April

Erst am Mittwochmorgen hatte Bürgermeister Jürgen van der Horst im Gespräch mit der WLZ noch auf die nächste Magistratssitzung am 21. April verwiesen. Bei dieser Gelegenheit solle auch über die Machbarkeit der Barockfestspiele entschieden werden.

Nun also die klare Vorgabe aus Berlin: Das Kanzleramt hat in einer Telefonkonferenz mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer Richtlinien für den weiteren Umgang mit der Corona-Krise formuliert und dabei ganz klar Aussagen zu Großveranstaltungen getroffen: Keine großen Feste bis Ende August.

Schaustellerfamilien sind hart getroffen

Das trifft vor allem die Schaustellerfamilien hart, die ihren Jahresablauf lange im Voraus planen und auf die Einnahmen bei den Volksfesten im Sommer angewiesen sind. Das trifft auch auf die Familie Kaiser zu, die mit ihrem Ponyreit-Geschäft seit Jahrzehnten den Viehmarkt mitprägt. 

Gilbert Kaiser hat mit seiner Frau Bettina vor 24 Jahren ein eigenes Geschäft eröffnet. Im vergangenen Jahr waren sie erstmals mit ihrem neuen Wurfspiel für Kinder auf dem Arolser Viehmarkt präsent und ließen ihre Neuanschaffung in einer würdigen Feier vom Schausteller-Pfarrer Drewes segnen und einweihen.

Wollen keine Zuschüsse, sondern  Geld mit eigenen Händen verdienen

 „Wir sind von der Entscheidung aus Berlin sehr enttäuscht“, erzählt Bettina Kaiser am Telefon: „Wir hatten uns schon wieder auf Bad Arolsen gefreut, denn wir hatten gehofft, dass die Saison nach der Corona-Zwangspause im August weitergehen könnte.“

Kirchlicher Segen für ein Familiengeschäft: Nach Viehmarktsgottesdienst 2019 zog der  Schaustellerpfarrer Volker Drewes mit seiner Drehorgel  zum neuen Entenangel-Stand von Bettina und Gilbert Kaiser und segnete das neue Geschäft

 Sie schlafe schon seit Wochen schlecht, weil sie nicht wisse, wie es mit ihrem Geschäft weitergehen solle. Mit den von der Regierung angebotenen Hilfsprogramme gegen Einnahmeausfälle habe sie sich noch nicht beschäftigt: „Wir wollen unser Geld mit eigenen Händen verdienen.“ 

Jetzt habe sie keine Ahnung, wie es weitergehen solle. Staatliche Förderung sei gut und schön, aber das sei bestimmt nur ein Tropfen auf den heißen stein: „Unsere festen Kosten laufen alle weiter.“ Für ihren Schwiegervater vom Ponyreiten sei die Situation besonders schwer: „Sein Leben ist es, rauszufahren zu den Volksfesten.“

Warum jetzt schon für Ende August entscheiden?

Ähnlich die Lage bei den Betreibern des Kettenkarussells: Der „Wellenflug“ ist ein Klassiker, der bei keinem Viehmarkt fehlen darf. Deshalb ist Mario Blume auch schon seit über 30 Jahren jeden August ein treuer Gast auf dem Königsberg. Das Fahrgeschäft hat der 53-jährige von seinem Vater übernommen. Auch sein Vater war schon Schausteller auf Volksfesten. 

Teil eines Familienunternehmens: Marylin Blume verkauft Fahrchips für das Kettenkarussell beim Viehmarkt 2016. In diesem Jahr wird sie wohl nicht Arolsen kommen.

Die Blumes aus Berlin-Zehlendorf verdienen nun schon in der fünften Generation ihre Brötchen bei Volksfesten. So wundert es nicht, dass auch Mario Blumes Sohn Maikel und Tochter Marylin im Unternehmen mitarbeiten. Am Morgen nach der Entscheidung im Kanzleramt ist Blume desillusioniert: „Die Saison ist gelaufen. Der August ist immer unser Hauptmonat. Die Annenkirmes in Brakel, der Viehmarkt in Arolsen, der Stoppelmarkt in Vechta und das Vogelschießen in Rudolstadt sind für uns ganz wichtige Feste.“ 

Blume macht keinen Hehl aus seiner Einschätzung: „Ich finde, dass das, was da gestern beschlossen wurde, ein bisschen zu weit im Voraus entschieden wurde.“ Bis zum August seien es noch vier Monate. In dieser zeit könne sich noch viel ändern. Blume: „Es ist gerade vier Monate her, dass das Virus zum ersten Mal aufgetreten ist. Vielleicht ist in vier Monaten auch alles wieder vorbei.“ 

Fraglich, ob es 2021 noch so viele Schausteller geben wird

Deshalb habe der Schaustellerverband auch immer dafür geworben, abzuwarten. „Wir sind schließlich flexibel. Wir können auch zwei, drei Wochen vorher noch unsere Pläne ändern. Aber vier Monate im Voraus?“ Blume denkt auch an die anderen Marktbeschicker, die Zeltverleiher, Brauereien, Tontechniker, Künstler: „Die sitzen alle zuhause und drehen Däumchen. Die haben jetzt keine Perspektive mehr. Auch die hätten gerne noch bis Juni, Juli gehofft.“ 

Keinen Gedanken hat Blume bisher daran verschwendet, staatliche Hilfen zu beantragen. Nun aber müsse er sich wohl mit den Antragsformularen beschäftigen. Sein Kettenkarussell ist zwar schon 43 Jahre alt und längst bezahlt. Dennoch gebe es jedes Jahr eine Menge zu investieren. 

Noch schwerer sei die Lage für all die Schausteller, die sich erst vor Kurzem wegen eines neuen Fahrgeschäftes verschuldet hätten. Daher Blumes pessimistischer Ausblick: Ich weiß nicht, ob es 2021 noch so viele Schausteller geben wird.“

Von Elmar Schulten

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