Suchdienst-Archive in Bad Arolsen Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes

Für kommende Generationen bewahren

Bad Arolsen - Die Archive des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen sind seit Mittwoch offiziell Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes, Das Zertifikat überreichte für die UNESCO Joie Springer im Bürgerhaus.

Bad Arolsen. Diese hohe Ehre war es dem den ITS kontrollierenden Internationalen Ausschuss mit Mitgliedern aus elf Staaten wert, die jährliche Tagung in Bad Arolsen abzuhalten. Der Suchdienst gehört nun mit seinen 30 Millionen Dokumenten über Verfolgung und Ermordung von Menschen während der NS-Zeit zu den 38 Welterbe-Denkmälern der UNESCO in Deutschland. Das Weltdokumenten-Register Memory of the World allein umfasst 299 Dokumente aus aller Welt, davon 17 aus Deutschland . Von der Aufnahme der Archive in das Memory of the World-Register erhoffe sich die UNESCO, dass deren tatsächliche Bedeutung besser bekannt werde, sagte Springer vor zahlreichen Ehrengästen und Mitarbeitern des ITS im voll besetzten Bürgerhaus. Nicht nur bei Forschern, sondern auch bei Bildungseinrichtungen, wie etwa den weiterführenden Schulen, sollte die Dokumentensammlung bekannter werden. Ohne die unablässigen Bemühungen des Internationalen Ausschusses hätten diese Unterlagen für die Welt verlorengehen können, erklärte die UNESCO-Repräsentantin. Neben bedeutenden Errungenschaften und Erfindungen der Menschheit spiegele das Register leider auch die schlimmsten Exzesse menschlichen Verhaltens wider: die Völkermorde und Auswirkungen von zwei Weltkriegen, erklärte Springer. Mit der Auszeichnung solle die beim Suchdienst geleistete großartige Arbeit hervorgehoben und dazu beigetragen werden, Originalmaterial zu schützen und die Bewahrung des Erbes zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen zu unterstützen. Die ITS-Archive seien bedeutend für die Menschheit, weil sie nachweislich zu dem Wissen über die Auswirkungen von Krieg auf die Völker beitrügen. Der Dokumentenbestand stehe für das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit und reflektiere Millionen von Tragödien und Leidengeschichten, sagte Botschafter Andrzej Misztal aus Polen, zugleich amtierender Vorsitzender des Internationalen Ausschusses. Der Großvater des Diplomaten war selbst Zwangsarbeiter. Misztal hat selbst an der Ausarbeitung des Vertrages über die Öffnung der Archive für die Forschungsarbeit mitgewirkt und sich im IA für die Aufnahme in das Welterbe eingesetzt. Der Suchdienst und Bad Arolsen sollten besser wahrgenommen werden, der Ausschuss verpflichte sich dazu, „das Archiv hier in Bad Arolsen nach besten Kräften zum Nutzen der Menschheit zu bewahren.“ Insofern bedeute die Aufnahme in das UNESCO-Register einen wichtigen Schritt für die Weiterentwicklung des Suchdienstes. ITS-Direktorin Rebecca Boehling dankte dem Engagement des Internationalen Ausschusses und der Mitarbeiter. Aufgrund der Dokumente sei es gelungen, Schicksale zu klären, Familien zusammenzuführen und Menschen zu finden. Für viele Menschen sei es aber auch wichtig gewesen, Gewisstheit über das Schicksal eines Angehörigen zu bekommen, auch wenn er ums Leben gekommen sei. Die Dokumente müssen für die Zukunft bewahrt sowie für Forschung und Öffentlichkeit besser zugänglich gemacht werden, sagte Bürgermeister Jürgen van der Horst. Die Anerkennung als Teil des Welterbes ist nach seinen Worten Verpflichtung und Impuls zugleich. Es bestehe Handlungsdruck, daher verdiene die Initiative des Bundes Unterstützung. Nicht zuletzt bedeute die Verleihung des UNESCO-Zertifikates auch eine wichtige Wertschätzung für die in den vergangenen sieben Jahrzehnten geleistete Arbeit.Staatssekretär Mark Weinmeiuster als Vertreter der Landesregierung bekannte: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir ein solches Archiv hier nicht gebraucht hätten.“ Doch die beim ITS geleistete Arbeit und dessen monumentale Aufgaben machten den Suchdienst zu einer unverzichtbaren Institution. Die Arbeit trage dazu bei , dass die Opfer nicht in Vergessenheit gerieten und sie ein Gesicht bekämen. Zudem ist es nach seiner Auffassung wichtig, die Forschungsarbeit zu unterstützen und die Sicherung der Dokumente voranzutreiben. Hierüber müsse mit dem Bund als Finanzier des Suchdienstes verhandelt werden.

In einer Zusammenfassung der Kommission der UNESCO, die für die Anerkennung als Weltdokumentenerbe zuständig ist, heißt es unter anderem: In den Archiven des Internationalen Suchdienstes werden 30 Millionen Dokumente aufbewahrt, die Aufschluss geben über das Schicksal Verfolgter in der NS-Zeit und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Es sind zweifellos die größten Archive, in denen die Schicksale der Verfolgten und Ermordeten dokumentier werden. Die Sammlung beim Internationalen Suchdienst umfasst Schriftstücke aus Konzentrations- und Vernichtungslagern, Ghettos und Gestapo-Gefängnissen sowie Dokumente über die Verschleppung und Ausbeutung durch Zwangsarbeit und die Schicksale von so genannten Displaced Persons, also Heimatlosen, einschließlich der Überlebenden, die aus dem zerstörte Europa auszuwandern suchten. Seit 1946 bezeugen die Archive des ITS in Bad Arolsen die Verfolgung von Minderheiten und politischen Gegnern der Nazis aus allen Richtungen, die extreme Ausbeutung durch Zwangsarbeit und die Entwurzelung von Menschen aus ihrer Heimat. Im Laufe der Zeit bekam der Suchdienst weitere Aufgaben: Die Verbreitung von Informationen über die Verfolgung, die Öffnung des Archivs, die Unterstützung von Bildung und Forschung. Viele Wissenschaftler von Universitäten, Gedenkstätten sowie von Forschungs- und Bildungsinstituten aus verschiedenen Ländern nutzen gegenwärtig das Archiv für ihre Forschungsprojekte. Der bloße Umfang der ITS-Archive illustriert das Ausmaß der Verbrechen der Nazis. Weil bald keine Zeugen mehr leben werden, die ihre Geschichten erzählen können, bekommen die Dokumente aus den Suchdienst-Archiven eine immer größere Bedeutung. Sie werden die Erinnerung an das, was geschehen ist, für die kommenden Generationen bewahren und die grundlegenden Werte von Demokratie und Freiheit, des Schutzes von Minderheitenrechten und der Wertschätzung der Menschenrechte unterstreichen.Die Archive bestehen aus zwei Kernbereichen: Die Sammlung von Originaldokumenten und die Zentrale Namenskartei, die mit 50 Millionen Karten den Schlüssel zur Klärung der Schicksale von 17,5 Millionen Menschen liefert. (ah)

Fotos vom Festakt finden Sie in dieser Bildergalerie.

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