Persönliche Gegenstände von KZ-Häftlingen · WLZ-FZ-Serie zur Arbeit des Internationalen Suchdienstes (Folge 5 )

Die Kraft der Erinnerung wirkt weiter Putten 1944 Die Rückgabe von verwahrten Effekten

- Die Eintrittskarte für 
einen Zirkus. Der Mitgliedsausweis des Fußballclubs. Das Foto der Geliebten. Gedanken an unbeschwerte Tage, an Menschen, die einem nahestehen. In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern nahmen die Aufseher den Häftlingen ihre letzten persönlichen 
Gegenstände ab. Die Kraft der Erinnerung sollte die systematische Vernichtung der Opfer nicht stören.

Bad Arolsen. Der 1. Oktober 1944 ist ein Sonntag. Die Einwohner der holländischen 
Gemeinde Putten versammeln sich nicht zum Gottesdienst in der Kirche. Deutsche Wehrmachtssoldaten treiben sie 
vor der alten Kirche, der Oude Kerk, zusammen. Der im Ersten Weltkrieg hochdekorierte 
Fliegergeneral Friedrich Christiansen hatte als deutscher 
Befehlshaber in den besetzten Niederlanden angeordnet, den Ort niederzubrennen und 
alle Männer „im wehrfähi
gen Alter“ zu erschießen. Die Razzia war eine Vergeltungsaktion für einen Anschlag, bei dem holländische Widerstandskämpfer in der Nacht zuvor zwei deutsche Offiziere getötet hatten (siehe Hintergrund).

Namensliste abgeglichen

„660 Männer kamen damals nach ihrer Verhaftung zunächst in das Durchgangslager Kamp Amersfoort“, berichtet Pieter Dekker, „59 wurden später wieder freigelassen, 601 schließlich am 11. Oktober in das Konzentrationslager Neuengamme deportiert.“ 588 Puttener erreichten es drei Tage später. 13 Männer hatten sich unterwegs aus dem Zug gestürzt. Von den 588 KZ-Häftlingen überlebten 48.

Dekker arbeitet ehrenamtlich für die Stiftung „Oktober44“, auf deren Initiative 1992 ein 
Gedenkraum in Putten eingerichtet wurde. Er enthält eine Ausstellung mit Texten, Fotos und Exponaten zur Geschichte der Razzia im Oktober 1944 sowie einen Raum mit den Namen aller Ermordeten.

Ende 2007, unmittelbar nach der Öffnung des ITS-Archivs für die historische Forschung, kamen die Niederländer zum ersten Mal nach Bad Arolsen. Beim Abgleich der Namensliste stießen sie damals sofort auf 22 Umschläge mit persönlichen Wertsachen, so genannte Effekten, die den damaligen Häftlingen bei ihrer Ankunft in Neuengamme abgenommen wurden.

„Die Zeit ist kurz“

In Gemeinde- und Stadtverwaltungen um Auskunft bit
ten, die Telefonbücher durchforsten oder im Internet nach Hinweisen auf Namen der Häftlinge suchen: Die oftmals mühsame Kleinarbeit erledigt Dekker, ein 50-jähriger Steuerberater, im Team mit anderen ehrenamtlichen Mahnern und Mitarbeitern der Gedenkstätte. Zusammen mit Annemiek Littlejohn, Eddy van der Pluijm und Remco Reiding hat er Ende Mai im Archiv des Internationalen Suchdienstes nach weiteren Spuren gesucht.

„Die Zeit ist kurz“, sagt Dekker. Die Gruppe der Überlebenden wird von Tag zu Tag klei
ner. Einer von ihnen ist Simon Heinsius, geboren am 7. April 1920. Sein Personalausweis, ausgestellt am 12. Juli 1941 von der Gemeinde Heerenveen, Briefe seiner Eltern, Fotos, die vermutlich seinen Bruder zeigen, das aus einer Zeitung ausgeschnittene Stellenangebot eines Lederwarengeschäfts und weitere Dokumente, die sich in seiner Brieftasche fanden, wurden vom Suchdienst eingescannt. Am heutigen Samstag wollen Dekker und seine Mitstreiter diese Effekten persönlich übergeben.

„Emotionaler Moment“

Bereits im Februar hatten in der Gedenkstätte Kamp Amersfoort 35 niederländische Familien die in Neuengamme konfiszierten und bis dahin beim ITS verwahrten persönlichen Gegenstände ihrer Angehörigen entgegengenommen. Rückgabe von Effekten: Was sich wie ein nüchterner, vorschriftsmäßiger Vorgang anhören mag, ist in Wirklichkeit „ein sehr emotionaler Moment“, sagt Nicole 
Dominicus, Leiterin der ITS-
Abteilung Archivanfragen und Besucherbetreuung, die mit in die Niederlande gereist war.

Der Niederländer Pieter Decker nennt es schlichtweg „Wahnsinn“, wenn eine Tochter zum ersten Mal in ihrem Leben ein Foto ihres Vaters betrachten kann, der vor ihrer Geburt inhaftiert und später im KZ getötete wurde; wenn eine 92-jährige, gebrechliche Frau ihr Krankenbett verlässt, um die Brieftasche ihres Bruders in Empfang zu nehmen; wenn vier Besucher der Gedenkstätte sich zufällig als Nachkommen eines Razzia-Opfers erweisen und ihnen dessen Ehering überreicht werden kann. Achtmal sind die niederländischen Besucher diesmal beim ITS fündig geworden. Insgesamt konnten somit bisher mehr als 60 Effekten-Umschläge an die beiden Opferorganisationen in Amersfoort und Putten zurückgegeben werden.

Aus einem dieser Umschläge ziehen Pieter Dekker und Nicole Dominicus mit weißen Baumwoll-Handschuhen eine Brieftasche aus brüchigem Leder. Zum Vorschein kommen eine Zirkus-Eintrittskarte, viele Fotos, ein Zettel mit Adressen, vielleicht von Leidensgenossen. Behutsam dreht Dekker jedes der teilweise vergilbten und angerissenen Schriftstücke um: „Jeder hat das Recht zu wissen, was damals mit seinen Angehörigen passiert ist. Solange es noch Familien gibt, die darüber im Unklaren sind, ist unsere 
Arbeit nicht beendet.“

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