Sarah Stöhr kann sich mit Führhund wieder sicher in Bussen, Geschäften und auf der Straße bewegen

Labradorhündin macht Wrexerin mobil

Diemelstadt-Wrexen - Mit dem Blindenführhund Tina ist die blinde Wrexerin Sarah Stöhr mobiler geworden, doch Hindernisse türmen sich bisweilen in den Köpfen der Mitmenschen auf.

Diemelstadt-Wrexen (ah). „Such Tür!“ - Die Labradorhündin zieht mit dem weißen Führgeschirr sanft los. Im Nu hat Sarah Stöhr die Haustür ihrer Freundin erreicht. „Such Kasse!“, spricht die junge Frau, und schon geht das durch eine Leine verbundene Paar in Richtung Kasse, der Einkauf kann endlich abgeschlossen werden. Sarah Stöhr ist seit zwei Jahren blind. Ein Glaukom (Grüner Star) hat sie auf einem Auge erblinden lassen. Mit dem anderen nimmt die 25-Jährige die Unterschiede von Hell und Dunkel wahr. Sie stand kurz vor der Zwischenprüfung zur Verkäuferin, als sie die ersten massiven Sehstörungen bekam. Erkannt wurde das Problem, als es schon zu spät war. Ein Arzt, so berichtet sie, habe die Störungen mit Prüfungsstress begründet. So richtig wahrhaben wollte sie selbst freilich auch nicht, dass sie schon bald mit dem Blindenlangstock und dann mit dem Führhund losgehen muss. Der Langstock ist der verlängerte Finger für einen Blinden, so tasten sich Sehbehinderte durch Räume oder über Gehwege. Doch um richtig sicher gehen zu können, braucht es Übung und ein Gefühl für plötzlich auftauchende Hindernisse, etwa wenn sich der Klang der Schritte plötzlich verändert oder die Umgebungsgeräusche anders reflektiert werden. Doch das Risiko, in eine ungesicherte Baugrube zu landen, ist nicht gering. Seit dem 5. November verfügt Sarah Stöhr über einen Blindenführhund. Tina ist zwei Jahre alt, verspielt und verschmust. Doch sobald sie das weiße Führgeschirr umgelegt bekommt, hört Tina aufs Wort, weiß sie, dass sie ihre Herrin sicher durch den Alltag führen muss. In Erwitte wurde der Vierbeiner von einer Spezialschule ausgebildet. Um sicherzustellen, dass Tina nur auf Sarah Stöhr hört und auf sonst niemand, wurde die Wrexerin zu einer zweiwöchigen Schulung nach Erwitte eingeladen, wo sich die Hündin und das Frauchen aneinander gewöhnten. Der Klang der Stimme prägt sich in das Gedächtnis ein und ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal neben dem Geruch eines Menschen. In den vergangenen fünf bis sechs Wochen sind Sarah Stöhr und Tina viel unterwegs gewesen. Die junge Frau ist zur Zeit ohne Beruf und ohne Stelle. Daher hat sie auch Zeit, um sich viel zu bewegen und zu testen, wie mobil sie wirklich ist. Es ist verblüffend: Das Tier führt Sarah Stöhr zur Einstiegstür eines Busses, warnt die Besitzerin vor einem Fehltritt am Bahnsteig - etwa ins Gleisbett. Das nennt sich Abgrunds- und Gehorsamsverweigerung in der Fachsprache der Hundeausbilder. Und dieses antrainierte Verhalten kann das Leben des Frauchens retten. Oder bewahrt sie vor Blessuren, etwa durch dornige Äste, die in Kopfhöhe in den Weg ragen. Keinen Schritt geht Tina weiter, wenn der Weg unpassierbar wird, etwa wenn‘s für beide zu eng wird, „Tina sieht für mich“, sagt Sarah Stöhr. Mit dem Hund sei sie voll mobil. So fühlt sie sich sicher, wenn sie in den Bus einsteigt, um zum Bahnhof nach Warburg und dann weiter in ihre ehemalige Heimatstadt Göttingen zu fahren. Für den Hund als unentbehrlichen Begleiter muss sie übrigens keine Fahrkarte lösen. In der größeren Stadt fühlt sich Sarah Stöhr mit ihrer neuen Begleiterin sicher, ist sie sogar deutlich entspannter als mit dem Blindenstock. Tina hat gelernt, Ampeln anzuzeigen in dem sie diese anspringt und ihre Halterin zu Zebrastreifen zu führen. Doch nicht überall ist sie gern gesehen, und in einem Lebensmittelmarkt wurde ihr verweigert, den Hund mit in den Laden zu bringen. Sie könne den doch draußen anleinen. „Blindenführhunde kosten 20 000 bis 30 000 Euro. Was ist, wenn Tina draußen vor der Tür etwas passiert?“ Doch im allgemeinen akzeptieren die Ladenbesitzer das Mitbringen des Hundes, das weiße Führgeschirr weist Sarah Stöhr als Sehbehinderte aus. Es ist nach der Straßenverkehrsordnung genau so ein Erkennungszeichen wie der Blindenlangstock und die gelbe Armmanschette mit den drei schwarzen Punkten. Dazu kommt dann noch die Sonnenbrille, die die Frau wegen der Empfindlichkeit eines Auges gegen Helligkeit trägt. Was Sarah Stöhr nervt, ist, wenn Passanten Tina streicheln oder sie weglocken wollen: „Das verwirrt den Hund nur und kann mir Probleme bringen“, erklärt Sarah Stöhr. Auch freilaufende Hunde, die Tina anspringen, sind Stressfaktoren für den Führhund. Und können die Orientierung der Halterin durcheinander bringen Die junge Wrexerin wünscht sich einfach nur etwas mehr Verständnis, wenn sie erklärt, dass Tina gerade im Dienst sei und deswegen nicht abgelenkt werden dürfe. Gewiss muss sie selbst auch lernen, mit solchen Situationen etwas gelassener umzugehen. Immerhin: Sarah Stöhr kann mit der vierbeinigen Begleiterin das Hundefutter oder sich eine neue Bluse kaufen. Die alten Kontakte zu Freundinnen und Bekannten sind ihr weitgehend erhalten geblieben. Wegen der weiten Entfernungen ist sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Doch die Kommunikation muss auch über Telefon funktionieren oder per E-Mail: Das iPhone sei durch die Sprachfunktionen und das integrierte Vorlesesystem wie geschaffen für Blinde und Sehbehinderte. Und am Notebook kann sie mit einem ähnlichen System den Desktopinhalt in Sprache und Braille-Schrift (Punktschrift) umwandeln lassen. Briefe scannt Sarah Stöhr ein, und über eine OCR-Funktion werden sie in Text umgewandelt, damit diese zugänglich sind für die junge Frau. Das Schreiben funktioniert auch ohne Braille-Kenntnisse, also ohne die Punktschrift für Nichtsehende. Mit dem Zehn-Finger-System kann sie selbst mithilfe der herkömmlichen Tastatur auf ihrem Mobiltelefon oder dem Notebook Texte schreiben. Gelernt ist gelernt: Die Finger huschen flink über die Tastatur. Was Sarah Stöhr als Sehende gelernt hat, kommt ihr auch nach dem Verlust des Augenlichtes zugute. Doch mit der Blindenschrift hat sie sich inzwischen auch vertraut gemacht. Im kommenden Jahr wird sie eine mehrmonatige Blindentechnische Grundausbildung (BTG) am Berufsbildungswerk in Soest durchlaufen, um noch sicherer im Umgang mit dem Computer und der Braille-Schrift zu werden. Dort lernen Blinde von neuem, wie sie Waschpulver richtig dosiert in die Maschine kippen, Mahlzeiten auf dem Herd zubereiten oder ein Brot schmieren, ohne die Marmelade über den Tisch zu streichen wenn sie diese Dinge nicht mehr können. Blinde durchlaufen dort auch bei Bedarf ein Mobilitäts- und Orientierungstraining, lernen dabei den Umgang mit dem Blindenlangstock. Die BTG ist auch eine Voraussetzung, um einen Blindenführhund zu bekommen.Nach dieser Ausbildung will Frau Stöhr endlich - im zweiten Anlauf - ins Berufsleben eintreten. Sie möchte Masseurin werden. Mit Tina an der Seite dürfte sie dann problemlos zum Arbeitsplatz gelangen.

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