Rostislav Polchaninov landete bei Kriegsende in Nordhessen · WLZ-FZ-Serie über den ITS (Folge 10)

Ein Leben als heimatloser Pfadfinder Weiße Armee und NTS

- Ideologien, Diktaturen, Weltkriege: Das Leben von Rostislav Polchaninov steht exemplarisch für den Verlauf des 20. Jahrhunderts.

Bad Arolsen. Novocherkassk, Sarajevo, Wien, Nordhausen, New York: Weltpolitische Ereignisse, sich daraus ergebende Ver- und Entwicklungen sorgten dafür, dass Rostislav Polchaninov mit seiner Familie mehr als einmal zwischen die Fronten geriet. Drei Jahrzehnte lang war er, meist unfreiwillig, „unterwegs“. Am Ende des Zweiten Weltkrieges schien er zunächst in der „richtigen“ Besatzungszone gestrandet zu sein. Dann zogen die Alliierten die Grenzen neu und die Polchaninovs weiter, von Thüringen nach Nordhessen.

„Displaced Persons“ (DP) nannten die westlichen Besatzungsmächte Zivilisten, die sich „aus kriegsbedingten Gründen außerhalb der nationalen Grenzen ihres Heimatlandes“, befanden, die nach Hause zurückkehren wollten, aber dazu nicht in der Lage waren, weil sie dafür in feindliches oder ehemals feindliches Territorium hätten zurückgebracht werden müssen. Die damalige deutsche Übersetzung klingt dagegen schroff: „Heimatloser Ausländer“.

Bei Kriegsende gab es in Westdeutschland, Berlin und Österreich acht bis neun Millionen DPs in etwa 2500 Lagern. Im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen lagert der Großteil ihrer Dokumente .

Polchaninov war von 1945 bis 1951 im DP-Lager in Mönchehof bei Kassel untergebracht. Ein Foto zeigt den begeisterten Pfadfinder unter Gleichgesinnten am Edersee im August 1947.

Polchaninov war keine zwei Jahre alt, als er im November 1920 mit seiner Familie aus Novocherkassk evakuiert wurde. Sein Vater diente im Stab des Kommandeurs der Weißen Armee. Über Sevastopol am Schwarzen Meer und Konstantinopel (das heutige Istanbul) gelangte die Familie nach Sarajevo. Dort beendete Polchaninov die Schule und begann danach ein Jurastudium in Belgrad.

Über das Schicksal von Polchaninovs Schwiegermutter Anna Naumova berichtete die WLZ-FZ in der siebten Folge dieser Serie. Im Zuge der Recherchen kam der Kontakt zum heute 91-Jährigen zustande, der in New Hyde Park im US-Bundesstaat New York lebt. Auf die Fragen antwortete Polchaninov per E-Mail.

• Warum und unter welchen Umständen wurde Ihre Familie 1920 von Sevastopol nach Istanbul und weiter nach Sarajevo evakuiert?

Weil mein Vater ein Offizier der Weißen Armee (siehe Hintergrund) war.

• Wie verlief Ihre Schul- und Studienzeit?

Meine Familie lebte in Sarajevo. Dort besuchte ich erst den russischen Kindergarten und die Grundschule, danach das jugoslawische Gymnasium. Zum Jura-Studium ging ich nach Belgrad.

• Welche Vorzeichen für einen drohenden Krieg und die Ausbreitung totalitärer Regime in Europa konnten Sie wahrnehmen?

Es war klar, dass es einen Krieg geben würde, als Deutschland die Tschechoslowakei verteilt und Böhmen und Mähren zum Protektorat gemacht hat.

• Wann und wie gelangten Sie nach Deutschland?

Am 22. Juni 1941 griffen das Deutsche Reich und seine Verbündeten die UdSSR an. Der NTS (siehe Hintergrund), eine russische Emigranten-Organisation, hatte es sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Mitglieder in die von den Deutschen okkupierten Gebiete der Sowjetunion einzuschleusen. Als NTS-Mitglied kam ich im März 1943 nach Pskov (Pleskau). Dort war ich als Religionslehrer in der Schule der orthodoxen Mission beschäftigt.

• Bei welcher Gelegenheit und unter welchen Umständen lernten Sie Ihre spätere Frau, Valentina Naumowa, kennen?

In Mai 1943 wurde die Kirchenschule der Mission geschlossen, an der ich tätig war. Alle Schüler, die älter als zwölf waren, wurden zum Arbeitsdienst verpflichtet. In der orthodoxen Mission war ich weiter als Jugendarbeiter tätig. So habe ich meine spätere Frau kennengelernt.

• Das Kriegsende haben Sie in Niedersachswerfen erlebt. Wie kamen Sie nach Thüringen?

Um nicht in die Hände der Kommunisten zu geraten, bin ich mit meiner neuen Familie erst nach Riga und dann nach Wien abgereist. Ich habe in der russischen Bauunternehmung (die einzige) in Berg bei Wien gearbeitet. Als sich abzeichnete, dass wir in die Fänge der Sowjetarmee geraten könnten, haben wir nach sehr großen Schwierigkeiten in Niedersachswerfen neue Arbeit gefunden. Wir waren keine Zwangsarbeiter.

• Am 11. April 1945 erreichten US-Truppen den Ort bei Nordhausen. Welche Erinnerungen und Gefühle sind mit diesem Tag für Sie verbunden?

Das war das Ende von Angst und Hunger.

• Wie gelangten Sie damals ins DP-Lager Mönchehof bei Kassel?

Weil die US-Truppen sich wieder aus Thüringen zurückzogen und Niedersachswerfen damit in die sowjetische Besatzungszone fiel, sind wir Richtung Westen nach Kassel gezogen. Dort landeten wir im DP-Lager in Mönchehof.

• Wie gelang die Ausreise in die USA 1951?

Die Ausreise nach USA war nicht so einfach. Die Amerikaner haben uns zunächst sehr stark kontrolliert. Als das DP-Camp 1949 in ein Fremdenlager umgewandelt wurde, haben wir Ende 1951 doch die Erlaubnis zur Ausreise bekommen.

• Wie verlief das Leben in den USA für Sie und Ihre Familie weiter?

In Deutschland habe ich die englische Sprache nicht gut gelernt. Schnell habe ich Arbeit in einer Backwarenfabrik gefunden, in der viele Beschäftigte Deutsche waren. So gab es keine gravierenden Probleme.

• Welchen Lebensweg nahmen Ihre Kinder Ludmilla und Michail, die in Wien und München geboren wurden?

Ludmila war als Designerin in der Textilindustrie tätig, jetzt ist sie in Pension. Michail ist Computerspezialist. Er hat seinen Geburtsort München besucht und traf in dem Krankenhaus, in dem er das Licht der Welt erblickte, auf sehr freundliche Deutsche.

• Wie verlief Ihre berufliche Laufbahn in den USA?

Ich arbeitete als Journalist beim amerikanischen Radio „Liberty“ und für russische Zeitungen und Zeitschriften in den USA.

• Sind Sie noch immer in der Pfadfinder-Bewegung (Boy Scouts) aktiv?

Ja. Ich leite im russischen Pfadfinderbund in der Hauptverwaltung die Abteilung für die Geschichte und Archive.

• In welcher Weise hat Sie Ihr Schicksal als DP geprägt?

Ich war kein Zwangsarbeiter und das DP-Schicksal war nicht zu schlimm.

• Haben Ihre Kriegserlebnisse dazu geführt, die Nachkriegsentwicklung Deutschlands mit Skepsis zu betrachten?

Nein. Ich hatte keine Skepsis.

• Haben Menschen, Staaten, Regierungen aus den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs Lehren gezogen? Was meinen Sie?

Verschiedene Menschen, verschiedene Staaten und die verschiedenen Regierungen haben die unterschiedlichsten Lehren gezogen.

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