Zerlegung und Verkauf gehen weiter

Protest gegen letzte Schlachtung im Mengeringhäuser Schlachthof

Einem symbolischen Trauerzug fährt ein Schlepper mit Sarg voraus.
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Letzte Schlachtung in Mengeringhausen: Enttäuschte Landwirte, Kommunalpolitiker und Metzger aus der Region tragen symbolisch den Mengeringhäuser Schlachthof zu Grabe.

Im Schlachthof der Landwirtschaftlichen Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen eG auf dem Mengeringhäuser Hagen sind am Montag, 15. November, die letzten Tiere geschlachtet worden.

Mengeringhausen - Der Schlachtbetrieb wird wegen Personalmangels eingestellt. Die Zerlegung und der Verkauf von Fleisch gehen aber weiter.

Das bekräftigte gestern im WLZ-Gespräch der Geschäftsführer der Genossenschaft, Dirk Blettenberg, der am letzten Schlachttag sogar persönlich Fleisch an die Vertragspartner ausliefern musste, weil das nötige Personal fehlte.

Zallreiche Ausfälle reduzieren Personaldecke

Am Ende haben also nicht etwa verschärfte Hygienevorschriften oder Auflagen zum Tierschutz den Ausschlag gegeben, sondern schlichtweg Personalmangel.

Dirk Blettenberg ist Geschäftsführer der Landwirtschaftlichen Vieh- und Fleischvermarktung.

In einem schleichenden Prozess haben sich die für den geordneten Betrieb eines Schlachthofes dringend benötige Mitarbeiter entweder anderweitig orientiert, sind altersbedingt ausgeschieden oder fallen auf längere Zeit krankheitsbedingt aus.

Immer neue Auflagen

„Auf diese Weise können wir keinen Schlachtbetrieb aufrecht erhalten“, stellt Blettenberg fest. Er habe arbeitsrechtliche Verpflichtungen einzuhalten und könne nicht verantworten, dass sich ein Mitarbeiter wegen dauerhafter Überlastung verletzte.

Auf der anderen Seite gebe es die Verpflichtung, bei einer Schlachtung acht Mann Personal vorzuhalten. Dazu gehöre zum Beispiel auch ein Tierschutzbeauftragter, dessen Arbeit bis vor Kurzem noch vom ohnehin anwesenden Veterinär übernommen wurde.

Kleine Schlachtereien werden wie große behandelt

So seien über die Jahre immer neue Anforderungen an die Schlachtbetriebe hinzugekommen. Diese Auflagen seien von kleinen Schalchtereien aber nicht mehr zu leisten, so Blettenberg.

Auch ihm sei es sehr schwergefallen, diese Entscheidung treffen zu müssen. Er habe in seinen 40 Berufsjahren bei genossenschaftlichen Schlachthöfen schon viele kleine Schlachtstätten vom Markt verschwinden sehen. Mengeringhausens sei bestimmt auch nicht die letzte.

Wichtiges Verkaufsargument bricht weg

Derzeit beschäftigt die Landwirtschaftliche Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen eG in Mengeringhausen neben dem Geschäftsführer Blettenberg drei Vollzeit- und drei Teilzeitbeschäftigte. Mit diesem Personal ließen sich die Zerlegung und der Fleischverkauf aufrechterhalten. Er sei jedoch gespannt, ob das reduzierte Angebot auch von den Metzgern der Region noch in Anspruch genommen werde.

Landwirtschaftliche Vieh- und Fleischvermarktung in Mengeringhausen. Links Vorstandsvorsitzender Roelof Dingel, rechts Geschäftsführer Dirk Blettenberg.

Es sei in der Tat traurig, dass das Verkaufsargument der regionalen Fleischproduktion und Vermarktung nicht wie bisher aufrechterhalten werden könne.

Investitionssumme ist nicht zu stemmen

Auf der anderen Seite müsste auch alle Kritiker überlegen, ob Metzger und Verbraucher auf Dauer bereit wären einen höheren Preis für diese Leistung zu zahlen. Darauf würde es aber hinauslaufen, wenn tatsächlich die behördlich angeordneten Investitionen getätigt würden.

Ursprünglich habe sich die Genossenschaft auf Investitionen in Höhe von 400.000 Euro eingestellt. Am Ende der Planungen hätten 3,5 Millionen Euro „plus“ im Raum gestanden.

Kurzfristige Entscheidung

Auch optimistische Berechnungen hätten ergeben, dass angesichts eines solchen Investitionsbedarfs noch rote Zahlen zu erwarten wären. Deshalb hätten aus seiner Sicht Vorstand und Aufsichtsrat gar nicht anders entscheiden können.

Vom Ende der Schlachtungen in Mengeringhausen zeigte sich auch der zuständige Dezernent im Kreishaus, der Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese überrumpelt. Am Freitagnachmittag habe der Schlachthof dem Veterinäramt gemeldet, dass am Montag die letzte Schlachtung erfolgen solle.

Neuer Landrat und sein Vize sind am Ball

Frese berichtete, dass er gemeinsam mit dem künftigen Landrat Jürgen van der Horst nach einer tragfähigen Lösung für den Fortbestand der Schlachtstätte in Mengeringhausen gesucht habe. Erst in der vergangenen Woche habe er mit Hessenfleisch gesprochen. Außerdem seien Gespräche mit sechs Landwirten aus der Region geplant gewesen.

Frese beklagte: „Man hätte doch erst einmal mit uns reden können, bevor man den Schlachtbetrieb einstellt.“ Das Regierungspräsidium habe sich dankenswerter Weise bereit erklärt, zunächst nicht auf eine Schließung zu drängen, solange man sich in Mengeringhausen um das Abstellen der Mängel bemüht.

Weiter um Rettungskonzept bemüht

Aber jetzt seien Fakten geschaffen worden, die die Wiederaufnahme des Betriebes erschwerten, so Frese: „Unser Job wird dadurch nicht leichter.“

Dennoch wolle er sich weiter für den Erhalt einer regionalen Schlachtstätte einsetzen. Das diene sowohl dem Tierwohl, als auch der Vermarktung heimischer Qualitätsware. In diesem Sinne wolle er sich mit dem neuen Landrat um eine Lösung bemühen, so der Erste Kreisbeigeordnete.

250 Schweine pro Woche

Geklärt werden müsse unter anderem, ob in Mengeringhausen künftig nur geschlachtet, oder auch zerlegt werden solle. Die zu erwartenden bundespolitischen Veränderungen hin zu mehr Tierwohl und Bio-Fleisch seien weitere wichtige Argumente für den Erhalt einer regionalen Schlachtstätte, so Frese abschließend.

Der 1977 errichteten Schlachthof auf dem Mengeringhäuser Hagen gehört einer Genossenschaft, der ursprünglich über 2500 Mitglieder angehörten, aktuell sind es noch um die 2000, davon aber nur wenige aktiv. Bei der jüngsten Mitgliederversammlung im September haben 24 Mitglieder über die anstehende Großinvestition von bis zu 3,5 Millionen Euro abgestimmt. Sieben stimmten dafür, 17 dagegen. In der Schlachtstätte wurden zuletzt noch etwa 250 Schweine pro Woche geschlachtet. 

Politische Unterstützung ist zugesichert

In einem Sarg mit dickem schwarzen Kreuz haben am Montagnachmittag rund 100 enttäuschte Landwirte, Metzger und Kommunalpolitiker die „Regionale Vermarktung“ von Fleischprodukten aus dem Waldecker Land zu Grabe getragen. Ein Helser Landwirt brachte aus seiner Sicht die Lage so auf den Punkt: „Wir zahlen hier die Zeche für den Wilke-Skandal. Seit Wilke wird überall mehr kontrolliert.“

Der Grünen Landtagsabgeordnete Daniel May versicherte, die Schließung der Schlachterei, habe nichts mit eventuell mangelnder politischer Unterstützung zu tun. Im Gegenteil hätten alle Fraktionen im Kreistag ihre Unterstützung für den regionalen Schlachthof zugesagt. Der Kreistag werde der sicherlich auch allen künftigen Versuchen, die Schlachtstrukturen zu erhalten, die Hand reichen. (Elmar Schulten)

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