Dokumente beleuchten das Schicksal zweier Holocaust-Überlebender · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 13)

25 letzte Worte vor dem Tod in der Gaskammer „Rückblende“ in Volkmarsen

- Volkmarsen. Der 9. November 1938 war ein Mittwoch. Am Tag danach gleicht die Wohnung der Familie Lichtenstein in 
Volkmarsen einem Trümmerfeld: „Schränke, Betten, Kommode, Stühle und alles, was im Zimmer war, ist kaputt ... Keine Tasse und kein Teller waren ganz ... drei große Fässer 
Scherben haben wir gehabt. Der Teppich war mit Mehl, Himbeersaft und Erdbeeren verziert. Dass keine Scheibe mehr im Haus heil war, könnt ihr euch ja denken. Dieses war Donnerstagabend, und des Morgens ist der liebe Papa geholt worden. In der Nacht waren die Lieben noch alle zusammen, und am anderen Morgen ist Papa nach Buchenwald gekommen.“

Ilse Lichtenstein ist 15 Jahre 
alt, als sie ihrem älteren Bru-
der in diesem Brief das Schicksal der Eltern schildert. Sie schreibt ihn Anfang Januar 
1939 in Bergen, einer Gemeinde nahe Alkmaar in den Niederlanden. Mit einem der Kindertransporte, die jüdische Hilfskomitees organisiert hatten, kommt sie dort in einem Kinderheim unter. 1940 gelingt ihr die Ausreise in die USA. Ihre Eltern hat sie nie wieder gesehen.

Ilses „lieber Papa“ heißt Meinhard Lichtenstein. Der Schneidermeister sorgt für den Sonntagsstaat der Volkmarser. Seine Waren sind für ihre Qualität bekannt. Unter denen, die in der von den Nazis des-
halb so bezeichneten „Reichskristallnacht“ die Fenster sei-nes Hauses einwarfen und die Wohnung verwüsteten, sind auch Stammkunden.

Bis zu seinem Transport ins Konzentrationslager Buchenwald am 12. November sitzt er mit anderen jüdischen Männern aus Volkmarsen und Breuna drei Tage lang im Polizeigefängnis. Als „Aktionsjude“, so der Sprachgebrauch der deutschen Nationalsozialisten, wird der 52-Jährige bis zum 8. Dezember 1938 im KZ Buchen-wald gefangengehalten.

Nach dem Ausbruch des 
Krieges im September 1939 forcieren die Nationalsozialis-
ten die Judenverfolgung. Ilse 
Lichtensteins Eltern und ihre 
jüngere Tochter Inge leben auf engstem Raum zusammengepfercht in einer Sammelunterkunft, die im jüdischen Schulhaus eingerichtet worden war. Den gelben „Judenstern“ sichtbar an der Kleidung zu 
tragen, ist ab September 1941 Gesetz. Im Januar 1942 wird auf der „Wannsee-Konferenz“ der NSDAP die Tötung von 14,7 
Millionen Juden beschlossen.

Am 1. Juni 1942 fährt der Koppelzug „Da 57“ in Kassel ab. 508 Juden aus dem Bezirk Kassel, darunter 49 aus den Landkreisen Waldeck, Frankenberg und Wolfhagen, zu dem damals Volkmarsen gehörte. Meinhard, 
Käthe (geborene Frankenthal) und Inge Lichtenstein treffen am 3. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor im südöstlichen Polen ein.

Sie dürfen noch ein Telegramm verfassen: „Liebe Kinder! Wir sind gesund. Auf 
Omas Geburtstag fahren wir nach P. Wir hoffen auf ein fro-hes Wiedersehen. Bleibt gesund. Grüsse, Küsse Vater, Mutter, Inge“. 25 Worte, adressiert an ihre Kinder Ilse und Arthur in Green Bay, Wisconsin/USA, versendet über das Internationale Rote Kreuz. Es ist ihr letztes Lebenszeichen. Sie werden am gleichen Tag vergast.

Keine Entschädigung

Ilse Lichtenstein, die in den USA den jüdischen Emigranten Mike Meyer aus Kassel geheiratet hat, schreibt 1949 den Internationalen Suchdienst (ITS) an. Sie sucht nach einem konkreten Nachweis für den Tod ihrer Eltern und ihrer jüngeren Schwester: „Da ich bis heute von meinen Eltern Meinhard und Käthe Lichtenstein aus Volkmarsen noch nichts gehört habe, muss ich wohl annehmen, dass sie nicht mehr unter den Lebenden sind ... Vielleicht könnten Sie mir bitte aushelfen, damit ich doch als Tochter die Rechtsansprüche auf unser Haus, welches nicht verkauft wurde, geltend machen kann.“

Nach langem juristischen Hin und Her wird ihr dieser Anspruch jedoch verweigert. Das Haus der Familie Lichtenstein wurde 1942 vom Finanzamt 
beschlagnahmt – auf der Grundlage damals geltenden Rechts, wie die Behörden in den 50er Jahren argumentieren.

Irrfahrt mit der „St. Louis“

Walter Hüneberg, geboren 
1911 in Volkmarsen, wurde am gleichen Tag wie Meinhard 
Lichtenstein im KZ Buchenwald inhaftiert. Am 13. Mai 1939, rund vier Monate nach seiner Haftentlassung als „Aktionsjude“ verlässt er an Bord des Hapag Lloyd-Dampfschif-
fes „St. Louis“ den Hamburger Hafen Richtung Kuba. Das Schicksal der 937 fast ausschließlich jüdischen Passagiere ist von Beginn an ungewiss. Die meisten von ihnen besitzen keine gültigen Einreisepapiere für Kuba. Von der Regierung in Havanna werden diese Visa, die vom Direktor der Einwanderungsbehörde eigenmächtig ausgestellt worden sind, für 
ungültig erklärt.

Tagelang dümpelt der ehemalige KdF-Dampfer zwischen 
Florida und Kuba. Schließlich stirbt auch Hünebergs Hoffnung, dass die Passage in den USA oder Kanada ein glückliches Ende findet, denn US-Präsident Roosevelt beugt sich dem innenpolitischen Druck und verweigert die bereits zugesagte Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge. Die Verzweiflung an Bord scheint grenzenlos. Kapitän Gustav Schröder beschließt „Selbstmordverhütungsrundgänge“. Bei Dunkelheit tastet starkes Licht die Decks ab.

„Sofort nach Hamburg“, kabelt schließlich die Hapag-Reederei an Kapitän Schröder. Er droht damit, das Schiff an der britischen Küste havarieren und in Brand stecken zu lassen, um eine Landung zu erzwingen. Jüdische Hilfsorganisationen bemühen sich mit Hochdruck, die Odyssee zu beenden. Erst dann erklären sich Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Belgien bereit, den Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Nach mehr als einem Monat auf See erreicht die „St. Louis“ den Hafen von Antwerpen. Von hier aus werden die Passagiere verteilt.

Mit der Besetzung Belgiens, der Niederlande und Frankreichs durch Truppen der Wehrmacht ab 1940 geraten die meisten von ihnen jedoch wieder in den Herrschaftsbereich des NS-Regimes und wurden deportiert. So überlebte nur annähernd die Hälfte der Flüchtlinge den Holocaust. Kapitän Schröder erhielt 1957 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Vom Staat Israel wurde er in Yad Vashem posthum in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen.

Tränen im ITS-Archiv

Walter Hüneberg kann sich nach England retten. Wie aus ITS-Dokumenten hervorgeht, heiratet er am 12. Oktober 
1940 in Leicester Johanna Hanbury. Als seine Anwälte 1960 beim ITS in einer „Wiedergutmachungsangelegenheit“ um Bescheinigungen bitten, lebt 
er in Manchester.

Die Schicksale Volkmarser Bürger jüdischen Glaubens wie den Hünebergs oder Lichtensteins, die verfolgt, vertrieben und ermordet wurden oder wie Hüneberg der vom national-
sozialistischen Vernichtungswahn angetriebenen Todesmaschinerie entkamen, zeichnet der Verein „Rückblende – Gegen das Vergessen“ nach 
(siehe Hintergrund).

Bereits ein Jahr nach der offiziellen Vereinsgründung reisten auf Einladung des Vereins 1996 Holocaust-Überlebende nach Volkmarsen. Vereinsvor-
sitzender Ernst Klein erinnert sich noch genau „an die furchtbaren Tränen, die Ilse Meyer 
(geborene Lichtenstein) vergoss, als sie beim Besuch des ITS-
Archivs die letzten Dokumente ihrer ermordeten Familienan-gehörigen zu Gesicht bekam.

Im Gedächtnis ist Klein aber auch der Satz eines anderen Überlebenden geblieben: „Wir werden eine zur Versöhnung ausgestreckte Hand nicht zurückweisen.“

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