Hesperinghäuser Schützenhalle: Rund 200 Teilnehmer bei Informationsveranstaltung

200 Meter mehr Abstand erbeten

Diemelstadt-Hesperinghausen. - Die Stimmung war aufgeheizt, der Ärger über die westfälischen Nachbarn war groß. Doch mit Offenheit, einem Gesprächsangebot an alle Beteiligten und einem Höchstmaß an Transparenz ist es Bürgermeister Elmar Schröder am Montagabend bei einer Informationsveranstaltung in der Schützenhalle von Hesperinghausen gelungen ,die Wogen zu glätten und ein Umdenken anzuregen.

Anlass für den grenzüberschreitenden Streit war die Ankündigung der Stadt Marsberg, neue Windvorrangflächen zwischen Erlinghausen, Helmighausen und Hesperinghausen auszuweisen.

Das allein hätte kaum jemanden gestört. Schließlich sind die Menschen im Roten Land seit vielen Jahren an Windkraftanlagen auf ihren Höhen gewöhnt. Zwei Dutzend Windräder drehen sich hier schon teilweise seit den 90er Jahren.

Nun also könnten zwölf weitere moderne Großanlagen mit einer Nabenhöhe von 140 Metern und einer Gesamthöhe von 200 Metern hinzukommen.

Was die Helmighäuser und Hesperinghäuser dabei am meisten aufbringt, ist die Ankündigung aus Marsberg, nur einen Abstand von 800 Metern zur Wohnbebauung einplanen zu wollen. In Hessen sind 1000 Meter Abstand die Regel.

Zu allem Überfluss findet sich in Marsberger Schriftsätzen die Formulierung, dass man sich bemüht habe, Marsberger Stadtteile vor Lärmimmissionen schützen. Im persönlichen Gespräch sollen sich Marsberger Kommunalpolitiker zu der Aussagen haben hinreißen lassen: Die Waldecker haben uns auch ihre Windräder von allen Seiten vor die Haustüre gesetzt.“

Diemelstadts Bürgermeister Elmar Schröder, der vor seinem Amtsantritt in Diemelstadt selber aktiver Kommunalpolitiker in Marsberg war und heute noch in Erlinghausen wohnt, fühlte sich angesichts der wachsenden Eskalation des Themas berufen, als Vermittler aufzutreten. Umso erstaunter war er, als er bei seinen Gesprächen im Marsberger Rathaus auf wenig Gesprächsinteresse und noch weniger Kompromissbereitschaft stieß. Die Technische Beigeordnete und Bürgermeister-Stellvertreterin Maria Lindemann habe deutlich gemacht, dass sie nicht gewillt sei, den 800-Meter-Abstand zu vergrößern. Außerdem sehe sie keine Möglichkeit, dass die Stadt Marsberg Visualisierungen der geplanten Windkraftanlagen vorzulegen.

Kommentar Schröder: „Wir reden hier von einer Investition von rund 48 Millionen Euro und die Stadt Marsberg sieht keine Möglichkeit, Visualisierungen in Auftrag zu geben, die allen Bürgern deutlich vor Augen führen, wie der Windpark aussehen könnte.“

Der Diemelstädter Bürgermeister hat inzwischen die Gremien der Stadt Marsberg schriftlich gebeten, die seit Jahrzehnten gepflegte gute Nachbarschaft nicht zu gefährden. Als Zeichen des guten Willens hatte er am Montagabend zu der Informationsveranstaltung im Schützenhaus von Hesperinghausen ausdrücklich auch die Marsberger Ratsmitglieder und Bürger aus Erlinghausen eingeladen. Anders als bei einer früheren Informationsveranstaltung in Erlinghausen sollten in Hesperinghausen auch die Gäste aus dem benachbarten Bundesland Rede- und Fragerecht erhalten.

Von dieser Möglichkeit machten zahlreich Ratsmitglieder und Erlinghäuser regen Gebrauch. Am Ende des Abends meldeten sich auch maßgebliche Kommunalpolitiker aus Marsberg zu Wort und versprachen, sich dafür einzusetzen die Abstandsregeln im geplanten Flächennutzungplan von 800 auf 1000 Meter zu vergrößern. Außerdem erklärte der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende Bernd Sieren in seiner Eigenschaft als Mitglied im Planungsausschuss der Stadt Marsberg: „Ich bedaure die schroffe Äußerung von Frau Lindemann.“

Zu dem Sinneswandel auf westfälischer Seite könnte auch die von Bürgermeister Elmar Schröder vorgelegte Visualisierung der geplanten Windkraftanlagen beigetragen haben. Die Fotomontagen stammen von dem von der Diemelstadt beauftragten Landschaftsplaner Detlef Schmidt aus Grebenstein. Der erläuterte vor der Präsentation sehr detailreich, mit welcher Sorgfalt und technischer Finesse er bei der maßstabsgetreuen Darstellung er mithilfe von Satellitendaten vorgegangen ist. Das Ergebnis war jedenfalls eindeutig: Die geplanten Windkraftanlagen sind natürlich aus Helmighausen, Hesperinghausen und Erlinghausen sichtbar, erscheinen jedoch vor der Kulisse der vorhandenen Anlagen kaum größer oder bedrohlicher.

Luise Munzert aus Neudorf brachte ihre persönlichen Eindrücke so auf den Punkt: „Von meinem Schlafzimmerfenster kann sich seit 17 Jahren elf Windkraftanlagen sehen und höre nichts. Ich fühle mich dadurch nicht beeinträchtigt. Und auch Norbert Dirschus aus Hesperinghausen bekräftigte: „Wir sind hier keine Windkraftgegner. Wir haben 23 Anlagen um uns herum.“ Dennoch müssten einige wichtige Fragen geklärt werden.

Und deshalb hatte Bürgermeister Schröder zu dem Informationsabend in der Schützenhalle den Landschaftsplaner Detlef Schmidt mitgebracht. Der erläuterte minutiös die verschiedenen Planverfahren und die Einflussmöglichkeiten der betroffenen Kommunen und ihrer Bürger. Seine wichtigste Botschaft lautete: „Das Planverfahren liegt in den Händen der Stadtparlamente. In Marsberg und Diemelstadt stehen wir ganz am Anfang. Es gibt noch viele Einflussmöglichkeiten.“

Als erfahrener Planer, der schon viele ähnliche öffentliche Veranstaltungen begleitet hat, konnte Schmidt bei vielen der angeschnittenen Fragen auf vorhandene Präsentationen zurückgreifen. Sein Satz „Ich hab‘ da mal was vorbereitet“, wurde zum geflügelten Wort an diesem Abend. So konnte Schmidt mit seinen animinierten Power-Point-Präsentaitonen sowohl die Phänomen Lärmimmissionen, Schattenwurf und Schlagschatten oder so dröge Zusammenhänge wie die Vorschriften des Bundesbaugesetzes erläutern.

Zum Thema „Nachtbefeuerung“ hatte Schmidt eine Nachtaufnahme mitgebracht, die er selber erst vor wenigen Nächten in einem Windpark im westfälisch-waldeckischen Grenzgebiet gemacht hatte. Zu sehen waren unzählige rote Blinklichter in verschiedenen Höhen, die anfliegende Flugzeuge vor dem Windpark warnen sollen. Die Blinklichter sind bei Großanlagen über 150 Metern Anlagenhöhe vorgeschrieben. Denkbar wäre es auch, diese Blinklichter erst bei Annäherung von Flugzeugen einzuschalten. Dazu m,üssten aber alle Flugzeuge mit den passenden Transpondern ausgestattet werden. Das ist noch nicht in Sicht.

Durchaus schon Stand der Technik ist allerdings eine Abschaltautomatik, die dafür sorgt, dass die Großanlagen nicht mehr als 30 Minuten Schlagschatten pro Tag auf bewohntes Gebiet geben.

Interessant waren auch die von Bürgermeister Schröder und Landschaftsplaner Schmidt gelieferten wirtschaftlichen Aspekte zur Windkraft:

Für die modernen, rund 200 Meter hohen Windkraftanlagen müssen zwischen 3,5 und vier Millionen Euro investiert werden. Als Grundstückspacht werden in der Region Preise zwischen 30000 und 40000 Euro pro Jahr erzielt. Und das bei einer Anlagenlaufzeit von 20 Jahren und mehr.

Eine Modellrechnung des VEW in Korbach kommt bei sechs Anlagen und einem Steuerhebesatz von 300 Prozent wie in Diemelstadt auf eine jährliche Gewerbesteuerlast von 62000 Euro.

Und Wilhelm Brühne, Windanlagenbetreiber aus Neudorf ergänzte: „Wir haben in den letzten Jahren schon mehr als eine halb Million Euro Gewerbesteuer an die Diemelstadt gezahlt. Für die spätere Beseitigung der Anlagen samt Fundamenten mussten wir mit dem Bauantrag bei der Genehmigungsbehörde pro Megawatt rund 90000 Euro hinterlegen. Wenn die Betreiber der Atomkraftwerke ähnliche Beträge hätten hinterlegen müssen, gäbe es keine Kernkraft in Deutschland.“

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