Twister findet altes Kassenbuch aus den 20er Jahren

Bei 500 Millionen war Schluss

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Twistetal-Twiste - „Hilfe, ich bin Millionär!“, dürfte es dem Landwirt Ludwig Isenberg in Twiste entfahren sein: Bei 500 Millionen Mark Einnahmen für den Verkauf von Milch machte er am 25. September 1923 sein Einnahmenbuch zu.

In einer Kladde notierte Isenberg, der auch Bürgermeister von Twiste war, fein säuberlich die Einnahmen aus seinem Betrieb und die Ausgaben für Zuchttiere oder ein Darlehen vom Kornhaus. Der Enkelin Ilse Emde ist das Buch kürzlich in die Hände gefallen. Jahrzehntelang lag es unbeachtet im Schrank. Wirklich reich war Isenberg freilich trotz der Millionenbeträge nicht: 1923 war der Höhepunkt der Inflation in Deutschland erreicht, und die stürzte viele Menschen ins Elend. Die Gelddruckereien konnten gar nicht nachkommen mit der Produktion aktueller Scheine, mit denen Kinder irgendwann zu spielen begannen. Und vielleicht konnte mancher noch mit einer Prise Galgenhumor seinen Genuss darin entdecken, wenn er mit einem angezündeten Eine-Milliarde-Mark-Schein sich eine Zigarre anzündete. Wenn er sich die überhaupt noch leisten konnte, denn die Vermögen fielen. „Durch die hohen Zahlen habe ich nach dem 24. September 1923 keine Eintragungen mehr gemacht“, ist in der Kladde in säuberlicher Sütterlin-Schrift zu lesen. Und mancher unkt jetzt schon wieder, dass hierzulande wieder eine Geldentwertung größeren Ausmaßes drohen könnte. Galoppierende Inflation Die Summen in der Isenberg’schen Kladde sind schon beachtlich: Sechs Millionen Mark mussten für einen Bullen an den Viehhändler Grünebaum gezahlt werden. An den Händler Hüneberg in Volkmarsen zahlte er 1,3 Millionen Mark für einen Zentner Roggen. Für ein Schwein wurden 621?000 Mark fällig. Und 40 Millionen Mark benötigte er als Darlehen vom Kornhaus Twiste. Als Bauer hielt sich Isenberg neben Milchvieh Schweine und Schafe. Daher konnte er aus dem Verkauf von 411,5 Pfund Wolle bei der Wollverwertungsgesellschaft in Berlin einen Preis von 2,7 Millionen Mark erzielen. Vier Saugferkel für 4000 Mark vom Mühlhäuser Hammer waren da vergleichsweise günstig. Die Molkerei zahlte ihm am 15. August 1923 7,43 Millionen Mark für gelieferte Milch. Das 1922 begonnene Buch spiegelt die wirtschaftliche Entwicklung anhand der Preise wider. 1923 war das Jahr der Hyperinflation, die der Staat durch die Einführung einer Rentenmark zu beenden versuchte. Die Vermögen wurden vernichtet. Neben der Rentenmark wurde Notgeld ausgegeben, etwa bei der Lohnzahlung. Begonnen hatte die unheilvolle Entwicklung mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Erst gegen Ende der 20er-Jahre war währungstechnisch eine gewisse Normalität eingekehrt. So verbucht Ludwig Isenberg 1930 beim Einkauf von 29 Zentnern Kohlen Ausgaben von 26 Mark an den Händler Ludwig Schmidt. Die Gastwirtschaft Leyhe bekam 10,50 Mark für Zigarren, und ein Liter Schnaps kostet damals 4,50 Mark. (ah)

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