Kirchliche Initiative

Pastoralgemeinde Bad Arolsen entwickelt Konzept gegen sexuelle Gewalt

Ein Konzept der Pastoralgemeinde St. Johannes Baptist Bad Arolsen zur Vermeidung sexueller Gewalt präsentieren die Präventionsbeauftragte Veronika Marschall und der katholische Pfarrer Peter Heuel.
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Ein Konzept der Pastoralgemeinde St. Johannes Baptist Bad Arolsen zur Vermeidung sexueller Gewalt präsentieren die Präventionsbeauftragte Veronika Marschall und der katholische Pfarrer Peter Heuel.

„Stop – Hilf mir!“, ist das Konzept der katholischen Pastoralgemeinde St. Johannes Baptist Bad Arolsen zur Vermeidung sexueller Gewalt betitelt. Es soll die gesamte Gemeinde einbeziehen.

Bad Arolsen – „Wir sind nicht blind und sagen, so etwas kommt hier nicht vor“, bekräftigt die Präventionsbeauftragte in der katholischen Gemeinde, Veronika Marschall. Auf der Grundlage des Konzeptes geht die Gemeinde mit zum Teil externer Unterstützung in die Strukturen der kirchlichen Arbeit.

Diese reichen von den Messdiener/innen über die Kommunionkinder, die Sprachpaten, die „Rockzipfel“-Betreuungsgruppe, Hospiz-Mitarbeitende, den Organisten bis hinein in die Leitungsebenen und zu den Hauptamtlichen einschließlich des Pfarrers in der Gemeinde.

Die Mitarbeitenden aus allen Altersgruppen und beiderlei Geschlechts durchlaufen Schulungen zum Thema sexualisierte Gewalt von drei, sechs und zwölf Stunden. 62 haben bisher an diesen Weiterbildungen teilgenommen, wegen der Corona-Pandemie werden die Schulungen aber ausgebremst.

Probleme erkennen lernen

Dass allein 12 500 Fälle sexueller Gewalt an Kindern angezeigt würden und das Zwanzigfache an Fällen vermutet werde, gebe zu denken, sagt Pfarrer Peter Heuel. Dass aber ein Kind statistisch erst sieben Erwachsene ansprechen muss, bis verstanden werde, dass Kinder in Gefahr sind oder missbraucht worden sein, erschrecke.

Um das Problem aber anzugehen, sieht das Schutzkonzept vor, dass alle mit Kindern, aber auch mit älteren Menschen haupt- und ehrenamtlich Tätige durch Weiterbildungen dafür sensibilisiert werden, Anzeichen von Missbrauch zu erkennen.

Achtsamkeit wichtig

Von Gewalt Betroffene schämen sich häufig, trauen sich aus Angst vor Repressionen in der Familie oder in der Kirche nicht, etwas zu sagen.

„Wir brauchen Achtsamkeit“, sagt Pfarrer Heuel. So lassen sich Auffälligkeiten im Verhalten von Kindern, Schutzbefohlenen und Hilfebedürftigen schneller erkennen. Dazu werden auch 80-Jährige befähigt. Je mehr Menschen um die Problematik Bescheid wissen, umso mehr können auch Probleme erkennen.

Das sind die Reaktionen

„Anfangs gab es auch Scheu und eine Abwehrhaltung bei diesem Thema, fragte man sich: ,Stehe ich unter Generalverdacht?’“, berichtet Pfarrer Heuel. Doch Veronika Marschall erzählt auch, dass sich Menschen öffneten und von Missbrauchserfahrungen berichtet hätten.

In den Schulungen mit maximal 15 Personen pro Gruppe geht es um juristische Hintergründe wie etwa das Kinderschutzgesetz, um das Züchtigungsverbot, die Erfordernis eines erweiterten Führungszeugnisses, aber auch von Strategien von Tätern, wie sie ihre Opfer auswählen und unter Druck setzen.

Mit Theater Augen öffnen: Zur Prävention von sexualisierter Gewalt gastierten 2017 in Bad Arolsen der Theaterpädagoge Stefan Beckmann und Sandra Schömer.

Wo fängt Missbrauch an? Darf Opa seinen Enkel auf den Schoß nehmen? „Er darf“, stellt Veronika Marschall sogleich klar. Nur gehe es gar nicht, wenn Erwachsene Kinder streicheln, die sie nicht kennen oder sich die Kleinen dagegen zur Wehr setzen.

Erfahrungen aus dem Beruf

Die Heilpädagogin hat durch ihre frühere berufliche Tätigkeit im Kinderheim des Diakonissenhauses auch mit dem Thema sexualisierte Gewalt zu tun gehabt. Daher und aufgrund ihrer jetzigen Funktion als Präventionsbeauftragte im Pastoralverband gehört sie zu der fünfköpfigen Gruppe, die das von der Diözese Paderborn angestoßene Konzept in eineinhalb Jahren erarbeitet hat. Daneben gehören Pfarrer Heuel, eine Erzieherin, ein pensionierter Lehrer und ein Vertreter eines Pflegeheims zu der Gruppe.

Das Konzept der Pastoralgemeinde zeigt Ansprechpartner in der Kirche , aber auch außerhalb auf, die bei Problemen und speziell bei sexualisierter Gewalt angesprochen werden können.

„Kirche muss sich Thema stellen“

Das Ganze läuft auch vor dem Hintergrund sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und Vertuschungsversuchen auf höchsten Ebenen. Marschall: „Die Kirche setzt selbst hohe moralische Werte. Deswegen muss sie sich diesem Thema stellen.“

Um das Konzept der Pastoralgemeinde Bad Arolsen mit Leben zu erfüllen, trifft sich die Gruppe, die es erarbeitet hat, jedes halbe Jahr, um die weitere Arbeit vorzubereiten und Bilanz zu ziehen.

Gewalt auf Bühne thematisieren

Die Schulungen werden weiter abgehalten, dabei ist auch der Theaterpädagoge Stefan Beckmann eingebunden. Er ist selbst bei der Diözese in Paderborn angestellt und hat in Bad Arolsen bereits vor Klassen der Preising-Schule das Thema sexualisierte Gewalt in Szenen auf der Bühne und im Gespräch mit den jungen Zuschauern thematisiert hat.

Durch solche Angebote wie auch Gespräche und Informationsangebote in den verschiedenen Gruppen der Gemeinde wird auf das Problem aufmerksam gemacht, sollen Menschen darin bestärkt werden, achtsamer zu werden, verborgene Hilferufe von Menschen aus allen Altersgruppen zu erkennen und selbst etwas zu unternehmen.

Was muss getan werden?

Dazu liefert das auf die katholische Gemeinde Bad Arolsen ausgerichtete Konzept einen Handlungsleitfaden, werden Adressaten aufgezeigt, bei denen Rat und Hilfe zu erhalten ist. In jedem Falle sollen die Kinder auch gestärkt werden, Angriffen zu widerstehen.

„Das allein reicht aber nicht, da sich gerade Kinder nicht erfolgreich wehren können oder nach Übergriffen schweigen“, macht Pfarrer Peter Heuel deutlich. Deswegen sollen Haupt- und Ehrenamtliche darin auch geschult, zuzuhören und zu erkennen, wenn etwas nicht stimmt.

Thema für ganze Gemeinde

Das könnte schon sein, wenn ein Kind auf einmal nicht mehr zu einer Gruppenstunde gehen will oder eine bestimmte Person meidet. Dann gilt es, auch nachzufragen und gegebenenfalls Hilfe zu holen.

Die Corona-Pandemie hat die Arbeit in dem vergangenen Jahr erschwert. Dabei sind gerade auch Treffen in der Gemeinde wichtig, sollen möglichst Eltern, Kinder und Jugendliche zusammenkommen, um das Thema sexuellen Missbrauch oder Gewalt und Mobbing allgemein anzusprechen und Möglichkeiten der Hilfe darzustellen.

„Es ist wichtig, das Thema weiter wachzuhalten“, betonte Pfarrer Heuel. ( Armin Haß)

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