Einzigartige Sammlung für Forscher erschließen · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 9)

Neuer Blick auf 26 Kilometer Akten

- Eine Transportkarte von Anne Frank. Eine Liste von Oskar Schindlers jüdischen Zwangsarbeitern. Ein Gestapo-Dossier („hat sich separatistisch betätigt“)über Konrad Adenauer: 26 000 laufende Meter umfasst der Bestand des ITS-Archivs.

Bad Arolsen. Die weltweit einzigartige Sammlung von Belegen des Verbrechens an der Menschlichkeit dient vorrangig dazu, das Schicksal der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung zu klären. Bislang bildete die Zentrale Namenkartei (siehe Hintergrund) den Schlüssel zu den Unterlagen. Archivar Karsten Kühnel sorgt mit seinen acht Mitarbeitern dafür, dass die Bestände darüber hinaus zur wertvollen Quelle historischer Forschung werden. Mit der Öffnung des Archivs im November 2007 erklärte der Internationale Suchdienst die bessere Erschließung der Dokumente zur vordringlichen Aufgabe. „Wir müssen die Bestände recherchierbar machen für alle historischen Fragestellungen“, beschrieb Kühnel zu Beginn seiner Tätigkeit im Dezember 2008 die angesichts der 26 Kilometer Material gewaltige Aufgabe.

Nicht allein sein Umfang macht den ITS-Bestand einzigartig. Im Gegensatz zu 
einem „normalen“ Archiv mit 
eigenem Zuständigkeitsbereich, dem Ämter und Behörden nicht mehr benötigte Akten und 
Materialien zuliefern, handelt 
es sich in Bad Arolsen im 
ursprünglichen Wortsinn um eine Dokumentensammlung. Schon vor Kriegsende, als sie beim Vormarsch ihrer Truppen auf Lager, Gefängnisse oder andere Spuren der systematischen Vernichtungsbürokratie der Nazis stießen, legten die Alliierten dafür den Grundstein. 
Erklärtes Ziel war dabei, die 
NS-Opfer wieder mit ihren Familien zu vereinen, sie in ihre 
Heimatländer zurückkehren oder auswandern zu lassen.

Die größtenteils zusammengetragenen Dokumente wurden 
dann nach Namen und Personen geordnet. Nur so ließ sich das humanitäre Mandat, also der Auftrag, die Schicksale von NS-Opfern zügig aufzuklären, am besten erfüllen. Diese Ordnung nach dem so genannten Pertinenz-Prinzip (alle Dokumente, die Hinweise auf eine bestimmte Person liefern, werden zusammengeführt) erschwert allerdings die Forschungsarbeit der Historiker, denn die Forscher sind vor allem an Informationen über die Zwecke, die Herkunft und die Zusammenhänge der Dokumente interessiert. Nachträglich eine neue Sortierung nach diesem laut Kühnel „wirklich aussagekräftigen“ Provenienz-Prinzip einzuführen, stellt angesichts des 26-Kilometer-Bestands mehr als 
einen Halbmarathon dar. Vor 
allem würde es die bewährten Abläufe für die weiterhin notwendige Personensuche buchstäblich auf den Kopf stellen.

Der 42-jährige wissenschaftliche Archivar liefert ein Beispiel für den elementaren 
Unterschied der beiden Ordnungskriterien: Was sich in Kühnels Erschließungsabteilung als 
Dokument über die „Erfassung von Häftlingen zur möglichen Verwendung bei der Waffen-SS“ herausstellte, findet sich in der ITS-Systematik unter der Bezeichnung „Liste deutscher Berufsverbrecher“. Weil Listendokumente eine größere Anzahl von personenbezogenen Hinweisen enthalten als etwa eine Transportkarte mit nur einem Namen, war es für die Bedürfnisse des Suchdienstes naheliegend, diese Einordnung zu treffen. Dem historischen Stellenwert des Dokuments wird die Bezeichnung jedoch nicht gerecht. Schließlich handelt es sich um einen aussagekräftigen Beleg für eine weitere widerwärtige Facette des NS-Terrorregimes: Möglichst skrupellose 
Mörder und Gewalttäter wurden für besonders schmutzige 
Aufträge der SS-Sonderkommandos in den besetzten Gebieten angeworben.

Den Ausweg aus diesem prinzipiellen Dilemma weisen wie so oft Computer. Da bereits etwa 85 Prozent der Dokumente abfotografiert wurden und weiter digitalisiert werden, kann die Neuordnung für die Wissenschaft auf einer virtuellen Ebene erfolgen. „Auf diese Weise bleibt der ITS arbeitsfähig und erhält parallel ein akzeptables archivisches Findmittel“, fasst Kühnel die Vorteile zusammen. 
Außerdem erleichtere dieses neue Profil die Zusammenarbeit mit den Gedenkstätten Yad 
Vashem in Jerusalem und dem 
Holocaust Memorial Museum in Washington. Angesichts der Masse an Dokumenten werde es sich allerdings um ein langfristiges Vorhaben handeln.

Eine Kooperation besteht auch mit der Archivschule in Marburg, an der auch Kühnel seine Ausbildung absolviert hat. Nach seinem Studium in Erlangen (Geschichte des Mittelalters und 
alte Sprachen) begann er seine 
berufliche Laufbahn als Archivleiter der Vereinigung Deutscher 
Ordensobern in Bamberg. Zuletzt zeichnete er in Berlin für die 
Redaktion des Internetportals des Bundesarchivs zur Zwangsarbeit im NS-Staat (www.zwangsarbeit.eu) verantwortlich.

Auch nach Jahren des professionellen Umgangs mit Zeugnissen der NS-Verbrechen gehe 
es ihm immer wieder nahe, 
etwa eine KZ-Revierkarte in der Hand zu halten, schildert Kühnel. Dann frage er sich: „Wo hat sie sich befunden? Wer hat sie ausgefüllt? Was passierte in jenem Moment noch in der Schreibstube?“

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