Ortsvorsteher will Zeichen setzen

Neuer Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof von Mengeringhausen gegen das Vergessen

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Erinnerung lebendig erhalten. Der Mengeringhäuser Ortsvorsteher Klaus Künstel vor dem jüdischen Friedhof in Mengeringhausen. Dort soll zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht ein Gedenkstein aufgestellt werden.

Mengeringhausen. Für den jüdischen Friedhof in Mengeringhausen möchte Ortsvorsteher Klaus Künstel einen Gedenkstein stiften. Bei der Gedenkfeier am 9. November, dem 80. Jahrestag der Pogromnacht, soll der aus einem Steinbruch bei Nieder-Werbe stammende Stein enthüllt werden.

An sie soll erinnert werden: Von den aus Mengeringhausen stammenden oder dort lebenden Juden sind in der NS-Zeit 18 Menschen umgekommen: Salomon Sally Blumenthal, Arnold Rolf Elsbacher, Frieda Elsbacher, geb. Lebensbaum, Irmgard Elsbacher, Betty Emanuel, Carl Salomon Emanuel, Hilda Löwenheim, geb. Löwenstern, Erna Löwengrund, geb. Löwenstern, Julius Löwengrund, Heinz Werner Löwengrund, Hilde Hilda Löwenstein, geb. Löwenstern, Else Oppenheim, geb. Löwenstern, Erna Schwerin, Ernestine Schwerin, geb. Rapp, Frieda Schwerin, Hermann Schwerin, Ilse Schwerin und Paul Salomon Schwerin.

1933 lebten noch 23 jüdische Personen in sieben Familien in Mengeringhausen. Aufgrund von zunehmenden Repressalien und Entrechtung in der Nazi-Zeit zogen Familien weg oder emigrierten. 1938 waren es noch acht jüdische Einwohner.

Das Manufaktur- und Tabakwarengeschäft von Menko Löwenstern wurde beim Pogrom am 8. November 1938 verwüstet. Und doch gab es Kontakte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern: An die später ermordete Mengeringhäuserin Ilse Schwerin kann sich Lieselotte Künstel (98), Mutter des Ortsvorstehers, noch gut erinnern, sie war mit ihr befreundet.

Die betagte Mengeringhäuserin stammt aus der Familie Rosenstengel. Die sah sich aufgrund ihres vermeintlich jüdischen Namens von den Nazis unter Druck gesetzt. Im Zuge der damals üblichen Form der Ahnenforschung konnte jedoch kein Hinweis auf einen jüdischen Vorfahren gefunden werden.

Die ersten Juden haben wahrscheinlich schon im 16. Jahrhundert in Mengeringhausen gelebt. Darauf lässt die Flurbezeichnung Auf oder beim Kirchhof schließen. Seit 1767 wurden Juden in die Stadt aufgenommen. 1760/70 wohnte der aus Arolsen kommende Schutz- und Handelsjude Abraham Marcus in Mengeringhausen.

Die Juden lebten von Handel mit Textilien, Düngemitteln, Früchten, Tierfellen und Kolonialwaren. Neben der Synagoge bzw. dem Betraum gab es eine jüdischen Schule und ein rituelles Bad.

Über die Situation der Juden in der Region schreibt ein Autor in der Allgemeinen Zeitung des Judentums unter der Rubrik über das Fürstentum Waldeck Anfag des Jahres 1848: „Was die bürgerlichen Verhältnisse der Juden hier im Waldeckschen betrifft, davon kann ich Ihnen noch nichts erhebliches mitteilen. Es genießt der jüdische Handwerker und Ökonom fast dieselben Reste wie sein christlicher Mitbruder; übrigens vermutet man jetzt allgemein, da vor Kurzem ein Seelenregister über die Juden im ganzen Lande aufgenommen worden ist, dass die bürgerlichen Verhältnisse derselben bald verbessert werden sollen.“

Die jüdischen Familien galten als weitgehend integriert. So gab es engagierte Mitglieder beim DRK, im Kriegerverein und im Gemeinderat. Zudem beteiligten sich jüdische Männer an den Freischießen. ohne die erheblichen Zuwendungen wäre die Stadthalle vor rund 90 Jahren in der Wirtschaftskrise wohl kaum gebaut worden.

In Mengeringhausen bildeten die Juden stets eine Minderheit. 1910 waren es 24 Juden von insgesamt 1400 Einwohnern. Diese Informationen wurden von den Urhebern der Website www.alemannia-judaica.de zusammengetragen. Diese Seite wird nun mit dem Portal https://beta.jewish-places.de/ verknüpft.

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