Stephan Schulze bekommt Organspende

Neues Leben mit fremdem Herzen

Bad Arolsen-Landau - Mit dem Herz eines fremden Menschen in seinem Körper kann der Landauer Stephan Schulze ein neues Leben beginnen.

Der 49-Jährige kippte 2002 plötzlich um. Am Morgen noch ist er ohne Probleme die Treppe rauf und runter gelaufen. Doch am Abend fühlte er diese merkwürdige Schwäche, Atemnot und Magenschmerzen. Der Arzt schickte ihn ins Arolser Krankenhaus. Dort wurde eine Herzmuskelschwäche festgestellt, der Patient mit einem Sauerstoffgerät heimgeschickt. Das Leben änderte sich schlagartig. Den Arbeitsplatz als Baggerfahrer musste er aufgeben. Er schulte um auf Orthopädiemechaniker und Bandagist bei einem Sanitätshaus in Wega. Als die Gesellenprüfung näher rückte, kippte er wieder um, das war im Januar 2007. Die Herzschwäche war lebensbedrohlich geworden. „Tat höllisch weh“ Der gebürtige Mengeringhäuser kam in die Herzklinik nach Bad Oeynhausen. Dort wurde ihm ein Defribillator eingesetzt, der das Herz beim Aussetzen wieder neu startete: „Das tat jedesmal höllisch weh“, berichtet Schulze von den Schlägen, die der Impulsgeber versetzte. Doch es war die einzige Chance am Leben zu bleiben - und das auch nur vorübergehend. Im Laufe der Zeit verschlechterte sich die körperliche Leistungsfähigkeit, Schulze wurde auf Zeit berentet. So nennte sich das, wenn bei der Sozialversicherung noch eine kleine Chance für einen Wiedereinstieg in das Berufsleben unterstellt wird. Doch auch in den zweiten Job kehrte er nicht mehr zurück. Bange Zeiten - auch für Ehefrau Andrea Gürtler aus Wetterburg - begannen. Die seelische Belastung nahm zu. Auch die Beziehung drohte zu entgleisen. 2011 klappte Schulze auf der Treppe seines Hauses zusammen und verlor das Bewusstsein. Zum Glück standen genügend Menschen um ihn herum, die Hilfe herbeiriefen. Es folgten vier Wochen Klinikaufenthalt in Bad Arolsen und im Klinikum Kassel. Per Helikopter wurde er in die Herzklinik nach Bad Oeynhausen gebracht. Warten auf Spenderherz Über einen Katheter am Hals wurden Medikamente verabreicht, um den Patienten stabil zu halten. Schulze kam auf die Hochdringlichkeitsliste für ein Spenderherz bei Euro-Transplant, von wo aus die Vermittlung von Spenderorganen gesteuert wird. Das bedeutet: Ständig auf Abruf bereit für die Organübertragung sein. „Willste leben oder sterben?“, habe ihn der Arzt im Krankenhaus gefragt. Schulze wollte leben, auch wenn er in einer Patientenverfügung schon für den Fall der Fälle weitere lebensverlängernde Maßnahmen untersagt hatte. Doch er will leben. Ein neues Herz gibt es noch nicht. Jeden Moment kann es aber aus sein. Schulze bekam ein Herzunterstützungsystem eingebaut. Das ist eine Pumpe, die wie ein Wasserhahn aussieht und das marode Herz unterstützt. Doch diese Pumpe hilft nur auf Zeit, irgendwann muss ein neues Herz eingepflanzt werden. Um die Pumpe in Gang zu halten, muss Schulze ständig mit aufgeladenen Akkus unterwegs sein, das heißt ständig muss elektrischer Strom verfügbar sein. Vor gut einem Jahr wurde Schulze erneut auf die Hochdringlichkeitsliste gesetzt, um möglichst schnell ein fremdes Herz einpflanzen zu können. Anfang Dezember wollten die Ärzte ein Spenderherz einsetzen, doch es funktionierte nicht mehr richtig und musste verworfen werden. Am 20. Dezember 2014 konnte endlich das Herz eines anderen Menschen erfolgreich transplantiert werden. Doch dann setzten Atemprobleme ein, erst am 9. Januar 2015 erwachte er wieder aus dem Koma. Von dem Besuch seine Frau und ihrer beiden 18 und 23 Jahre alten Töchter hat er nichts mitbekommen, Ungläubig registriert er, dass bereits ein neues Jahr begonnen hat - und ein neues Leben. Erinnerungen an wirre Träume sind ihm geblieben. Am 18. Februar konnte Schulze endlich aus der Klinik entlassen werden. Sieben Wochen Reha in Bad Zwesten folgten, eine Grippeinfektion und schließlich Herpes. Die die Immunabwehr unterdrückenden Medikamente verhindern Abstoßungsreaktionen des Körpers gegen das fremde Muskelgewebe. Sie beschädigen auch den Schutzschirm des Körpers gegen simple Krankheitserreger. Die Patienten müssen zumindest in der ersten Zeit mit Mundschutz das Eindringen von Bakterien verhindern, mit denen gesunde Körper problemlos fertigwerden. Auch Topfblumen werden aus der Wohnung verbannt. Rohes Gehacktes oder Gemüse, das nicht gründlichst gewaschen wurde, sind tabu. Solche Einschränkungen und die damit verbundene Mehrarbeit fordern freilich auch die Partnerin heraus. Doch mit der Aussicht auf ein besseres Leben ohne Herzaussetzer lässt sich die Mehrarbeit auch leisten. Zwei Wochen ist Schulze wieder daheim. Er fühlt sich deutlich besser, kann normal atmen und spürt seinen Puls wieder. Doch er weiß auch, dass das erste Jahr nach der Organübertragung das schwierigste ist. Fitness trainieren Einmal wöchentlich wird eine Blutprobe nach Bad Oeynhausen geschickt, um die Wirkung der Immunsuppressiva zu kontrollieren. Ein Wort, das Stephan Schulze so flüssig über die Lippen kommt, als hätte er schon immer damit zu tun. Die Mittel bremsen das körpereigene Abwehrsystem aus, um das Einwachsen des neuen Herzens nicht zu gefährden. 20 Tabletten schluckt Schulze derzeit. Momentan ist Schulze auf den Rollstuhl angewiesen. Die Muskulatur ist durch das lange Liegen so stark zurückgegangen, dass er sich kaum auf den dünnen Beinen halten kann. Eine Krankengymnastin unternimmt mit ihm Bewegungsübungen, damit Schulze wieder zu Kräften kommt.

Schulze ist froh , dass er ein neues Herz bekommen konnte. Von wem genau er das Organ bekommen hat, will er lieber nicht wissen. Er kommt mit der Distanz besser klar. Gleichwohl ist er dankbar, und er wünscht sich, dass noch mehr Menschen einen Organspendeausweis bei sich führen. So können sie über ihren Tod hinaus anderen noch Leben ermöglichen, Beim Tag der Organspende am 6. Juni wird an die Bedeutung dieser lebensrettenden Entscheidung erinnert. Über 3000 Menschen in Deutschland wurden 2014 durch Organspenden gerettet. Seit drei Jahren gilt für die Organspende die Entscheidungslösung. Sie sieht vor, dass grundsätzlich nur diejenigen Menschen Organspender werden dürfen, die sich zu Lebzeiten dazu eine entsprechende Meinung gebildet und zum Beispiel einen Organspendeausweis ausgefüllt haben. Internet: www.organspendetag.de. Stephan Schulze hat in seiner fast aussichtslosen Lage im vorigen Jahr Kontakt zu dem RTL-Reporter Jenke vom Wilmsdorff bekommen, der sich in seinen Sendungen für eine stärkere Spendenbereitschaft einsetzt. Schätzungsweise 11 000 Menschen warten in Deutschland auf ein neues Organ. Wie dringend er ein neues Herz benötigte, konnte Schulze in der Sendung einmal vor der Transplantation und ein paar Monate nach dem Eingriff erzählen. Beiden war es buchstäblich ein Herzensanliegen, die Bürger wachzurütteln und sie zu ermuntern, sich Organspendeausweise ausstellen zu lassen. „Es könnte dein Kind sein, das durch ein Spenderherz gerettet werden kann“, gibt Schulze zu bedenken. Nun ist er es, der mit einem fremden Herzen in der Hoffnung lebt, dass sein Leben länger währt und noch mehr Menschen die Chance auf ein Spenderorgan bekommen. (ah)

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