Jugendliche Flüchtlinge in Bad Arolsen

Neustart in der Fremde

- Sie stammen aus Eritrea, Somalia, Afghanistan, Guinea und von der Elfenbeinküste: Neun sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben seit einem Jahr gemeinsam in einer Wohngruppe des Bad Arolser Sophienheims.

Für die inzwischen siebzehn- und achtzehnjährigen jungen Männer steckt hinter den Begriffen „unbegleitet“ und „minderjährig“ ein schweres Schicksal mit schlimmen Erlebnissen. Ohne Eltern oder Familie, ganz auf sich gestellt, sind sie als Jugendliche vor Terror und Krieg aus ihrem Heimatland geflüchtet und haben sich allein bis nach Deutschland durchgeschlagen. Dort angekommen, mussten sie weitere Hürden überwinden, angefangen von der anfangs vollkommen fremden Sprache und Kultur bis hin zum laufenden Asylverfahren, das für die jungen Menschen einen permanenten Unsicherheitsfaktor mit sich bringt. Fließend Deutsch Die neun jungen Leute aus der bisher einzigen „UMF“-Gruppe in Bad Arolsen haben dennoch riesiges Glück gehabt. In ihrem neuen Lebensumfeld erhalten sie finanzielle, vor allem aber ideelle Hilfe und Unterstützung – und nutzen ihre Chance. In nur zwölf Monaten haben sie fließend Deutsch gelernt und gehen zur Schule mit dem Ziel, einen guten Abschluss zu machen, um später eigenständig ihr Leben zu meistern. „Allen ist bewusst, dass es ein Glücksfall war, in der Jugendhilfe gelandet zu sein und nicht in einer Gemeinschaftsunterkunft“, unterstreicht Xenia Horst, Erziehungsleiterin der Jugendhilfe im Waldeckschen Diakonissenhaus Sophienheim. Einer von ihnen ist der achtzehnjährige Shishay. Von Anfang an hat er alles darangesetzt, die deutsche Sprache zu lernen, um eine der größten Hürden im neuen Land zu überwinden. Auch die Kommunikation mit seinen Mitbewohnern aus fünf Nationen zählt dazu. Schließlich galt es auch, sich nach einer ­langen Zeit, in der die jungen Männer auf sich allein gestellt waren, wieder in eine Gruppe mit festen Regeln einzufügen. Trotz anfänglicher Verständigungsschwierigkeiten und unterschiedlicher Religionen: Probleme gebe es untereinander nicht, betont Shishay, der selbst dem römisch-orthodoxen Glauben angehört. Man nehme Rücksicht aufeinander, lerne beispielsweise die Feiertage der anderen Religionen kennen, behalte aber auch die eigenen. Ähnlich sieht es mit dem Speiseplan aus, für den die Mitbewohner auch mal selbst zum Kochlöffel greifen. Zu seinen schönsten Erfahrungen zählt Shishay denn auch die gemeinsame Weihnachts- und Silvesterfeier im Sophienheim. Auch die Freizeit wird teils gemeinsam gestaltet. Dazu zählt etwa das Fußballspiel im TuS Arolsen, das für die minderjährigen Flüchtlinge ein Einstieg war, um Leute auch außerhalb der Jugendhilfe kennenzulernen. Durchweg gute Erfahrungen habe Shishay im Verein gemacht, berichtet der Achtzehnjährige. Auch wenn er in der Stadt unterwegs sei, wo er inzwischen auch Kontakte zu weiteren Landsleuten aus Eritrea geknüpft hat, fühle er sich gut aufgenommen. „Wenig Ablehnung, wenig Vorbehalte“ habe er in seinem ersten Jahr in Deutschland erfahren. Schwieriger für Shishay und seine Mitbewohner sind da schon die kleinen und größeren Fallstricke der noch immer etwas fremden Kultur. „Die Pünktlichkeit ist ein Problem. In anderen Ländern ist man da flexibler“, kann Xenia Horst berichten. Die Umstellung sei für die Jungs „harte Arbeit“. Noch härter haben die Siebzehn- und Achtzehnjährigen allerdings daran gearbeitet, die hiesige Schule besuchen zu können. Einen Monat ist Shishays Wohngruppe jeden Tag mit dem Zug nach Kassel gefahren, um einen Intensivsprachkurs zu besuchen. Auch in der Kaulbachschule, so erzählt Xenia Horst, setze das Team um Direktorin Rosel Reiff alle Hebel in Bewegung, um die jungen Leute zu integrieren. Als Lohn der Mühen sei ein Großteil so fit gewesen, dass sie schnell in die Hauptschulklasse wechseln konnten, berichtet die Erziehungsleiterin weiter. Einer der jungen Männer hat sogar den Sprung aufs Gymnasium geschafft. Auch Shishay weiß die große Unterstützung zu schätzen. Er ist motiviert und büffelt gerne, um die demnächst anstehenden Prüfungen mitzuschreiben. Mit einem guten Zeugnis möchte er anschließend die zehnte Klasse besuchen – und träumt von einer Ausbildung zum Mechaniker, da ihm Mathematik leichtfällt. „Super, wie die Jungs sich durchbeißen und alle Chancen nutzen. Da habe ich größten Respekt“, sagt Xenia Horst. Viel Hilfe und Motivation komme vonseiten der Schule und des Jugendamtes. Solche engagierte Menschen brauche man, die versuchten, das Bestmögliche für die jungen Leute herauszuschlagen, sagt Xenia Horst. Weiterbetreuen Sie und ihre Kollegen in der Jugendhilfe wollen alles daransetzen, die jungen Flüchtlinge noch weiterbetreuen zu können. Da die meisten inzwischen volljährig sind, stellt dies jedoch ein Problem dar. Die Plätze in Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind knapp, ihre Finanzierung übernimmt das Jugendamt. Nicht alle werden daher in der Jugendhilfe bleiben können, bis sie die Schule abgeschlossen haben. „Das kommt auch auf das Jugendamt an. Da sind wir im Landkreis noch gut aufgestellt“, berichtet Xenia Horst. Auch die Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde beschreibt sie als unkompliziert. Neben fehlendem Wohnraum in Bad Arolsen für diejenigen, die voraussichtlich zum Herbst ausziehen müssen, sind die Kosten, um den Anwalt für Asylrecht zu bezahlen, ein weiteres Problem für die jungen Leute. Alle neun gestellten Asylanträge laufen noch. „Ab achtzehn Jahren müssen sie die Kosten für den Anwalt von ihrem Taschengeld abstottern“, erklärt die Erziehungsleiterin. Zuversicht Diesen Problemen zum Trotz blicken die jungen Männer zuversichtlich in ihre Zukunft. Mit dem neuen Anfang in Deutschland haben sie die größte Hürde bereits gemeistert. Shishay jedenfalls weiß genau, was er sich für seine Zukunft wünscht. Der achtzehnjährige Eritreer träumt von einer eigenen Familie, Frau und Kindern. Und, fügt er hinzu, „ich möchte in Bad Arolsen bleiben“. (sim

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