Diemelstadt

Notfalldienst stößt an die Grenze

- Diemelstadt-Wrexe (-ah-). Manchmal kommt es ganz schön dicke, so auch bei der Wrexerin, die für ihr krankes Töchterchen den zum Notfalldienst eingeteilten Arzt herbeirufen wollte. Vergeblich, wie sich zeigte.

Die Mutter von drei Kindern war zu Hause, der Ehemann an jenem Samstag berufsbedingt in Detmold. Da brach das unter Bauchschmerzen leidende Kind zusammen. Die Mutter, der selbst ein Eingriff in der folgenden Woche bevorstand, griff zum Hörer und fand die seit Anfang Februar auch für Diemelstadt geltende 0180er-Nummer heraus. Doch erreichte sie bei dem seit einem Monat dafür zu- ständigen Callcenter in Duisburg eine ortsunkundige Gesprächspartnerin, die zudem nicht über aktuelles Karten- material verfügte. Wrexen? Finde ich nicht! Schlangensterz? Die Straße ist völlig unbekannt. Die Mutter wurde nervös, und verärgert über die von ihr als unfreundlich empfundene Gesprächspartnerin legte sie endlich auf. Fünf Minuten hatte sie an dem Samstagnachmittag gewartet, um diese Antworten zu bekommen. Im Geiste spielte sie blitzschnell alle möglichen Szenarien durch, wie es wohl wäre, wenn sie die vertrauten Hausarzttelefonnummern anriefe oder den im Heimatort lebenden Arzt anrufen würde. Doch ihr schwante auch da nichts Gutes. Sie landete irgendwann bei einem Arzt in Höxter, der sich wegen der weiten Entfernung weigerte, zu der Familie zu fahren. Fehlanzeige auch bei einem Arzt in Bad Arolsen, der ihr zwar erklärte, dem Kind helfen zu wollen, aber es eigentlich nicht tun dürfe, weil er nicht zuständig sei. Schließlich fasste sie sich ein Herz, wählte die Notrufnum-mer 112 und landete bei der Leitstelle in Korbach. Dort wurde sie von einem souverän auftretenden und beruhigend auf sie wirkenden Mitarbeiter empfangen, der sie durch das Dickicht der Zuständigkeiten manövrieren wollte und ihr empfahl, in einem Taxi zum nächstgelegenen Krankenhaus, nach Warburg, zu fahren. Mutter verärgert So weit kam es nicht. Die Tochter übergab sich, die Mutter hatte ein Mittel verabreicht, das sie in der Hausapotheke fand, und fortan ging es dem Kind besser. Es schlief und erholte sich rasch. Die Mutter war jedoch sauer und verärgert über das in Zusammenarbet mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe neu geregelte Notfalldienstsystem für die Gemeinden Willingen, Diemelsee und Diemelstadt. Dass der Mann von der Leitstelle in Korbach noch einmal anrief, sich nach dem Befinden des Kindes erkundigte, empfand die Wrexerin als das einzig Positive neben der baldigen Erholung des Kindes. Die Mitarbeiter der Leitstelle sind mit der Situation nicht gerade glücklich, namentlich der Leiter des entsprechenden Fachdienstes beim Landkreis, Kreisbrandinspektor Gerhard Biederbick: „Das funktioniert nicht“, stellt er schlicht fest. Für die als Arzthelferin, Krankenschwester oder Rettungssanitäter vorgebildeten Mitarbeiter der Telefonzentrale sei Nordwaldeck bisher ein weißer Fleck geblieben, obwohl die benötigte Kartensoftware geliefert wurde. Im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe soll der ärztliche Notfalldienst von dem Zentrum in Duisburg aus auch für die nordwaldeckischen Gemeinden organisiert werden (siehe weiteren Bericht). Am ersten Einsatzwochen- ende im Februar sei den Callcenter-Mitarbeitern nicht bekannt gewesen, dass auch die nordhessischen Ärzte in ihrem Einsatzsystem erfasst sein müssten: „Wir haben dann Notarzt- und Rettungswagen geschickt“, berichtet Biederbick. Dabei seien die mit lebensrettender Technik ausgerüsteten Fahr- zeuge nicht als Taxis für Menschen mit Bauchweh gedacht. In lebensbedrohlichen Situationen fehlten diese Fahrzeuge dann. In einer solch schwierigen Lage wähnte die Wrexerin ihre Tochter auch nicht. Nach dem Anruf der Wrexerin bei der Leitstelle in Korbach hatte sich der angerufene Mitarbeiter um das Problem gekümmert. Zudem hatte eine Rettungswagenbesatzung einige freie Minuten dafür genutzt, selbst die Kompetenz des Callcenters in Duisburg zu testen. Nach einer Viertelstunde in der Warteschleife – jede Minute kostet 14 Cent – brachen die Sanitäter den Versuch ab. Biederbick hat in der Zwischenzeit mehrfach bei der Zentrale in Duisburg und bei der Kassenärztlichen Vereinigung nachgebohrt, zudem das hessische Sozialministerium über die Probleme informiert. Sicherheitshalber informierte der Kreisbrandinspektor die Callcenter-Mitarbeiter im fernen Duisburg noch per E-Mail über die Namen der in den grenzübergreifenden Notfalldienst aufgenommenen waldeckischen Kommunen und ihre Ortsteile. Doch den Bekanntheitsgrad scheint das nach Erkenntnis der Wrexerin dadurch nicht erhöht zu haben: Ihr in Scherfede ansässiger Hausarzt, der der KV Westfalen-Lippe angehört, machte vor wenigen Tagen selbst die Probe aufs Exempel und stellte erstaunt fest, dass er nicht weiterkam.„Wir entschuldigen uns bei der Frau“, erklärte Andreas Daniel, Pressesprecher der KV Westfalen-Lippe, auf Anfrage der Waldeckischen Landeszeitung und bedauerte die Probleme. Die Angestellten in der Zentrale seien „eindringlich informiert“ worden. Die Kartensoftware sei rechtzeitig aufgespielt und aktualisiert worden. In diesem Fall müsse es sich um ein Versehen einer nicht ortskundigen Kraft gehandelt haben. „Unser System endet nicht an der Landesgrenze“, versicherte Daniel. Mehr lesen Sie in der gedruckten Ausgabe vom 8. März 2011.

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