Jazzig locker vor dem Altar

Originelle Begegnung von Saxofon und Theorbe in der Arolser Schlosskapelle

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Saxophon trifft Theorbe: Hugo Siegmeth und Axel Wolf gaben das wohl das lockerste Konzert, das je in der wunderbaren Kapelle des Arolser Residenzschlosses gegeben wurde.

Bad Arolsen. Die Begegnung zwischen Saxophon und Theorbe war eine der originellsten, die die Barockfestspiele je erlebt haben, und das Konzert von Hugo Siegmeth und Axel Wolf wohl das lockerste, das in der wunderbaren Kapelle des altehrwürdigen Residenzschlosses jemals gegeben wurde.

Mit einer hinreißenden Spielfreude und immer verblüffenden Genrewechseln rissen die unglaublich sympathischen Musiker am Fronleichnams-Nachmittag das Publikum schnell mit, so dass es nach dem vierten Stück schon so euphorisch klatschte, als sei das Konzert schon am Schlusspunkt angekommen, wie Saxophonist Siegmeth verwundert bemerkte.

Anhand zweier Kompositionen von Charles Mingus machte Theorbist Wolf auch klar, dass hier stilecht „alte Musik“ mit einem echten historischen Instrument gemacht wird: nämlich dem Tenorsaxophon, das genau zur Entstehungszeit der Werke in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut wurde, während die Theorbe hier das neuere Instrument darstellt – gebaut erst nach der Jahrtausendwende!

Natürlich aber liegen die Wurzeln der um Bässe erweiterten Langhals-Laute bereits Anfang des 17. Jahrhunderts, während das Saxophon erst 1840 erfunden wurde. Eigentlich sind es ungleiche Partner: Im pianissimo ist das Saxophon so laut wie die Theorbe im Forte Fortissimo. 

Das Duo arbeitete mit Mikrophon und Verstärker für das Saiteninstrument und zeitweiligen Generalpausen des Saxophons gegen diese Ungleichheit an. Die Vorlagen, die von so unterschiedlichen Meistern wie Frescobaldi, Händel, Dowland, Miles Davis und Claudio Monteverdi kamen, dienten als Einstieg zu langen improvisatorischen Passagen, die sich nur noch lose am Original orientierten und in die Bereiche von Bebop, Flamenco, Latin oder Folklore wanderten, bis man irgendwann wieder zum Thema zurückfand. 

Einmal ließ man sich von Festivalleiterin Dorothee Oberlinger eine Melodie vorsingen, um daraus spontan ein Stück zu entwickeln; das unüberhörbare Gähnen ihres kleinen Sohnes, wurde mit einem Anklang an „Schlaf, Kindchen schlaf“ gekontert, was zeigt, dass auch der Humor bei dieser Musik seinen Platz hat. 

Axel Wolf verglich die Art, wie durch Verwendung bestimmter Floskeln, Variationen und Diminuierungen der Melodie Renaissance-Schlager zu ihrer Zeit bearbeitet wurden, mit dem Verfahren des Jazz, die Standards aus dem Real Book durch eigene Improviationen zu erweitern. 

Bei den beiden sorgte zudem die spürbare musikalische Freundschaft und eine fünfjährige gemeinsame Praxis für den richtigen „Flow“, wie dieses Konzert treffend überschrieben war. Wobei man sich auch freute, wenn die Musiker nach ihren freien Ausflügen zu brillant auskomponierten Passagen, seien sie nun unisono oder mehrstimmig, zurückfanden! 

Höhepunkte des Nachmittages war eine hinreißend charmante Theorbenfassung des „Girls from Ipanema“, zu der Hugo Siegmeth markante Klarinettenbässe setzte, und Tarquino Merulas „Canzonetta spirituale“, ein Schlaflied Marias für den kleinen Jesus voll böser Anspielungen auf sein späteres Schicksal. Als nach aberwitzig rhythmisierten Bebop-Themen zum Finale des Programms mit dem „Boogie Stop Shuffle“ (Mingus) Bigband-Stimmung aufkam, gab es für die Zuhörer kein Halten mehr. Stürmischer Beifall und zwei Zugaben!

(Von Dr. Lothar Jahn)

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