Auf den Spuren jüdischer NS-Opfer in Vöhl · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 3)

Paradebeispiele integrierter Bürger

- Karl-Heinz Stadtler, einer der Initiatoren des Förderkreises „Synagoge in Vöhl“, erforscht die Lebens- und Leidenswege von Vöhler Bürgern jüdischen Glaubens. Bei der Spurensuche halfen ihm Dokumente des Internationalen Suchdienstes (ITS).

Vöhl. Als Stadtler 1999 erfuhr, dass das Synagogengebäude in der Mittelgasse zum Verkauf stand, stieß er die Gründung des Förderkreises an. Mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde konnte der Verein das Haus schließlich erwerben. „Als Lehrer habe ich mich schon immer mit der Geschichte des Dritten Reichs beschäftigt. Die Aussicht, in der früheren Synagoge eine Stätte der Gedenkens, aber auch der Information und Begegnung zu schaffen, war ein wichtiger Auslöser“, sagt Stadtler über seine Motivation, die Geschichte der Vöhler Bürger jüdischen Glaubens, ihre Ausgrenzung, Unterdrückung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten intensiv zu erforschen und darzustellen. Bestärkt hierin wurden Stadtler und die Mitglieder des Förderkreises durch den Besuch ehemaliger Vöhler Juden im September 2000, die viele Angehörige durch den Holocaust verloren hatten: Als Ziel wurde nun formuliert, den Ermordeten zumindest ihre Namen zurückzugeben und in ihrem Heimatdorf einen Ort zu schaffen, an dem man sich an sie erinnert.

Nach Stadtlers Erkenntnissen wurden rund 700 Juden, die im Gebiet des heutigen Landkreises Waldeck-Frankenberg lebten, Opfer des Holocausts. Angaben darüber, an welchen Orten sie inhaftiert und drangsaliert sowie schließlich ermordet wurden, erhielt Stadtler auch aus dem Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen. Dokumente aus Vernichtungslagern in der Hand zu halten, sei ein überaus beklemmendes Gefühl, berichtet Stadtler von seinen Recherchen. Noch bedrückender sei es, wenn es sich um Gegenstände handelt, von denen man weiß, dass sie den in den Gaskammern Getöteten gehörten. Er erinnert sich an Schränke beim ITS, in denen er Ausweise, Brillen, Zigarettenetuis und unzählige Familienfotos gesehen hat.1933, im Jahr der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, lebten 45 Bürger jüdischen Glaubens in Vöhl. Ihre Familien waren oft seit Jahrhunderten dort ansässig und in dieser Zeit sicher auch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Doch die massentaugliche Ideologie der Nazis hatte „die Vernichtung der jüdischen Rasse“ zum Staatsziel erklärt. Ob jemand sich als Sportkamerad durch besondere Leistungen hervorgetan hatte, im Gesangverein deutsche Volkslieder intonierte, die Geselligkeit pflegte oder man mit ihm zu gemeinsamen Fahrten ins Blaue aufbrach: All dies zählte nichts, wenn er Jude war.

In ihren Häusern wurden Scheiben eingeworfen, ihnen wurden Spottverse nachgerufen, in Eckhäusern zur Mittelgasse wohnende Nazis überwachten den Zugang zu den Geschäften einiger Juden in der Straße und denunzierten Mitbürger, die dort kauften. Einige Juden durften ihren Berufen nicht mehr nachgehen. Die Vöhler Synagoge wurde deshalb in der Pogromnacht nicht von den Nazis zerstört, weil das Haus zuvor, am 26. August 1938, an Christen verkauft worden war. Auch stand es nah am Nachbarhaus, das seit Ende 1937 ebenfalls im Besitz einer nichtjüdischen Familie war.Auf „Paradebeispiele integrierter Bürger“, die spätestens in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ihre zu aller Unmenschlichkeit entschlossenen Nachbarn kennenlernten, stieß Stadtler bei seinen Nachforschungen. Einer von ihnen, der 1930 eine Vöhlerin geheiratet hatte, wurde in jener Nacht festgenommen und bis Februar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Als „Aktionsjuden“ haben die Nazis diese Opfer bezeichnet, erklärt Stadtler.

Weil seine Frau durch ein Schreiben der dominikanischen Botschaft und durch Vorlage des Reisegeldes bei der Gestapo in Kassel glaubhaft machen kann, dass er Deutschland verlassen will, wird der Vöhler entlassen und kann sich bis nach Brüssel durchschlagen. Dort wird er nach dem Einmarsch der Deutschen erneut verhaftet und in mehreren Lagern im inzwischen von der Wehrmacht besetzten Frankreich interniert. Seine Spur verlor sich zunächst im Sommer 1941 im südfranzösischen Lager Gurs, erklärt Stadtler. Angehörige vermuteten, dass er in eines der Vernichtungslager im Osten deportiert wurde. Erst vor drei Jahren konnte mit Hilfe des ITS ermittelt werden, dass er am 2. September 1942 vom bei Paris gelegenen Bahnhof Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort wahrscheinlich am 4. September in einem zur Gaskammer umgebauten Bauernhaus ermordet wurde.

Unter dem bezeichnenden Titel „Sie alle lebten unter uns“ hat der Förderkreis „Synagoge in Vöhl“ die Lebens- und Leidenswege der Vöhler Juden dokumentiert (www.synagoge-
voehl.de). Die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass innerhalb weniger Jahre aus den einen Mitbürgern Täter, aus den anderen Opfer wurden, versuchte Stadtler bei seinen Zeitzeugenbefragungen zu erhellen. Er kommt zu den Schluss, dass vieles hätte verhindert werden können, wenn mehr Menschen früher „Nein“ gesagt hätten: „Doch damals waren es nur verdammt wenige.“

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