Jahrestagung des Waldeckischen Geschichtsvereins in Bad Arolsen

Prof. Brusniak referiert über die Ursprünge des „Waldecker Liedes“

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Bei der Jahrestagung des Geschichtsvereins im Rauch-Museum - von links: Ulrich Schütte, Hannelore Behle, Prof. Friedhelm Brusniak, Fürst Wittekind und Prinz Carl Anton, Rainer W. Böttcher, Gerhard Althoff, Nachfahren von August Koch aus Mengeringhausen, darunter der Komponist Sven Hinz, Dr. Birgit Kümmel, Ruth Piro-Klein sowie die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Thomas Kraft und Britta Hein.

Prof. Friedhelm Brusniak referiert bei der Jahrestagung des Waldeckischen Geschichtsvereins in Bad Arolsen über die Ursprünge des „Waldecker Liedes“

Bad Arolsen – Einen mitreißenden Festvortrag erlebten die Besucher am Sonntag im Rauch-Museum bei der Jahrestagung des Waldeckischen Geschichtsvereins: Der aus Wirmighausen stammende Prof. Friedhelm Brusniak widmete sich dem „Waldecker Lied“.

Die identitätsstiftende „Nationalhymne“ Waldecks sei „im kollektiven Bewusstsein fest verankert“. Sie  habe „mehr zu bieten als Nostalgie“, betonte der bis Jahresanfang an der Würzburger Universität lehrende Musikwissenschaftler: Er bettete das Lied ein in die Musikgeschichte Waldecks und ging auf kulturelle und politische Aspekte ein. 

Am Anfang steht ein Jagdlied

Am Anfang steht das Gedicht „Lob der Eiche“ von Philipp Ludwig Bunsen. Drei Jahre vor dem Tod des Dichters vertonte der letzte waldeckische Hofmusikdirektor Benjamin Friedrich Christoph Rose 1807 den Text – gemäß der Ansage „beim Jagdmahl zu singen“ wurde es ein Jagdlied, dass in Sammlungen aufgenommen wurde und sich Anfang des 19. Jahrhunderts im Zeitalter der deutschen Romantik verbreitete: Aus dem Typus eines „Kunstliedes im Volksmund“ sei ein wirkliches Volkslied geworden. 

Waldecker Lied mit politischen Inhalten

Prof. Brusniak verwies auch auf politische Inhalte: So beschwor Bunsen den Reformator Martin Luther und „Hermann den Cherusker“, der die Römer besiegt hat. Und Bunsen nannte die waldeckischen Truppen, die für die Briten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfen mussten – und unterlagen. 1807 war zudem das Jahr, in dem Waldeck Napoleons Rheinbund beigetreten ist. 

Dem „Eichenlied“ stellte Prof. Brusniak das 1808 von einem waldeckischen Regierungsrat geschriebene Lied „Die Buche“ entgegen, das ironisch den Vorrang dieses Baumes vor der „anglophilen“ Eiche schildere und gegen Kurhessen gerichtet sei. Wobei die Eiche ja durchaus Bezüge zu Waldeck habe, merkte Prof. Brusniak an.

Der Weg zur Nationalhymne

Als Prinzessin Emma 1879 den niederländischen König Wilhelm III. heiratete, benötigte das Fürstentum eine Nationalhymne. Die Wahl fiel auf das Lieblingslied des Braut-Vaters Fürst Georg Victor: das „Eichenlied“. Es erklang aber nur Roses Melodie, Bunsens Verse wurden nicht gesungen. 

Den heutigen Text hat der Külter Pfarrer August Koch verfasst. Er habe auch geschildert, wie es dazu gekommen sei, berichtete Prof. Brusniak:

Als Koch mit drei Waldeckern an einem Sängertreffen in Hagen teilnahm, boten Rheinländer und Westfalen ihre Hymnen dar. Die Waldecker intonierten ihr „Lob der Eiche“ – samt dem „Trallala“ der Jäger im Refrain. Der Erfolg sei nicht so durchschlagen gewesen, bemerkte Prof. Brusniak. Wie anders wirkt da doch gleich Kochs „Mein Waldeck lebe hoch“ als Refrain? 

1892 wurde das Lied beim Amtsjubiläum des Neudorfer Lehrers Müller uraufgeführt – das Arrangement für einen vierstimmigen Männerchor gilt heute als verschollen. Auch einen zweistimmigen Satz für Schüler gab es. 

Lied wird in allen Schulen gelernt

Albert Kaulbach nahm ihn in seine „Volksliedersammlung für waldeckische Schulen“ auf. „Es gab kein Kind, das nicht das ,Waldecker Lied' und das ,Eichenlied' in der Schule gelernt hat“, betonte Prof. Brusniak.

Änderungen im Liedtext

Er zeichnete auch Abänderungen und die Rezessionsgeschichte des Liedes nach. Nach dem Sturz der deutschen Monarchen 1918 war in der vierte Strophe die Verszeile „Fürst und Volk einander stets vertrauen“ obsolet. Die Anpassungen der umbestrittenen Autorität Koch wurden noch akzeptiert, andere Änderungen im Text oder auch Ergänzungen um ganze Strophen setzten sich bei den bodenständigen Waldeckern nicht durch. 

Die Nationalsozialisten wollten das Lied ihrer Ideologie unterwerfen – so galt die Zeile „Schwarz/Rot/Gold sind meine Landesfarben“ als überholt: Das waren die Farben der verhassten Weimarer Demokratie - das Regime setzte stattdessen auf die Farben des Kaiserreichs: Rot-weiß-schwarz. Dabei waren „Schwarz/Rot/Gold" durchaus die alten waldeckischen Landesfarben.

Und so habe sich der Vorstand des Waldeckischen Sängerbundes den Änderungsversuchen 1934 trotz Presseartikeln widersetzt, für Prof. Brusniak ein bemerkenswerter Akt des Widerstandes. 

Er mahnte zum Schluss zur Wachsamkeit: Auch heute glaubten manche, Lieder manipulieren zu müssen. Und er machte darauf aufmerksamen, dass schon seit Kaulbachs Zeiten das "Waldecker Lied" meist „marschmäßig“ gespielt werde statt in dem „mäßigen“ Tempo, das Rose 1807 eigentlich vorgegeben habe. 

Musikalischen Beispiele

Gesang beim Festvortrag: Links Referent Prof. Friedhelm Brusniak, neben ihm Sänger Ulrich Schütte und Rainer W. Böttcher am E-Piano.

Seinen lebendigen Vortrag garnierte der Wissenschaftler mit musikalischen Beispielen: Der Kölner Sänger Ulrich Schütte interpretierte ausdrucksstark das „Eichenlied“  und "Die Buche", der Bad Arolser Rainer W. Böttcher begleitete ihn dabei am E-Piano und sang zum Teil mit. 

Schütte bot zur Gattung Kunstlied/Volkslied weitere zeitgenössische Tonbeispiele, auf die der Referent zuvor eingegangen war. So sang er auch Robert Schuhmanns „Der Grenadier“ und „Wenn der Frühling kommt“ des Waldeckers Karl Scheuermann, einem Schüler von Louis Spohr. 

Prof. Brusniak steuerte das von Hildegard Becker auf Wirmighäuser Platt übersetzte „De Irtegeck“ bei. 

Zum Schluss präsentierte Schütte noch eine Uraufführung: Er sang zwei Heimat-Lieder aus einem Zyklus von Elisabeth Stracke, die der Mengeringhäuser Komponist Sven Hinz vertont hat – er ist ein Nachfahre von August Koch. Auch seine Mutter und seine Großmutter waren zum Festvortrag gekommen. 

Durch die Residenzstadt

Die Jahrestagung begann am Morgen traditionell mit einem Festgottesdienst. Pfarrer Gerhard Lueg ging in der Schlosskapelle auf die tiefe Heimatverbundenheit der Waldecker ein. Politiker stellten das vereinte Europa als neue Heimat dar, aber die „kleinteilige Heimat“ bleibe wichtig. Dieser ans Land gebundenen Heimat stellte er die Heimat gegenüber, die Menschen im Glauben an Gott fänden. Beides verbinde sich in den Kirchen, die tief in der Geschichte wurzelten und deren Turm gen Himmel weise. 

Exkursionen bei der Jahrestagung des Waldeckischen Geschichtsvereins: Eine Gruppe besichtigte die Hofbibliothek im Residenzschloss. Links im Bild: Prof. Jürgen Wolf, der über die Entstehung der Bestände berichtete.

Die gastgebende Bad Arolser Bezirksgruppe um den Vorsitzenden Gerhard Althoff hatte fünf Exkursionen vorbereitet: 

  • Reinhard Schimmelpfeng führte durch die einstige Hauptstraße zwischen Schloss und Stadtkirche,
  • Rosemarie Radeck zog mit ihrer Gruppe durch die Große Allee. 
  • Kerstin Braun führte durch die Bestände der Brehmschen Bibliothek im Schloss. 
  • Prof. Jürgen Wolf erläuterte mit Susann Enß anschaulich, aus welchen Sammlungen die bedeutende Hofbibliothek mit ihren heute rund 35 000 Bänden entstanden ist. 
  • Und Dr. Birgit Kümmel führte durchs Forum „Historicum 20“ in der Kaserne, in der die Arolser Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts dargestellt wird.

Jahreshauptversammlung des Geschichtsvereins

Bei der Jahreshauptversammlung des Waldeckischen Geschichtsvereins am Nachmittag im Rauch-Museum schilderten die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Britta Hein und Thomas Kraft erneut die Umstände nach dem Ausscheiden des ehemaligen Vorsitzenden und des einstigen Geschäftsführers, Heinrich und Manfred Paul, vor einem Jahr.

 „Eine geordnete Amtsübergabe ließ sich nicht bewerkstelligen“, stellte Kraft fest. Dies habe den neuen Vorstand vor nicht absehbare Probleme gestellt. Fragen seien unbeantwortet geblieben, „Sachen waren nicht zu finden.“ Der Vorstand habe inzwischen juristische Schritte eingeleitet.

 Inzwischen sei die Vereinsarbeit wieder „aufs Gleis gebracht“. Philipp Wilhelm Emde betreue Archiv und Bibliothek, Philipp Wecker die Geschäftsstelle, Andreas Karl Böttcher koordiniert die Platt-Forschung. Der Vorstand habe außerdem begonnen, die Webseite zu modernisieren und die Satzung zu überarbeiten. 

Lob für Jürgen Römer

Britta Hein würdigte die Arbeit des Mitte Juli zurückgetretenen Vorsitzenden Dr. Jürgen Römer, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit viele große Probleme gelöst habe. 

Im Vorstand sei unter seiner Leitung eine transparente, kollegiale und teamorientierte Zusammenarbeit entstanden. Dieses Team sehe sich in der Lage, den Verein ein Jahr lang auch ohne Vorsitzenden zu führen. Kraft rief die Mitglieder auf, bei der Suche nach einem neuen geeigneten Vorsitzenden zu helfen. 

Der neue Schatzmeister Heiner Hast hob das Engagement seines Vorgängers Günter Schramme hervor, der eigentlich 2018 nach 16 Jahren im Amt ausgeschieden war: Er habe wegen offener rechtlicher Fragen die Geschäfte noch bis zum Frühjahr weitergeführt. 

Ehrungen könne es diesmal keine geben, weil Daten des Gesamtvereins gelöscht worden seien, bemerkte Britta Hein.  Die Vorsitzende der Schriftleitung, Dr. Birgit Kümmel, stellte den gerade erschienenen 109. Band der Geschichtsblätter vor. 

Grußworte der Ehrengäste

Die Kreisbeigeordnete Hannelore Behle würdigte die Bedeutung des Vereins. Waldeck habe eine reichhaltige Geschichte. Es gelte, sie aufzuarbeiten – auch damit die heutige Generation aus Fehlern der Vergangenheit lernen könne. Es sei gerade in heutigen Zeiten wichtig, die Geschichte zu kennen. 

Der Erste Stadtrat Helmut Hausmann freute sich, dass die Tagung in der Jubiläumsstadt Bad Arolsen stattfinde. Die Vereinsmitglieder hätten „ihren Lebensfaden in Waldeck festgemacht“, für sie gehörten Geschichte, Verbundenheit und Gestaltung ihrer Heimat zusammen. Die Reihen der Geschichtsblätter und der Ortssippenbücher seien wichtig. Er hoffe, dass sich dem Verein stets neue Leute zur Verfügung stellten. 

Er habe erstmals an der Jahrestagung 2007 in Bad Wildungen teilgenommen, in der es um den auf Kreta gefallenen Grafen Josias II, gegangen sei, sagte Prinz Carl Anton zu Waldeck und Pyrmont. Das habe sein Interesse an der Geschichte geweckt. Er habe den Verein in den vorigen anderthalb Jahren näher kennengelernt, „er ist mir ans Herz gewachsen.“ Er sei mit der Geschichte Waldecks aufgewachsen, es sei gut, das sie wissenschaftlich aufgearbeitet werde. 

Auch Carl Antons Vater Fürst Wittekind nahm an der Jahrestagung teil. Die Familie ist dem Verein traditionell eng verbunden. Der Prinz gehört als Vertreter des Fürstenhauses offiziell dem erweiterten Vorstand an.

 Die Grüße des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde überbrachte die stellvertretende Vorsitzende Ruth Piro-Klein. Sie lud zum hessischen Geschichtstag 2020 nach Frankenberg ein. 

Die nächste Jahrestagung des Waldeckischen Geschichtsvereins richtet die Bad Wildunger Bezirksgruppe im September 2020 aus. (-sg-)

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