Der aus Bad Arolsen stammende Professor Rolf Hilgenfeld sucht nach Medikament gegen das Virus.

Professor Hilgenfeld: „Virus will sich nur vermehren, nicht töten“

+
Er forscht an vorderster Front am Coronavirus: Rolf Hilgenfeld leitet das Institut für Biochemie an der Universität Lübeck.  

2003 hat Rolf Hilgenfeld bei der Bekämpfung des SARS-Virus entscheidende Erfolge erzielt. Beim aktuellen SARS-2-Ausbruch, der als „Corona-Pandemie“ bezeichnet wird, ist er mit seinem Forscherteam wieder ganz vorn dabei, um wirksame Gegenmittel zu finden.

Sein Vater, Hans-Adolf Hilgenfeld, hätte es gern gesehen, wenn sein Sohn Medizin studiert und die elterliche Augenarztpraxis in der Arolser Bahnhofstraße übernommen hätte. Aber Rolf Hilgenfeld hatte Anderes im Kopf: Nach dem Abitur 1972 an der Christian-Rauch-Schule studierte er Chemie und beschäftigte sich mit Molekularbiologie, weil er sich für molekulare Strukturen der Zelle interessierte. Genau dieses Spezialgebiet ist bei der Bekämpfung von Coronaviren entscheidend.

Herr Professor Hilgenfeld, ich habe noch einmal nachgelesen, was sie mir in einem Interview 2004 nach der überstandenen SARS-Epidemie in China gesagt haben. Das liest sich alles so wie eine Vorhersage der heutigen Covid-19-Pandemie.

Mir wäre lieber, ich hätte nicht Recht behalten und die Situation wäre heute eine andere.

Anfang Februar war in der „Zeit“ nachzulesen: alle fliehen aus China, nur einer setzt sich ins Flugzeug und fliegt in die entgegengesetzte Richtung. Und das waren Sie. Was haben Sie denn da gemacht?

Ursprünglich wollte ich am 22. Januar privat nach China, um dort das Neujahrsfest zu feiern. Dann habe ich kurz vor meinem Abflug aus Lübeck einer kleinen Radiostation ein Interview gegeben und sagte in einem Nebensatz, ich nehme auch zwei meiner Substanzen mit, um sie dort auf ihre Wirkung auf das Coronavirus testen zu lassen. Daraus haben chinesische Studenten, die in Lübeck und Hamburg wohnen, eine Falschmeldung gemacht, wonach ich auf dem Weg nach Wuhan sei, um ein Medikament zu testen.

Dabei hatten Sie gar kein Wundermittel im Gepäck.

Nein, ich hatte die beiden Substanzen mitgenommen, die ich meinen Kollegen vom Wuhan Institute of Virology geben wollte, damit sie die gegen das Virus in Zellkultur testen. Denn das waren damals die Einzigen, die das Virus hatten. Aber dann musste ich die folgenden Tage darauf verwenden, um die Falschmeldung richtigzustellen.

Ist denn der Wirkstoff schon in China getestet worden?

Nein. Eine der beiden Substanzen wurde vier Wochen später in Deutschland getestet. Wir haben eine Wirkung bei der Hemmung des gentechnisch hergestellten Enzyms, der Protease. Wir haben auch Ergebnisse aus Marburg von unserem Kooperationspartner. Die zeigen, dass die Verbindung in menschlichen Lungenzellen, die mit dem Virus infiziert sind, sehr gut wirksam ist. Und wir haben Ergebnisse von unserer Kooperationspartnerin in Braunschweig mit gesunden Mäusen. Man macht solche Versuche in Mäusen, um die beste Applikationsform herauszufinden. Gebe ich den Wirkstoff als Tablette oder als intravenöse Injektion? Dabei ist herausgekommen, dass die beste Applikationsform die Injektion unter die Haut ist oder das Inhalieren über die Nase. Und dann erreicht man nach 24 Stunden gute Spiegel des Wirkstoffs in der Lunge. Und das ist ja der Ort, wo der größte Teil der Virusvermehrung stattfindet.

Und wie nah sind Sie an der Produktion dieses Medikamentes?

Dieses Medikament wird für den jetzigen Ausbruch nichts mehr beitragen können. Dafür wird es zu spät kommen. Das ist für SARS-3, wenn der nächste Ausbruch kommt, dann sollten wir so weit sein. Das wird aber davon abhängen, dass eine Pharmafirma einsteigt. Denn von nun an kann ich nur noch begrenzt etwas beitragen. Das nächste was nötig ist, sind Versuche in einem Mausmodell. Und da kann man nicht einfach eine Maus infizieren. Das funktioniert nicht, weil der Rezeptor für eine Maus anders aussieht. Deshalb muss man den Rezeptor der Maus genetisch ausschalten und dann den Rezeptor des Menschen in das Maus-Genom einbauen. Dann hat man eine humanisierte Maus. Dann kann man die Maus infizieren und schauen, wie der Wirkstoff anschlägt.

Das klingt nach einem sehr komplizierten und langwierigen Prozedere.

Und spätestens dann, wenn wir die Versuche mit einem Mausmodell gemacht haben, muss eine Pharmafirma einsteigen und Langzeit-Toxizitätsversuche an Mäusen machen. Das kann zwei Jahre dauern. Dann kann man klinische-Phase-1-Versuche an Freiwilligen beginnen und später Phase-2 an Erkrankten. Dazu muss man natürlich Erkrankte haben. Typischerweise ist der Ausbruch zu diesem Zeitpunkt aber meist schon vorbei und es gibt keine Kranken mehr. Die einzige Hoffnung ist, dass dann wieder ein neuer Ausbruch kommt, oder dass es saisonal wird.

Ein neuer Ausbruch erscheint jetzt nicht gerade erstrebenswert.

Ja. Das ist aber nicht so schlimm, wie es sich anhört, denn das Virus passt sich an den Menschen an, wird schwächer und ruft weniger Krankheit hervor. Es wird Mutationen geben, die in der Regel dazu führen, dass das Virus schwächer wird.

Wieso das?

Das Virus hat nur das eine Ziel, sein Erbgut zu vermehren. Deshalb ist es nicht in seinem Interesse, Menschen umzubringen. Das ist jetzt nur ein Unfall, weil dieses Virus nicht für den Menschen geschaffen wurde, sondern nur durch Zufall in den menschlichen Wirt hineingekommen ist. Daher wird das Virus wahrscheinlich schwächer und saisonal werden, wie das Influenza-Virus. Aber das kann noch Jahre dauern.

Und so lange sind wir alle die Versuchskaninchen der Natur und dieses Virus?

Es gibt jetzt schon Hinweise darauf, dass das Virus schwächer wird. Man spricht jetzt schon von einem S-Stamm und von einem L-Stamm. Der eine ist schwächer als der andere. Wenn sich das bewahrheitet, könnte der schwächere Stamm für eine Durchimpfung der Bevölkerung sorgen.

Stichwort: Herdenimmunität.

Ja. Das ist wie eine natürliche Impfung.

Aber das ist keine schöne Prognose: Das kann ja noch Jahre dauern.

Ich habe diese Forschungen seit 2014 beim Ausbruch des MERS-Virus, des Middle East Respiratory Syndroms, systematisch betrieben und mit meinem Team Wirkstoffe entwickelt. Dabei hatte ich immer nur eine Mitarbeiterin finanziert vom Ministerium für Bildung und Forschung. Es war zäh. Wenn ich ein Industrieunternehmen wäre, hätte ich da 20 Leute dran setzen können. Aber wir haben jetzt einen Wirkstoff, der aktiv ist und den haben wir so designt, dass er alle möglichen Corona-Viren hemmen kann. Wir haben darauf geachtet, dass Fledermaus-Corona-Viren blockiert werden, sodass wir, wenn die auf den Menschen überspringen, schon etwas in der Hand haben. Das ist ein Breitband-Antiviral-Wirkstoff. Und der wird auch bei SARS-3 wirksam sein. Das ist der große Unterschied zum Impfstoff. Der passt immer nur zum jeweiligen Virus, während unser Wirkstoff alle Corona-Viren abdecken wird.

Aber aus Ihren Worten klingt auch heraus, dass die Pharmaindustrie die Forschung mit mehr Mitteln unterstützen muss.

Wir können die klinischen Versuche keinesfalls als akademische Institution finanzieren. Wir haben Unterstützung vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, einem virtuellen Institut finanziert vom Forschungsministerium. Aber wie gesagt: Damit ist nur eine einzige Stelle finanziert. Immerhin: Die Pharmaindustrie bewegt sich langsam, weil die Fallzahlen beginnen, für sie interessant zu werden. Wir hatten 8000 SARS-Fälle. Das war kein Markt. Wir hatten seit 2012 etwa 2400 MERS-Fälle. Das ist kein Markt. Aber jetzt haben wir über 1,5 Millionen SARS-2- oder Covid-Fälle. Selbst das reicht immer noch nicht, weil man nicht weiß, wie lange die Epidemie noch anhält…

… und wie viel Forschungsarbeit noch hineinzustecken ist.

Genau. Die Pharmaindustrie ist so aufgestellt, dass sie ihren Aktionären Rechenschaft ablegen muss. Sie kann da keine großen Verluste machen.

Deshalb fordern Sie eine stärkere öffentliche Förderung der Forschung?

Ja, auf jeden Fall. Wenn die Politik 2004 gesagt hätte: Wir investieren eine Milliarde Euro in den Aufbau eines staatlichen Instituts für antivirale Forschung, dann bräuchten wir heute nicht 156 Milliarden Euro in die Hand zu nehmen, um die Wirtschaft einigermaßen in Gang zu halten. Wir hatten Zeit genug. – Wir müssen unabhängig werden von den immer wiederkehrenden Ausbrüchen. Erst ist der Hype groß und es gibt Geld für kurze Zeit. Aber wenn der Ausbruch abflaut, dann ist nach zwei Jahren wieder alles vergessen. Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung in der Wirkstoffforschung.

Aber das geht nur mit staatlicher Forschung.

Ich denke ja. Das wird ein Privatunternehmen nicht machen können. Das ist kein Profitgeschäft. Und deshalb muss hier staatliche Förderung rein. Wir schützen uns gegen so viele höchst unwahrscheinliche Risiken. Aber der viel wahrscheinlichere Fall eines Virusausbruchs wird vernachlässigt.

Zur Person

Rolf Hilgenfeld (geboren 1954 in Göttingen) hat nach dem Abitur 1972 an der Christian-Rauch-Schule Chemie an der Universität Göttingen studiert. Er ist weltweit einer der wenigen Spezialisten, die sich im Grenzgebiet von Chemie und Virologie auskennen. Neun Jahre beschäftigte er sich beim Pharmakonzern Hoechst mit „rationalem Drug-Design“, dem Entwerfen neuer medizinischer Wirkstoffe am Computer. 1995 erhielt er den Ruf auf eine C4-Professur an der Universität Jena. Seit 2003 hat er eine Professur am Institut für Biochemie an der Universität Lübeck und beschäftigt sich dort als Chef der Forschungsgruppe für „Strukturelle Virologie“ intensiv mit der Erforschung von Coronaviren, die für harmlosen Schnupfen ebenso verantwortlich sind wie für tödliche Infektionen bei Schweinen und Katzen oder aktuell den SARS-2-Ausbruch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare