Hessens nördlichster Weinberg gedeiht in Neudorf

Rekord auf Wilhelms Weinberg

Ernterekord auf Wilhelms Weinberg oberhalb von Neudorf. Rechts das Kirchenmodell, links die neuen Windkraftanlagen.

Diemelstadt-Neudorf - So macht der Klimawandel Spaß: In Neudorf an der waldeckischen Weinstraße hat Wilhelm Dietzel am Sonnabend mit Freunden, Nachbarn und dem Autor dieser Zeilen Wein gelesen. Zum Keltern gingen die 21 prall gefüllten Kisten noch am gleichen Tag zur Winzergenossenschaft in Heppenheim.

70 Oechsle Mostgewicht zeigte das Refraktometer am Samstagmorgen an, als Hessens nördlichster Winzer den Saft eine seiner Regenttrauben und ins Licht hielt. Weniger sollten Trauben auch nicht aufweisen, wenn sie zu Wein vermostet und gekeltert werden sollen.

Der Zeitpunkt war also gut gewählt, die Herbstsonne stieg langsam über Wilhelms Weinberg auf und stand er Lese nichts mehr im Wege. Seit Dietzel 2004 die ersten Weinstöcke auf seinem hängigen Acker gleich hinter seinem Elternhaus anpflanzte, kann er sich auf die Hilfe seiner Nachbarn und Freunde bei der Pflege und Lese verlassen.

Einige der Helfer sind auch Miteigentümer des Weinbergs, denn hessisches Winzerrecht erlaubt der Anbau von je 50 Rebstöcken durch jeden registrierten Hobbywinzer. Zehn mal 50 Rebstöcke ergibt 500 Weinpflanzen, die ab dem dritten Jahr auch nennenswerten Ertrag abwerfen.

Vor zwei Jahren kam Dietzel so auf rund 50 Flaschen, im vergangenen Jahr waren es immerhin rund 80 Liter. Es waren auch schon einmal über 300 Flaschen, aber so gut wie in diesem Jahr aber war die Ernte noch nie: Nach dem Pressen stand fest: Es gibt 300 Flaschen Johanniter-Weißwein mit 70 Oechsle-Graden und 230 Flaschen Regent-Rotwein zu 75 Oechselgraden.

Räuber abgewehrt

Die Gründe für den Ernterekord sind vielfältig: Zum einen hat natürlich das Wetter den wichtigsten Beitrag geleistet: Es gab genügend Regen und viel Sonne im Sommer.

Zum anderen aber scheinen diesmal die Schutzmaßnahmen für die reifen Trauben gewirkt zu haben: In den vergangenen Jahren holten sich Vögel und Waschbären einen Großteil der Ernte, bevor die Neudorfer Winzer auch nur ihre Nase daran bekamen.

In diesem Jahr haben die Dietzels rechtzeitig die schützenden Netze um die Rebstöcke gespannt. So konnten die Trauben ungestört wachsen und reifen.

Auf Wilhelms Weinberg, unterhalb des Neudorfer Kirchenmodells, mit dem vor Jahren die Spenden für die Kirchensanierung eingeworben wurden, wachsen vor allem die weißen Johanniter- und die roten Regenttrauben. Beide Sorten sind für den Anbau in nördlichen Breiten optimiert. Ihre Trauben sind klein und etwas sauer.

Mit den Weintrauben aus dem Supermarkt sind sie nicht zu vergleichen. Die meisten Hausfrauen würden diese Trauben wohl verschmähen.

Auf die Finger achten

In einer Rebenreihe haben die Dietzels aber auch Sorten gepflanzt, die eher für den Verzehr geeignet sind: „Die Süßen hier hat mein Mann zur Verabschiedung aus Wiesbaden geschenkt bekommen“, verrät Waltraud Dietzel. Diese Trauben werden aussortiert und kommen auf den Tisch.

Währenddessen wird im Weinberg fleißig gearbeitet. Die Sonne hat sich schon etwas höher gekämpft und zeigt, dass sie immer noch die Kraft hat, die Weinleser ins Schwitzen zu bringen.

Wer nicht aufpasst im Umgang mit der Rosenschere, der schneidet nicht die Stengel, die die schweren Reben hälten, sondern seine eigene Hand. „Ich hab‘ die ganze Nacht geträumt, ich würde mir den Finger abschneiden“, erzählt die Winzerin. Tatsächlich kommt der Pflaster Vorrat an diesem Morgen ein, zwei Mal zum Einsatz. Doch es sind nur kleinere Wunden, die verarztet werden. Alle Finger bleiben, wo sie hingehören.

Die Trauben landen im Eimer und werden von Erntehelfern eingesammelt. Ihr Inhalt füllt am ende 21 große Kunststoff-Kisten. Aus jeder lassen sich 20 bis 25 Flaschen füllen, rechnet der Weinbauminister im Ruhestand vor. Gleich nach dem zünftige Winzerfrühstück will er nach Heppenheim aufbrechen, um seine Trauben persönlich bei der Winzergenossenschaft abzugeben. Wenn es für den Gärprozess nötig ist, wird hier noch etwas Zucker beigefügt. Verschnitten aber wird der Neudorfer Wein nicht. Das haben ihm die Winzer von der Weinstraße versprochen.

Im April, spätestens aber im Mai wird Dietzel seine fertig abgefüllten Wein mit personalisiertem Etikett in Heppenheim abholen.

Wer weiß, vielleicht wird Weinanbau in einigen Jahren in Nordhessen eine ganz normale Nische für waldeckische Landwirte werden. Dann gedeiht Wein überall an den Hängen des Roten Landes und die Windkraftanlagen, die in diesen Tagen auf den Hügeln auf über 200 Meter aufgestockt werden, sorgen für einen steten, warmen Luftzug zwischen den Rebstöcken. - Für irgendwas muss der Klimawandel doch gut sein!

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