Erhalt der Dokumente ist Herausforderung · WLZ-FZ-Serie über den ITS (Folge 18)

Schimmelpilz und Tintenfraß

- Der größte Feind des Internationalen Suchdienstes ist keine Person, sondern die Zeit. Deren Zahn nagt beständig an den eingelagerten Akten und Registerkarten.

Von Dennis Schmidt

Bad Arolsen. Risse im Originaldokument aus dem Jahr 1942, Metallteile in der Registerkarte aus dem KZ Buchenwald und Verklebungen auf Aktennotizen, die spröde werden und gelbe Flecken hinterlassen – die Restauratoren haben für den Internationalen Suchdienst aus Bad Arolsen (ITS) auch in den kommenden Jahren genug zu tun. Der Wert der Akten lässt sich nicht beziffern, die Summe, die das ITS jährlich für deren Erhaltung ausgibt, schon: 100 000 Euro sind es 2010, eine Tonne Unterlagen aus dem Konzentrationslager Buchenwald wandert nach Leipzig und wieder zurück. Wegen des ITS-Umbaus in der Schlossstraße wurden allerdings keine 250 000 Euro mehr locker gemacht wie in den Jahren zuvor.

„Der Tesafilm ist die böse Spitze vom Eisberg“, verrät Dr. Alexander Geschke. Er ist Geschäftsführer der „Preservation Academy“ in Leipzig (Pal), die für den Suchdienst die Erhaltung der 30 Millionen Dokumente übernimmt. Zusätzlich zu den Schäden an den Akten, die sich nach 60 und mehr Jahren nicht vermeiden lassen, kommen die gut gemeinten Konservierungsmethoden aus den 80er-Jahren, die den bis zu 25 Mitarbeitern heute das Leben schwer machen.

Schlechter Grundzustand

Grundsätzlich gilt: „Der Ausgangszustand der Dokumente ist schlecht. In der Kriegsphase herrschte Mangelwirtschaft und die Kassenbücher oder Häftlingskarteien waren nur für den kurzen Gebrauch gedacht“, erläutert Geschke. „Schlimmer ist noch das erhaltene Durchschlagpapier, das sehr fragil ist.“

Hauptproblem ist aber die Säure, die dem Papier über die Jahrzehnte zusetzt und es zerfallen lässt. Mithilfe einer Magnesiumlösung entziehen die Konservatoren 100 Büchern auf einen Schlag die schädliche Substanz und machen die Fasern so fit für die Zukunft.

Die Konservierung läuft nach dem spanischen Verfahren. Das bedeutet vor allem viel Handarbeit, die das Pal so gut wie möglich zu rationalisieren versucht. Angesichts der schieren Masse von Büchern und Unterlagen kein Wunder. „Unschön“ findet Geschke in diesem Zusammenhang aber die teils zögerlichen Haushaltsberatungen der Geldgeber, die eine kontinuierliche Arbeit unmöglich machen; stattdessen wird die Luft gegen Ende des Jahres immer dünner.

Ein Segen für die Unterlagen ist die voranschreitende Digitalisierung des ITS-Bestandes. „Das ist für die Papiere überaus gut. Aber die digitale Form ist letztlich nur eine zweite Form des Originals“, widerspricht Geschke entschieden den Tendenzen, die Unterlagen nach der Digitalisierung zu vernichten. „Zum Erhalt aller Informationen ist es wichtig, auch die Haptik zu bewahren; alles andere wäre kulturlos. Denn das Material und die Einbände sagen ebenfalls etwas über die Unterlagen aus“, findet Geschke.

Damit sich auch die Besucher des ITS ein Bild von den Unterlagen machen können, fertigt das Pal täuschend echte Kopien von Büchern an. Diese Faksimiles verbrauchen sich mit der Zeit. „Der größte Stress für die Unterlagen sind aber große Temperaturschwankungen“, weiß Experte Geschke. Ideal seien hingegen Temperaturen um sieben Grad und rund 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Im Jahr 2001 hatte der ITS eine Liste mit gefährdeten Dokumenten aufgestellt, die nach und nach abgearbeitet wird. Da wirft eine Verschmälerung des Budgets um 60 Prozent den Zeitplan gehörig durcheinander. Säure- und Tintenfraß warten allerdings nicht auf die nächste Zahlung aus Berlin. „Deutschland hat eine Verpflichtung gegenüber anderen Ländern“, plädiert Akademieleiter Geschke.

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