ITS-Direktorin berichtet über die wahren Hintergründe des Kionfilms

Schindlers Liste liegt als Kopie in Bad Arolsen

ITS-Direktorin Prof. Dr. Rebecca Boehling zusammen mit VBR-Vorsitzendem Horst Schwarze. Fotos: Sandra Simshäuser

Bad Arolsen - Um „Schindlers Liste“ drehte sich ein Konzert- und Vortragsabend, den der Volksbildungsring gemeinsam mit dem Internationalen Suchdienst ausgerichtet hatte.

Vor siebzig Jahren hatte das Dokument 700 männlichen und 300 weiblichen KZ-Häftlingen das Leben gerettet. Wie spannend eine Annäherung an die berühmte Liste aus Sicht der Forschung sein kann, bewies ITS-Direktorin Prof. Dr. Rebecca Boehling mit ihrem gut besuchten Vortrag in der Fürstlichen Reitbahn.

Im Roman von Thomas Keneal­ly und dem darauf basierenden Kinofilm steht die Figur des Fabrikanten Oskar Schindler im Mittelpunkt - ob als Opportunist, Parteigenosse oder als einer, der sein Leben riskiert, um das Leben vieler zu retten.

Den Schwerpunkt ihres Vortrags wolle sie jedoch auf die legen, deren Namen weniger bekannt sind, erklärte Rebecca ­Boehling, die als Historikerin auch Expertin in Sachen Holocaust-Forschung ist. In Steven Spielbergs Film steht der Buchhalter Isaak Stern, gespielt von Ben Kingsley, seinem „Chef“ Schindler beratend zur Seite, um schließlich die denkwürdige Liste zu erstellen.

In Wahrheit befinden unter den eintausend Namen auf der Liste drei, nämlich Abraham Bankier, Itzhak Stern und Mietek Pemper, die „Haupthelden der Rettungsaktion“ waren, wie Boehling erklärte. Sie hätten nicht nur dafür gesorgt, dass zunehmend Juden in der Emaillewarenfabrik Schindlers beschäftigt wurden.

Auch wussten sie dessen Schwarzmarktgeschäfte so zu lancieren, dass diese nicht aufflogen und Teile des Geldes zu Hilfszwecken eingesetzt werden konnten. Und nicht zuletzt seien Itzhak Stern und Mietek Pemper zu Beginn der Vierzigerjahre die wichtigsten Kontaktpersonen Schindlers gewesen.

Von Stern habe Schindler von den Plänen erfahren, das Konzentrationslager Plaszow bei Krakau in ein Vernichtungslager umzuwandeln. Diese Erkenntnis habe 1944 den Umzug der Fabrik und damit die Rettung der auf der Liste verzeichneten Mitarbeiter nach Brünnlitz, Nebenlager des KZ Groß-Rosen, in Gang gesetzt.

Mietek Pemper war es auch, über den eine Durchschrift der Liste zum Arolser Suchdienst gelangte. Wie Boehling ausführte, habe sich Pemper 1948 an den Suchdienst gewandt und schriftlich um Entschädigung ersucht. Als Nachweis hatte Pemper eine Durchschrift der Liste aufbewahrt - „Die einzige, die heute noch vorhanden ist“, sagte Boehling. Beim Suchdienst wurde die Liste kopiert und zählt, neben „Tausenden Deportations- oder Zwangsarbeiterlisten ähnlicher Art“ und weiteren 50 Millionen Unterlagen des ITS, inzwischen zum Weltdokumentenerbe.

Was mehrfach als „Archiv des Grauens“ bezeichnet worden sei, stelle auch eine Aufforderung zur Auseinandersetzung und zum aktiven Handeln dar, merkte VBR-Vorsitzender Horst Schwarze an. Ein gutes Beispiel dafür lieferte die Veranstaltung, die vom Waldeckischen Kammerorchester mit Musik zu und aus der Zeit gestaltet wurde.

Motive aus der bekannten Filmmusik von John Williams, bei deren Vortrag Andrea Eiselt an der Solo-Violine glänzte, wurden durch zwei Werke jüdischer Komponisten ergänzt. Neben Alexander Zemlinskys Streichersatz A-Dur sorgten vor allem Teile aus der Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krasa für Gänsehaut.

Nach seiner Einlieferung nach Theresienstadt hatte Krasa die Kinderoper geschrieben und dort 55-mal mit anderen Häftlingen aufgeführt. In einer entsprechend unwirklichen Atmosphäre schienen der vom Orchester gespielte Auftakt und Schluss zwischen düster-atonalen Passagen und einem geradezu plakativ beschwingten Triumphmarsch zu schweben.

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