Jahrhunderte alte Handschriften für Forschung erschlossen

Tor zur Schatzkammer geöffnet: Katalog erschließt historische Handschriften

Präsentation des neuen Handschriften-Katalogs der Fürstlichen Hofbibliothek auf dem Hof des Residenzschlosses in Bad Arolsen.
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Präsentation des neuen Handschriften-Katalogs der Fürstlichen Hofbibliothek: Autor Konrad Wiedemann zusammen mit Prinz Carl Anton zu Waldeck und Pyrmont (vorn). Dahinter von links: Prof. Jürgen Wolf, Susann Enß und Friedrich-Wilhelm Sprenger, Günter Engemann vom Geschichtsverein und Dr. Birgit Kümmel vom Museum der Stadt.

Die rund 350 Handschriften in der Hofbibliothek und in der ehemaligen Regierungsbibliothek der Domanialverwaltung galten bisher als ungehobene Schätze, weil nur wenig über ihren Inhalt bekannt war.

Bad Arolsen - Das Tor zu dieser Schatzkammer haben Dr. Konrad Wiedemann und Prof. Dr. Hartmut Broszinski mit einem detaillierten Inventarbuch aufgestoßen, das jetzt im Residenzschloss vorgestellt wurde.

Der 160 Seiten starke Katalog wird vom Waldeckischen Geschichtsverein und der Universitätsbibliothek gemeinsam herausgegeben und wurde finanziell gefördert durch die Kurt-Wolf-Stiftung und die Stiftung des Fürstlichen Hauses Waldeck und Pyrmont.

Wissenschaftliche Tiefenerschließung ermöglicht

Carl Anton Prinz zu Waldeck und Pyrmont bezeichnete den Katalog, der auf ungezählten Stunden Lektüre über Jahrzehnte hinweg beruht, als wissenschaftliche Höchstleistung.

Und der Germanist und Historiker Prof. Dr. Jürgen Wolf bestätigte, dass die Auflistung der Handschriften mit Kurzbeschreibung der Inhalte eine Tiefenerschließung der Schätze in der Hofbibliothek bedeute. Auf diese Weise werde das kulturelle Erbe bewahrt und zugänglich gemacht.

Schlüssel zum Bibliotheksbestand

Wer nach dem Studium des Kataloges Interesse an bestimmten Handschriften gefunden habe, der könne sich an die Geschäftsstelle der Hofbibliothek wenden und dort zielgerichtet weiterforschen.

Günter Engemann stellte als Vorsitzender des des Waldeckischen Geschichtsvereins fest, dass das neue Buch zwar keine „erbauliche Lektüre“ sei, aber eine Erschließung des reichhaltigen Bibliotheksbestands sei, der nun sicherlich auch verstärkt Ziel der historischen Forschung werde.

Handschriften entziffern ist zur Routine geworden

Dr. Birgit Kümmel unterstrich als Schriftleiterin des waldeckischen Geschichtsvereins die hervorragende Druckqualität, des von der Druckerei Sprenger in Korbach gedruckten Werkes. Besonders die Farbabbildungen am Ende des Buches vermittelten einen guten Eindruck von den beschriebenen Handschriften und kunstvoll-aufwendigen Verzierungen.

Prunk-Handschrift in der Fürstlichen Hofbibliothek: Dieses von Hand gezeichnete Unterwürfigkeitsschreiben enthält lange, fein gezeichnete Textzeilen und Widmung an Karl August Friedrich Fürst zu Waldeck und Pyrmont.

Handschriften zu entziffern ist eine Kunst, vor allem wenn es um Manuskripte geht, die vor Jahrhunderten verfasst wurden, und dann auch noch in schnörkelig-barockem Deutschen, falsch dekliniertem Latein oder mittelalterlichem Französisch.

Zusammenfassendes Originalzitat hilft bei der Suche

Dr. Konrad Wiedemann, Bibliotheksdirektor a.D. und ehemaliger Leiter der Handschriftenabteilung der Murhard‘schen Bibliothek Kassel (Universitätsbibliothek), ist ein Experte für theologische, alchemistische, militärhistorische und jetzt auch fürstlich-waldeckische Handschriften. Mehr als 350 solcher Texte gibt es in der fürstlich-waldeckischen Hofbibliothek und Dr. Wiedemann ist wahrscheinlich der Einzige, der sie in jüngsten Zeit alle einmal in der Hand gehalten und gelesen hat.

Nach der Lektüre hat er zu jeder Handschrift einen kleinen erläuternden Text, meist ein Originalzitat herausgeschrieben, das die Kernaussage des Textes oder zumindest einen Überblick über die behandelten Themen wiedergibt.

Zahllose Themenfelder gestreift

Anhand dieser kleinen Ausschnitte können nun andere Wissenschaftler sich schnell einen Überblick darüber verschaffen, ob die Bibliothek Nützliches zum jeweiligen individuelle Forschungsthema enthält.

Dabei reicht die Spanne der Handschriften über viele Jahrhunderte und viele unterschiedliche Themenfelder. Wer sich auf die Texte einlässt, befindet sich ganz schnell mitten im Alltagsleben der jeweiligen Zeit.

Tagesbefehle und Reisekostenabrechnungen

Nicht wenige Mitglieder der Fürstenfamilie verdingten sich früher als Söldner-Offiziere in fremden Heeren, brachten sogar eigene Soldaten mit in österreichische, niederländische oder venezianische Dienste.

Am bekanntesten ist wohl der Anteil waldeckischer Heerführer bei der Befreiung Wiens von türkischer Belagerung. Andere Sprosse der waldeckischen Grafen und Fürsten kämpften aufseiten der Venezianer bei der Belagerung von Heraklion auf Kreta.

Strategische Orte von einst auch heute noch wichtig

In ihren Briefen und anderen Schriften schildern sie strategische Überlegungen, Tagesbefehle oder Namenslisten der mitgeführten Soldaten aus dem Waldecker Land. Sehr aufschlussreich ist auch das Rechnungsbuch zu der Reise von Prinz Georg Victor nach Paris. Hier kann man erfahren, in welchem Restaurant der Prinz einkehrte, was er seinem Fechtmeister zahlte und manches Detail mehr.

Mit großem Erstaunen habe er beim Bearbeiten der Handschriften von Schlachten auf dem Balkan festgestellt, dass die Ortsnamen und Festungen von einst auch in der Berichterstattung über den Bürgerkrieg im zerbrechenden Jugoslawien eine Rolle gespielt haben, gibt Wiedemann zu bedenken.

Lesestoff für Dienerschaft

Überhaupt sei er bei der Beschäftigung mit dem Grauen historischer Kriege zu der Erkenntnis gekommen, dass daran auch in der Neuzeit nichts geändert habe. Auch im Ersten Weltkrieg, bei der Bekämpfung von Partisanen im Zweiten Weltkrieg oder im Vietnam-Krieg seien ähnliche Gräueltaten geschehen, wie sie in den alten Handschriften nachzulesen seien.

Im „Catalog der Fürstlichen Bibliothek für die Dienerschaft“ ist zu erfahren, welche Lektüre den Hofbediensteten zur Verfügung stand und von wem wie lange ausgeliehen wurden.

Kontakt zur Hofbibliothek

Interessant auch die Rezepte der Alchemisten, die den Fürsten in früheren Jahrhunderten das Geheimnis der Goldmanufaktur verkaufen wollten. „Erstaunlich nur, dass die Goldmacher allesamt einen Vorschuss von ihren Dienstherren verlangten. Das hätte stutzig machen müssen“, schmunzelt Dr. Wiedemann.

Die Fürstliche Hofbibliothek im linken Flügel des Schlosses ist dienstags von 10 bis 14 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr. E-Mail: fwhb-arolsen@t-online.de oder kowi@bibliothek.uni-kassel.de Telefon Tel. 05691-895530.

Das „Inventar der Handschriften“, ISBN 978-3-932-46821-6, ist zum Preis von 19 Euro im Buchhandel, beim Waldeckischen Geschichtsverein und in der Fürstlichen Hofbibliothek erhältlich. (Von Elmar Schulten)

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