Abiturientenjahrgang 1964 unternimmt Zug durch die Gemeinde

Sektflasche fliegt gegen Gymnasium

Bad Arolsen - „Wir haben genug leeres Stroh gedroschen“, riefen die Arolser Abiturienten vor 50 Jahren aus und steckten während ihres Umzugs eine Strohpuppe in Brand.

Mit Tröten akustisch verstärkt und mit Dreschflegeln „bewaffnet“, machten 
die 30 jungen Männer und 
Frauen aus den beiden Abschlussklassen lautstark auf 
sich aufmerksam. An die Nordwand des CRS-Neubaus flogen Sektflaschen. Manches wiederholt sich ... 1964 absolvierte der letzte Abiturienten-Jahrgang der Christian-Rauch-Schule seine Reifeprüfung im heutigen Rathaus. Im Dezember 1964 wurde das neue Gebäude an der Großen Allee bezogen. „Die Schule war ein bisschen politischer“, erinnert sich Dr. Bernd-Joachim Zimmer, 
einer der Abiturienten jenes Jahres und inzwischen pensionierter Pauker der CRS. Am Abend des 17. Juni wurde mit einem Fackelzug auf den Königsberg die Forderung nach einem Ende der deutschen 
Teilung unterstrichen. Die Primaner lauschten im Musiksaal, heute Sitzungszimmer des Magistrates im Rathaus, der Erklärung der Bundesregierung. Für die Klassen war ein Besuch des Landtags obligatorisch. „Wir waren 
auch beim Besuch des US-Präsidenten John F. Kennedy 
in Berlin“, erinnert sich Zim-mer ein wenig stolz. Und die Pennäler waren von der Idee eines einigen Europas begeistert. So fuhren Gymnasiasten mit ihrem Lehrer Franz Marterer zu einem Europa-
 Seminar an den Schliersee. Doch nicht alle schulischen Veranstaltungen stießen auf 
positiven Widerhall in der Schülerschaft. Darin unterschieden 
sich die Schüler jener Jahre nicht von den heutigen Pennälern: In der Pause eines Konzertes mit Kompositionen von Richard Wagner in Kassel schlichen sich einige weniger von der Musik Begeisterte in eine Weinstube. Die Fahrt nach Kassel zog sich in den 60er Jahren noch in die Länge: Weder die heute stark befahrene Autobahn 44 
noch die Bundesstraße 7 gab es. An der CRS war damals das „Modell G 10“ ausprobiert worden, erinnert sich Zimmer ein wenig sarkastisch: So hatten 
einige Schüler Klassen wiederholen müssen, bis sie endlich in der Zwölf gelandet waren, so Zimmer. Der damalige Jahrgang bestand aus Schülern, die in den Jahren 1940 bis 1945 geboren waren, die Wirren des Krieges trugen ihren Teil dazu bei, dass Gymnasiasten nicht geradewegs auf die Reife-
prüfung zusteuern konnten. An der CRS wurde wie an 
anderen Schulen freilich „gesiebt“, viele Sextaner jener Jahre wechselten später etwa zur Realschule oder verließen die CRS gar ohne Reifezeugnis oder Obersekundareife. Der Jahresbericht verzeichnet für 1963/64 acht Schüler, die auf andere höhere Schulen wechselten, fünf, die zur Realschule gingen, und acht, die direkt in 
das Berufsleben einstiegen. 397 Schüler besuchten 1963 die CRS, 181 wohnten in Arolsen, 156 in anderen Gemeinden des Kreises Waldeck, acht in anderen hessischen Land-
kreisen und gar 52 in anderen Bundesländern. Für sie gab es damals ein Internat in dem 
heutigen Gebäude des Touristik- und Bürgerservice neben dem Rathaus. Die Ansprüche waren hoch, und die Absolventen des naturwissenschaftlichen Zweigs der 
CRS genossen bei den Universitäten hohes Ansehen, wie Zimmer berichtet. „Ich kannte den damals neuartigen Tran-
sistor schon, als ich mit dem Studium begann“, berichtet der spätere Lehrer für Mathematik und Physik und Ausbilder am Lehrerseminar. Die Sportprüfungen fanden im Juli 1963 im Arolser Stadtbad, im September im Stadion und im Februar in der Turn-halle (Geräteturnen) statt Die Arbeiten wurden Ende Januar 
geschrieben. Ein Schüler erkrankte am letzten Tag an einer Blinddarmentzündung, konnte 
aber am 18. Februar die englische Arbeit nachholen. Den Anspruch an die Schüler formulierte CRS-Direktor Gemeinhardt in der Abiturfeier mit einem Wort des Philosophen Friedrich Nietzsche: „Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der 
 Schüler bleibt.“ Die Feier fand jahrgangsintern mit Lehrern, 
Eltern und Ehemaligen im Ballsaal des Kurhauses gegenüber dem Rathaus statt. Das Schuljahr endete noch im April, so dass 
die Entlassung der Abiturienten 
 am 29. Februar 1964 erfolgte. Die schriftliche Prüfung hat-ten die Pennäler in der Aula (heute Bürgerhaus) geschrieben, „das Mündliche“ fand im Sitzungssaal des Rathauses statt. In welchen Fächern mündlich geprüft werden würde, war nicht bekannt, so warteten die Prüflinge den ganzen Tag.Arzt, Marineoffizier, Jurist, Sportlehrer, Jurist, Germanist, Geologe oder Ägyptologin wollten die „64er“ werden. Was aus ihnen wirklich wurde, darüber können sie sich bei 
ihrem Jubilartreffen unterhalten. Einige der Ehemaligen dieses Jahrgangs sind inzwischen verstorben. (ah)

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