Der Abrissbagger bringt so manche vergrabene Erinnerung ans Tageslicht

Sentimentaler Blick zurück: Hier hat sich halb Arolsen verliebt

Schön war's: Der langjährige Betreiber der Diskotheken Le Piano und Chaplin’s Cafe, Peter Blaszczyk, beobachtet den Abriss des Gebäude im Birkenweg. Hier soll der Neubau des städtischen Jugendzentrums entstehen. Foto: Elmar SChulten

Mit wehmütigem Blick verfolgen in diesen Tagen viele Mittfünfziger und Mittsechziger den Abriss der ehemaligen Diskothek "Le Piano" im Birkenweg. Jüngeren ist das Gebäude als Jugendzentrum präsent, doch die Älteren kennen die ganze Geschichte.

Bad Arolsen. Das Gebäude, das nun Stück für Stück von einem Abrissbagger zerpflückt wird, war einst eine Metzgerei mit angrenzender Gaststätte. Ende der 60er Jahre kaufte der inzwischen verstorbene Willy Lehmann die Gaststätte und setzte auf den erstarkenden Fremdenverkehr in der Stadt.

So ließ er einen Tanzsaal an die Gaststätte anbauen. Im „Café Lehmann“ gab es regelmäßig Tanztees. Sogar der bundesweit berühmte Geiger Helmut Zacharias trat hier auf. An den kann sich Christa Lehmann nicht mehr erinnern, dafür aber an die Auftritte der Schlagerduos Adam and Eve und Cindy und Bert.

Über der Tanzfläche stand das Bett des Betreibers

Anfang der 80er Jahren übernahm Peter Blasczcyk die Gaststätte und den Tanzsaal und macht daraus die Diskothek „Le Piano“ später das „Chaplin’s Café“.

Kein Wunder, dass es den inzwischen 67-Jährigen in diesen Tagen häufiger wieder regelmäßig in den Birkenweg zieht. Voll Wehmut und mit vielen schönen Erinnerungen vor seinem geistigen Auge blickt Peter Blasczcyk auf die freigelegten Wände seiner früheren Diskothek und weiß genau zu sagen, was wann wo gestanden hat: „Da, oben in der ersten Etage war mein Bett“, erzählt er. Es stand offenbar genau über der Tanzfläche.

Unvergessliche Starauftritte

Es war eine Zeit, in der sich der Tag- und Nacht-Rhythmus des Diskothekenbetreibers arbeitsbedingt verschoben hatte: „Es war eine tolle Zeit. Wir hatten tolle Veranstaltungen.“ Große und kleine Stars war da. Das Gesangsduo „Baccara“ (Yes, Sir. I can Boogie) ist im „Chaplin’s“ aufgetreten, ebenso die Münchener Erfolgsgruppe BoneyM (Ma Baker, Rivers of Babylon) und sogar Percy Sledge (When a man Loves a Woman).

Bobby Farrell von der Gruppe BoneyM Ende der 70er Jahre zu Gast in der Bad Arolser Diskothek Chaplin’s Cafe.  

Auch George McGrae (Rock your Baby), Hot Chocolate (You Sexy Thing), die Band Supermax (Love Machine) und Frank Zander (Oh Susi) standen hier schon auf der Bühne. Und ebenso der unvergessene Radiomoderator und Schlagersänger Mr. Pumpernickel alias Chris Howland. Nur wenige Monate vor ihrem Tod hatte die norddeutsche Kabarettisten Helga Feddersen hier einen ihrer letzten Auftritte.

Nur wenige Fotos erinnern an die große Zeit

Leider gibt es nur von den wenigsten Starauftritten Fotografien. Fotoapparate waren damals noch verhältnismäßig groß und schwer. Und die Gäste, die sich in der Diskothek am Birkenweg tummelten, hatten anderes im Sinn als Fotos zu machen. Den jungen Männern ging es um Eroberungen. Die junge Frauen führten ihre Glitzerkleider aus und beeindruckten mit ihren Lockenfrisuren.

Die norddeutsche Kabarettistin Helga Feddersen bei ihrem Auftritt in Chaplin's Cafe.

 So mancher hat im "Le Piano" und im Chaplin's seine Liebe fürs Leben gefunden, so manche Beziehung ging hier in die Brüche. Damals war das „Chaplin’s“ der kulturelle Mittelpunkt von Arolsen, jedenfalls für den jüngeren Teil der Bevölkerung. Unvergessen sind die Gewinnspiele in dem vollen Saal. Es gab Reisen zu gewinnen. „Wir sind damals mehrfach mit Doppeldeckerbussen an die Costa Brava gefahren. Damals gab es noch keine durchgehenden Autobahnen nach Spanien. Aber alle hatten ihren Spaß.“, erinnert sich Blasczcyk.

Für Sperrzeitverkürzung gekämpft

Unvergessen ist auch seine jahrelange juristische Auseinandersetzung mit Stadt und Kreis über die Sperrzeitverkürzung. Nach zehn Jahren Streit vor dem Verwaltungsgericht bekam Blaszczyk endlich Recht, zumindest teilweise. Die hessenweit geltende Sperrstundenregelung musste geändert werden, allerdings stand das „Chaplin’s“ in einem allgemeinen Wohngebiet. Und da galt wieder anderes Recht.

Der damalige Bürgermeister Ernst-Hubert von Michaelis habe das Problem damals pragmatisch gelöst und Einzelgenehmigungen für die Verkürzung der Sperrstunde ausgesprochen. Damit verbunden seien aber höhere Genehmigungsgebühren gewesen. An die 3000 Mark habe er, Blasczcyk, seinerzeit in einem Jahr für die Genehmigungen an die Stadt gezahlt.

Neues Jugendzentrum soll 2021 fertig sein

Irgendwann habe sich der Aufwand nicht mehr gelohnt, auch die Pacht sei ständig gestiegen. Deshalb habe er das „Chaplin’s“ schließlich geschlossen. Es folgte der Versuch eines Neustarts mit einem spanischen Restaurant und schließlich der Verkauf des Gebäudes an die Stadt, die hier ihr Jugendzentrum „Come In“ einrichtete.

Das Grundstück an der Ecke Birkenweg/Lindenstraße bleibt den Jugendlichen in Bad Arolsen erhalten. Die Stadtverordneten haben im vergangenen Jahr den Abriss nur deshalb beschlossen, weil gleichzeitig ein Plan für den Neubau vorlag: Rund 2,1 Millionen Euro wird der Neubau eines barrierefreien Jugendzentrums kosten. Dazu fließen beachtliche 90 Prozent Landeszuschuss. Das neue Jugendzentrum, das im kommenden Jahr fertiggestellt werden soll, muss allerdings ohne Tanzsaal und Diskokugel auskommen.

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