Wanderzwang im Waldecker Land

So streng waren die Gesetze für junge Mengeringhäuser Handwerksburschen 

Rückkehr von der Walz: Unser Bild zeigt den Wandergesellen Michael Kate mit Kollegen vor sieben Jahren bei seiner spektakulären Heimkehr in Külte. Fotos: Armin Haß

Mengeringhausen.  So streng waren Gesetze und Bräuche für die Handwerksburschen. Der Berufspädagoge Prof. Dr. Martin Kipp zeichnete anhand der Wanderbücher von vier Mengeringhäuser Gesellen die mehrer Jahre während Walz im 19. Jahrhundert nach.

Romantische Lieder wurden auf sie gedichtet und gesungen, doch die Realität war für die wandernden Handwerksgesellen so romantisch nicht. Prof.   Kipp beleuchtete anhand von Wanderbüchern von vier Mengeringhäuser Gesellen im 19. Jahrhundert den Verlauf der drei Jahre und einen Tag mindestens dauernden Wanderschaften.

Wie streng waren die Gesetze?

Während heute die Gesellen freiwillig auf die Walz gehen, um ihren Horizont zu erweitern, war es früher Pflicht. Im Waldecker Land etwa galt der Wanderzwang sogar noch länger als in Preußen, nämlich über das Jahr 1831 hinaus.

Der aus Mengeringhausen stammende,emeritierte Professor  Kipp lehrte bis 2008 an der Universität Hamburg Berufspädagogik und befasste sich auch mit den historischen Aspekten des Handwerks.

So jung waren die Gesellen

Wie ist es den Mengeringhäuser Handwerksgesellen im 19. Jahrhundert ergangen? Für sie galt ein Gesetz des waldeckischen Grafen Christian Ludwig aus dem Jahr 1688, wonach sie drei Jahre Lehrzeit zu durchlaufen hatten und anschließend drei Jahre wandern mussten, mindestens 50 Kilometer von dem Ort entfernt, wo sie die Ausbildung absolvierten. Das war eine hohe Hürde , bevor die jungen Männer Meister werden, einen Betrieb gründen und heiraten durften.

Als der Messerschmied Karl von der Emde zu seiner Reise aufbrach, war er 19 Jahre alt, bei seiner Rückkehr 26 Jahre. 34 Stationen verzeichnet sein Wanderbuch. Von Paderborn über Osnabrück, Bremen, Erfurt, Kassel, Tuttlingen, Koblenz, Stuttgart, Düsseldorf, Bonn und Arnsberg reichte seine Wanderstrecke. Nach der Rückkehr konnte er in der Heimat einen eigenen Betrieb führen. 

So machten sie Karriere

Der Schönfärber Karl Schmand, begann 1838 mit 19 Jahren eine drei Jahre und drei Tage dauernde Wanderschaft, die bis nach Koblenz, Wiesbaden und Frankfurt reichte. Kurz darauf baute er den Meister, übernahm einen Betrieb und engagierte er sich in der Stadt Mengeringhausen als Beigeordneter. Er zählte laut Kipp zu den Stadtpolitikern, die ein Papier unterschrieben, auf dem die Standorte für Eichen und Kastanien festgelegt waren, die zur Erinnerung an den Sieg über Frankreich 1871 gepflanzt wurden.

Der Schuhmacher Christian von der Emde war ab 1845 unterwegs, der Rest des Wanderbuchs mit dem Nachweis eines Abschlusses der Wanderschaft ist nicht erhalten geblieben. Er hatte Caroline Junkermann, Tochter des  Weißgerbers Ludwig Junkermann, geheiratet und führte den väterlichen Betrieb weiter. Der Sohn wurde ebenfalls Schuhmachermeister und begründete die Dynastie der Zahnärzte-Dynastie von der Emde.

So wichtig war das Wanderbuch

Der Weißgerber Ludwig Junkermann hatte von 1823 bis 1826 eine beachtliche Strecke zurückgelegt: Schaffhausen am Rhein, Zürich, Kempten, München Linz, Wien, Prag, Dresden Zerbst, Hamburg, Kiel und Quedlinburg sind einige der Stationen gewesen. 

Junkermann hatte sein Wanderbuch verloren, was dem Verlust wichtiger Dokumente wie Zeugnisse oder Reisepass gleichkommt. In Schaffhausen hatte der Mengeringhäuser jedoch ein neues Buch bekommen, und seine Wanderschaft konnte er fortsetzen. Junkermann brachte es zu Ansehen, nachdem er den Weißgerber-Betrieb des Vaters übernommen hatte. 

Lehrgeld zu zahlen

Er war Zunftmeister, Gerichtsdeputierter, Gemeindebürgermeister und Beigeordneter und bildete Lehrlinge aus. Als Endvierziger hatte er noch den Meister als Loh- und Rotgerber gemacht. Die vorgeschriebenen Wanderjahre wurden ihm unter der Auflage erlassen, unentgeltlich einen „Knaben“ auszubilden und damit auf das übliche Lehrgeld zu verzichten. (ah)

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