Harald Frevel wurde als uneheliches Kind eines amerikanischen Soldaten viele Jahre misshandelt

Späte Entschädigung für Zeit im Heim

Bad Arolsen - Harald Frevel hat Prügel bekommen und wurde missbraucht. Das geschah in den 50er und 60er Jahren in Heimen in Arolsen und Kleinzimmern. Inzwischen hat ihm die Entschädigungsstelle des Bundes eine Summe von rund 10 000 Euro überwiesen.

Bad Arolsen (ah). „Vor Ihnen sitzt ein glücklicher Harald Frevel“, erklärt der heutige Frankfurter im Gespräch mit der Waldeckischen Landeszeitung. Dabei hat der Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer deutschen Mutter, die den Jungen als Baby ins Heim abgegeben hat, 
eine Kindheit und eine Jugend hinter sich, die ziemlich übel war. Schläge, Schuften ohne 
Bezahlung und dann noch sexueller Missbrauch. Niemand würde mit ihm tauschen. Und doch erklärt der dunkelhäutige, großgewachsene 
Mann, dass er zufrieden sei. Auch die angeschlagene Gesundheit bringt ihn nicht zum Jammern. Vergebliche Versuche Das war vor zwei, drei Jahren noch ganz anders. Als die Berichte über Gewalt und sexuelle Übergriffe in deutschen Heimen sich häuften und die Nation erfuhr, dass in kirchlichen Heimen oder Reformschulen mit einem besonderen humanitären oder pädagogischen 
 Anspruch Kinder jahrzehntelang misshandelt wurden, da unternahm auch Frevel einen erneuten Versuch, eine Entschuldigung und eine Entschädigung zu bekommen. Harald Frevel hatte sich Jahre nach dem letzten Heimaufenthalt hingesetzt und seine 
Erlebnisse aufgeschrieben. Die ziemlich detailreich geschriebenen Erinnerungen sind mitunter schwer zu ertragen. Zum einen haben sie auch so etwas wie eine seelische Erleichterung 
gebracht. Zum anderen aber blieb er jahrelang mit dem Versuch erfolglos, die beschuldigten pädagogischen Mitarbeiter vor Gericht zu bringen. Auch aus den Bistümern in 
Paderborn und Mainz bekam der Frankfurter Antworten, die ihn mehr aufbrachten als dass sie ihm halfen. Frevel ließ nicht locker und 
bekam schließlich eine Ent-schädigungssumme, mit der zwar nichts rückgängig und 
nur wenig wirklich gutgemacht werden kann. Doch Frevel legt der WLZ eine Kostenaufstellung vor, aus der Erstaunliches hervorgeht. So hat er Verbindlichkeiten abgelöst und einen erheblichen Posten für karitative Zwecke bereitgestellt. Hilfe nach Gambia Vor gut zehn Jahren hat er eine Frau aus Gambia kennen gelernt, deren Tochter dringender ärztlicher Behandlung bedurfte. Frevel hat sich damals schon mit Spenden für Astou stark 
gemacht, die nun mit der Mutter wieder im Heimatland lebt. Frevel beschloss 2006, für das Mädchen das Schulgeld zu 
bezahlen, damit es nicht mit 
einem wildfremden und älteren Mann, wie dort üblich, verheiratet würde. Der Gedanke, das Mädchen könnte – wie er einst in den Heimen – Drangsalen und sexueller Gewalt ausgesetzt sein, ist ihm unerträglich. Inzwischen ist sie 16 Jahre alt und – so hofft Frevel – alt genug, um ihr Leben nach einer Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen. Das dürfte schwierig werden, denn ihr musste ein Bein abgenommen werden. Doch der Frankfurter gibt weitere finanzielle Unterstützung. Sein Gerechtigkeitssinn brachte ihn auch dazu, für die übrigen rund 30 Schüler Schulgeld zu zahlen. Ende dieses Jahres will er ein zweites Mal nach Gambia fliegen, um sich vor Ort über die Verwendung des Geldes ein Bild zu machen. 65. Jahrestag Nicht alle sind bereit, sich ausführlich und öffentlich über die Zeit im Heim auszulassen. Frevel ist seit Jahren mit einem ehemaligen Heimkind befreundet, das wie er auch im Marienstift in Arolsen untergebracht war. Als Jugendlicher hat der nun in Süddeutschland lebende Mann bei einem Maler in Arolsen die Lehre absolviert. Kürzlich hat er Arolsen besucht – zum 65. Jahrestag der Einweisung in das Arolser Kinderheim. Die beiden Männer, die so vieles aus Kindheit und Jugend verbindet, sind sich in Frankfurt Jahre später zufällig wieder begegnet und sind seither so gut miteinander befreundet, dass Frevel vor 34 Jahren die Patenschaft für den Sohn des früheren Kumpels aus Heimzeiten übertragen wurde. Gerne in ArolsenBeide haben ihr Leben gemeistert und kehren schon seit Jahren gerne wieder nach Arolsen zurück. Das liegt nach den Worten von Frevel an den wohlmeinenden Menschen, die beide außerhalb des Heimes kennenlernten. Der Arolser Kram- und Viehmarkt bietet jedes Jahr Anlass für einen Besuch.

Zu einem Zeitzeugen für die Wissenschaft ist das ehema-lige Heimkind Harald geworden: Eine Doktorandin aus Hamburg, Tochter einer Deutschen und eines Afrikaners, hat ihn für ihre Dissertation über afrodeutsche Heimkinder drei Stunden interviewt. Sie war bei ihren Recherchen auf WLZ-Berichte über Frevel, Sohn eines GIs und einer Deutschen, aufmerksam geworden. Sie dokumentiert nun die Lebensgeschichten von Kindern, die von einem deutschen sowie einem afroamerikanischen oder afrikanischen Elternteil 
abstammen und in den 50er und 60er Jahren in deutschen 
Heimen untergebracht waren. Viele afrodeutsche Kinder – überwiegend nichteheliche Nachkommen deutscher Frauen und von schwarzen US-Soldaten – seien in Heimen aufgewachsen. Deutsche hätten die so genannten Mischlingskinder nicht bei sich aufnehmen wollen, häufig kam es zu Adoptionen ins Ausland, vornehmlich in die USA und nach Dänemark.Kürzlich hat auch eine Studentin aus Süddeutschland, die ebenfalls auf die WLZ-Berichte gestoßen war, Interesse an einem Interview mt Harald Frevel bekundet. Sie arbeitet an einer Seminararbeit zum Thema „Brown Babies“ – Abschiebung von Besatzungs-kindern in den 50er und 60er Jahren.

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