Stadtführer der Gilde 1719 machen Besucher mit ehemaliger Residenzstadt vertraut

Spannende Geschichten zur Geschichte

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Bad Arolsen - Staunend schreiten sie durch Bad Arolsen. Voraus geht eine Dame, die ihren geschlossenen Regenschirm senkrecht nach oben streckt. Sie leitet eine Stadtführung durch die barocke Altstadt und bringt so manchen zum Staunen.

Nach und nach treffen die Teilnehmer der Stadtführung ein. Sie kommen zu zweit, aber auch alleine. Unter ihnen ist auch ein junges Pärchen, das aus München zurück in die Kleinstadt Bad Arolsen gezogen ist. „Man fährt in die Stadt hinein und sieht als Erstes das beleuchtete Schloss“, erinnert sich der Mann an das erste Mal, als er wieder nach Arolsen kam. Auch seine Frau schwärmt von Bad Arolsen: „Die Kinder können hier überall mit dem Fahrrad hinfahren und haben es nicht weit“. Eine andere Frau kam nur für die Stadtführung aus dem Edertal angereist.

Erwartungsvoll stehen sie da und schauen sich erwartungsvoll um. Diese Stadtführungen finden jeden Samstag das ganze Jahr über, bei Wind und Wetter statt und gewähren den Besuchern spannende Einblicke in eine kleine, aber sehenswerte Stadt.

Ehrenamtlich

Der Verein Gilde 1719 bietet diese Stadtführungen seit etwa 35 Jahren an. Koordiniert werden die Termine vom Touristik-Service der Stadt Bad Arolsen. Die Zahl 1719 meint übrigens das Gründungsjahr der ehemaligen Residenzstadt. 3000 Gäste haben nach Auskunft von Wilhelm Müller, Leiter des Touristik-Service, im vorigen Jahr mit den Gilde-Stadtführern Arolsen näher kennengelernt.

Die ehrenamtlich tätigen Stadtführer werden speziell ausgebildet, und es gibt immer wieder Fortbildungsvorträge. Ingrid Schmidt ist eines von acht aktiven Mitgliedern dieses Vereins. Sie arbeitete sich selbst in die beeindruckende Vergangenheit der Kleinstadt hinein. Dabei konnte sie auf Texte zurückgreifen, die die Gilde-Gründer einst selbst verfassten und die Aufschluss über die Geschichte des Schlosses und der Stadt oder die Bevölkerung geben.

Im ersten Jahr begleitete sie ausgebildete Stadtführer und schloss sich der Gilde an. Seit drei Jahren leitet sie ehrenamtlich die kostenlose Tour durch Bad Arolsen. Nahezu immer trifft sie auf interessierte und positiv gestimmte Gäste, die vom Stadtbild begeistert sind. „Manchmal ist es etwas schwierig, die jungen Menschen dafür zu begeistern“, weiß sie von Schulgruppen zu berichten, die außer den Samstagsführungen durch Arolsen gelotst werden. Aber als ausgebildete Lehrerin weiß sie damit umzugehen und kann die Jugendlichen doch für barocke Architektur und scheinbar trockene Details aus der Vergangenheit interessieren.“

Bei jedem Wetter

Die Teilnehmer sind Klinik- und Hotelgäste ebenso wie Bewohner der Stadt, aber auch Besucher aus anderen Orten der Region. „Auch wenn es nur einer ist, wir sind hier und beginnen die Stadtführung“, versichert die seit 50 Jahren in Bad Arolsen lebende Frau Schmidt. Je nach Wetterlage muss sich die Führung anpassen. Einmal soll es furchtbar stürmisch gewesen sein, und dennoch erschienen elf Teilnehmer zur Besichtigung. An einem anderen Tag sei es seit langem wieder richtig warm gewesen und die Sonne habe geschienen, doch weit weniger Personen nahmen an dem an sich schönen Tag teil.

Der Startpunkt der Führung ist das Stadtführerschild auf der Wiese vor dem Residenzschloss. Nach und nach treffen die Besucher ein. Die freundliche Dame beginnt die Stadtführung mit der Öffnung ihres Schirms, obwohl es nicht nach Regen aussieht. Allerdings ist das ein ganz besonderer Schirm: Er zeigt die wichtigsten Events und Sehenswürdigkeiten der Stadt. Diese umfassen die alljährlich stattfindenden Barockfestspiele, das Residenzschloss sowie das Freizeitbad Arobella. Aber auch den Viehmarkt, der unter Bad Arolsern - unter fröhlicher Missachtung der Grammatikregeln - auch als „das Viehmarkt“ bekannt ist, wie die Teilnehmer der Führung erfahren.

Vor dem Schloss taucht die Stadtführerin dann mit den Gästen ein in eine längst vergangene Zeit, zu den Anfängen der heutigen Stadt. Damals, vor rund 900 Jahren, habe es hier nur das Kloster der Augustinernonnen gegeben. Später ließ der Graf von Waldeck das Kloster abreißen und durch ein kleines Renaissanceschloss ersetzen. Immer mehr Menschen siedelten rund ums ehemalige Aroldessen. Schließlich sollte viele Jahre später die Residenz des Fürsten Friedrich Anton Ulrich zu Waldeck und Pyrmont nach Versailler Vorbild errichtet werden. Der Grundstein für die Barockstadt war gelegt.

Die Stadtführerin kennt die Historie um die Schlossarchi-tektur und die Stadtplanung im Detail. Um den Gästen das Gesagte besser zu veranschaulichen, zückt sie eine Karte, auf der der ursprüngliche Stadtplan zu erkennen ist. Dem Stadtgrundriss liegt der goldene Schnitt zugrunde. Diese Proportion zeigt das harmonische Verhältnis eines Teils zum Ganzen. Auch in der Natur und beim Menschen ist diese ideale Längenbeziehung vorzufinden. „Der Architekt Rothweil wollte damit ausdrücken: Euer Fürst ist so vollendet wie Gott“, erklärt die redegewandte Dame. Sie erzählt gerne die Geschichte hinter der Geschichte.

Neugierig

Die Gruppe lauscht neugierig, will mehr erfahren. Daher geht die Besichtigung weiter zum Schreiberschen Haus und vier weiteren interessanten Gebäuden in der Schlossstraße. In dieser Straße kann der Architektur so einiges über den Stadtbau entnommen werden. Die Häuser sehen mächtig, stabil und repräsentativ aus. Was der Betrachter nicht sieht: Es sind Fachwerkhäuser, die mit Eichenbalken erbaut worden sind. Doch mithilfe von Putz und Farbe sollte die Illusion einer massiven Steinmauer erweckt werden. Ausschließlich die fürstlichen Gebäude durften aus Stein errichtet werden.

In der Kaulbachstraße hören die Zuhörer von bekannten Persönlichkeiten, die aus der Stadt Bad Arolsen abstammen. Zu nennen sind hier beispielsweise der Maler Wilhelm von Kaulbach und der Bildhauer Christian Daniel Rauch. „Als ich einmal einer Gruppe erzählte, dass Wilhelm von Kaulbach bis nach München gelaufen ist, fragte ein kleiner Junge, ob München schon damals so weit weg war wie jetzt“, witzelt die Stadtführerin.

Interessant für Arolser

An der Stadtkirche spitzen die Besucher die Ohren und erfahren mehr über das Fürstentum und den Kirchenbau. Auf dem Kirchplatz betrachten die Besucher schließlich ein Bild des Goldenen Schnittes, das vor etwa fünf Jahren mithilfe von Stahlbändern in den Asphalt eingelassen wurde. Die unverputzt gebliebene Kirche und das Schloss zählen zu den liebsten Sehenswürdigkeiten der Stadtführerin Ingrid Schmidt. Sie sagt, beide Bauwerke seien so „sparsam, aber schön“ errichtet worden.

Nach dem Rundgang durch den historischen Kern der Altstadt ist die Gruppe begeistert und überrascht, was es hier alles zu sehen und zu erfahren gibt. Die nahezu zweistündige Führung sei super, wie ein Arolser feststellt. Selbst als gebürtiger Bad Arolser kann man noch etwas lernen, wie der junge Mann versichert. (ak)

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