Journalist erfährt beim Suchdienst von KZ-Haft des Vaters

Sportreporter Werner Hansch klärt durch Zufall dunkles Kapitel auf

+
Dunkle, unbekannte Stellen der Vergangenheit aufgeklärt: Der langjährige Sportreporter Werner Hansch (2. von rechts) nahm beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen Einblick in die KZ-Akten über seinen Vater. Von links: Stadtrat und früherer ITS-Archivleiter Udo Jost, Kerstin Hofmann (wissenschaftliche Mitarbeiterin des ITS, und Lions-Präsident Markus Luckey, der Hansch zu einem Vortrag einlud.

Bad Arolsen. Erst spät und durch einen Zufall hat Reporterlegende Werner Hansch (79) Licht in ein düsteres Kapitel der Familiengeschichte gebracht. Am Mittwoch nahm er Einblick in die Originaldokumente, die die Haft seines Vaters während der Nazizeit im KZ Buchenwald belegen.

Der Vater hatte nie über diese dunkle Episode seines Lebens gesprochen, wie Werner Hansch beimBesuch des Internationalen Suchdienstes erklärte, wo die Akten deponiert sind. 

Der entscheidende Anstoß

Vor vier Jahren kam der Zufall ins Spiel: Im Januar 2014 kam Hansch bei einem Neujahrsempfang der Stadt Sprockhövel im Goldclub mit dem damaligen Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Ralf Brauksiepe, in Kontakt, mit dem er über „den dunklen Fleck“ in der Vita des Vaters sprach. 

Er gab den Tipp, sich beim Suchdienst in Bad Arolsen zu melden, und ihm konnte dort sofort Auskunft erteilt werden. 

So wurde er verfolgt

1934 bis 1935 war Stephan Hansch angeklagt und inhaftiert in Recklinghausen, Hamm und Münster wegen vermeintlichen Hochverrats . 1938 bis 1939 er wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“im KZ Buchenwald inhaftiert. Er soll „angetrunken“ gesagt haben: „Er wüsste nicht, warum alle Adolf Hitler nachlaufen, er wäre auch nur Arbeiter.“ 

Bereits 1933 war er wegen "Sprengstoffvergehens" für zwei Jahre im Lager Esterwegen . Wie sich herausstellte, war Hansch sen. mit 25 weiteren Männern, alles Leute aus dem Kohlenpütt, 1934 von der Gestapo durch die Mangel gedreht worden - wegen angeblichen Hochverrats. 

Das macht ihn stolz

1932 war er der Kommunistischen Partei beigetreten, das „war ein Jahr vor dem Machtantritt des von vielen so wahrgenommenen ,braunen Erlösers’ mindestens mutig, sagt Werner Hansch. 

„Ich bin stolz auf meinen Vater. 95 Prozent der Deutschen standen mehr oder weniger euphorisch hinter dem Rattenfänger Hitler, mein Vater, ein Mann aus dem Pütt, stand auf der anderen Seite“, erklärte Hansch. 

Es dauerte Jahrzehnte

Doch es dauerte Jahrzehnte, in denen der eigentlich für einen Beruf als Elektriker im Bergbau vorbestimmte Junge, studierte und eine Karriere als Sportreporter im Hörfunk und dann im Fernsehen machte, bis Werner Hansch genau das alles erfuhr. 

Dass er am Mittwoch in Bad Arolsen war, hängt mit einem Vortrag zusammen , den der bekannte Reporter am Samstag beim örtlichen Lions-Club auf Einladung des amtierende Präsidenten Markus Luckey halten wird. Dessen fußballbegeisterter Vater Hans-Hermann ließ es sich nicht nehmen, den Sportreporter von Dortmund nach Arolsen zum ITS zu chauffieren und wieder zurück. 

Was die Gesellschaft braucht

In einem mitreißenden Vortrag schilderte Hansch im ITS das bewegte Leben der Familie des Vaters und seinen aufregenden Einstieg in den Sportjournalismus. Dass er zunächst politischen Journalismus anpeilte, machte er ebenso deutlich. 

„Was wir brauchen, ist angesichts der digitalen Umwälzung in der Gesellschaft und der Arbeitswelt Bildung und ein Zusammenrücken der Demokraten, die den Menschen die Angst vor dem Neuen und Fremden nehmen müssen. Sonst droht sich die Geschichte zu wiederholen“, sagte er beim Abschied dem Reporter der Waldeckischen Landeszeitung.

Das trieb den Vater an

Für Stephan Hansch war wie für viele aus dem Osten der Bergbau in Westdeutschland eine Chance, überhaupt Geld zu verdienen. Als Deutscher geboren am 18. August 1890 in einem Dorf östlich von Frankfurt an der Oder, das in den Zeitläufen der Geschichte mal deutsch, mal polnisch war, gelangte er mit der Familie in den Westen. 

Harte Arbeit, karge Lebensbedingungen prägten den Alltag. Seine Frau war 42, er 48, als Sohn Werner Hansch 1938 als Nachzügler nach zwei über 16 Jahre älteren Schwestern zur Welt kam. Da war der Vater, ein Kommunist, schon mehrfach von den Nazis in Haft genommen worden - wegen „Hochverrats“.

Was erzählte der Vater?

Doch von all dem erzählte er später, nach dem Krieg, nichts. Der Sohn bekam mit, dass die Vereinigung  der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) sich um eine Entschädigung bemühte und dass auch eine Rente für erlittene Haft gezahlt wurde. 

Der unter einer Staublunge leidende Bergmann saß oft in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Recklinghausen, wo er mit Mutter und den beiden Schwestern lebte, rauchte Pfeife und blickte einfach geradeaus. 

Nach 36 Jahren im Bergbau, in denen er Stollen bohren und sprengen musste, „war er eher tot, als dass er noch lebte“, erzählt Hansch. Über den VVN hatte er sich  vergeblich um Aufklärung bemüht, nachdem sein Vater 1961 im Alter von 70 Jahren und ein paar Wochen später seine Mutter verstorben war. Da war Hansch erst 22 und studierte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare