WLZ-Umfrage bei Geschäftsleuten in der Innenstadt

Stadtentwicklung Bad Arolsen: Wie lässt sich Leerstand vermeiden?

Die Schlossstraße ist die Einkaufsstraße von Bad Arolsen. Foto: Elmar Schulten
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Die Bahnhofstraße ist die Einkaufsstraße von Bad Arolsen.

Die Einkaufsstadt Bad Arolsen hebt sich von vielen Nachbarstädten vergleichbarer Größe durch einen  guten Branchenmix und hohe Aufenthaltsqualität aus. Dazu tragen auch die vielen gemütlichen Gaststätten in der vorbildlich restaurierten, barocken Innenstadt bei.

VON ELMAR SCHULTEN

Bad Arolsen. Auswärtigen Besuchern fällt aber auch auf, dass es fast keinen Leerstand gibt. Anders als in vielen vergleichbaren Städten konnten sich die kleinen, inhabergeführten Läden bis jetzt gegen die scheinbar übermächtige Konkurrenz aus dem Internet behaupten.

Aber wie lange noch? Der mehrwöchige Lockdown ist auch nicht spurlos an den Bad Arolser Geschäftsleuten vorbeigegangen. In diesen Tagen kommt erschwerend der Räumungsverkauf des traditionsreichen Modehauses Panning hinzu. Bereits im Dezember hat sich das Raumtex-Studio Panning am Kirchplatz von seinen Kunden verabschiedet.

WLZ-Umfrage bei Geschäftsleuten 

Beide Geschäftsschließungen haben nichts mit der Corona-Krise zu tun, sondern erfolgen altersbedingt, weil die Inhaber keine Geschäftsnachfolger haben. Inge und Werner Panning sind zwar optimistisch, dass sich in den kommenden Monaten Pächter für ihre Geschäftsräume in bester Innenstadtlage finden werden.

Bürgermeister Jürgen van der Horst.

Die werden es aber angesichts der aktuellen Kaufzurückhaltung vieler Kunden nicht leicht haben.

Daher hat die WLZ eine Reihe von Kaufleuten in Bad Arolsen nach ihrer Einschätzung der Lage befragt. Bürgermeister Jürgen van der Horst beantwortet die Anfrage der WLZ-Redaktion per Mail aus seinem Urlaubsort.

Bürgermeister optimistisch

„Die Schließung der beiden Einzelhandelsfachgeschäfte der Familie Panning ist natürlich sehr schade für den Einkaufsstandort Bad Arolsen“,stellt der Rathauschef fest. 

Der Rathauschef weiß: „Die inhabergeführten Betriebe standen für eine lange Tradition im Einzelhandel und damit für das besondere Einkaufserlebnis in der Barockstadt.“ Van der Horst weiter: „Gleichwohl bin ich zuversichtlich, dass es gelingen wird, diese Lücke im Angebot wieder zu schließen. 

Der Einkaufsstandort Bad Arolsen hat sich nicht zuletzt aufgrund der stark gestiegenen Gästezahlen gegen den Trend positiv entwickelt. Wichtig wäre es, wieder ein Bekleidungsfachgeschäft anzusiedeln mit Schwerpunkt für junge Moden.“

Hochachtung vor der Lebensleistung

Heike Kleinke, die in der Bahnhofstraße die Boutique Flair-Moden betreibt, bedauert die Schließung des Modehauses Panning sehr: „Ich habe große Hochachtung vor der Lebensleistung von Inge und Werner Panning. Es ist schade, dass so ein Geschäft schließen muss, weil kein Nachfolger vorhanden ist.“ 

Heike Kleinke von der  Boutique Flair-Moden.

Andererseits wisse sie sehr genau, wie schwierig es sei, gerade in der ungewissen Lage der Corona-Pandemie ein Geschäft zu übernehmen. Es sei auch für die optimistischen Geschäftsleute schwer, positiv nach vorne zu blicken: „Man weiß ja nicht, ob noch einmal eine zweite Welle kommt. Einen zweiten Lockdown werden viele Geschäfte nicht überleben.“ Ihre Empfehlung gegen Leerstand am Kirchplatz und in der oberen Bahnhofstraße: Arolsen könnte ein hochwertiges Schuhgeschäft gebrauchen. 

Und auch für Heim-Textilien und Gardinenstoffe gibt es einen Bedarf in der Region.“ Bedarf gebe es in der Ferienregion Nordwaldeck bestimmt auch für Camping- und Outdoor-Möbel. Dazu gehören sportive Mode und vielleicht auch ein Surfbrett. Außerdem habe sie den Eindruck, dass in Bad Arolsen ein Geschäft für Kleinmöbel fehle.

Einzelhandel durch Corona arg gebeutelt

„Diese Geschäftsschließung bei Panning hat natürlich nichts mit Corona zu tun, sondern ist das gute Recht der Geschäftsinhaber im hohen Alter“, stellt Jürgen Kommallein, Inhaber des Herrenmodegeschäftes „masc“ fest. Dennoch liege es auf der Hand, dass in der aktuellen Corona-Situation nicht leicht sei, einen Nachfolger für die beiden Geschäfte in zu finden. 

Jürgen Kommallein führt das Herrenmodegeschäft "masc" in der Bahnhofstraße von Bad Arolsen.

„Was in Arolsen fehlt, ist ein weiteres Fachgeschäft für Schuhe. Mehr Geschäfte bringen mehr Frequenz. Davon profitieren alle. Leerstand wäre das Schlimmste, was der Stadt passieren könnte.“ Die Situation im Einzelhandel sei sehr schwierig, wenn man vom Lebensmittelhandel absehe. Die Umsatzeinbußen durch Corona lägen im Schnitt bei 30 bis 40 Prozent. 

Die Bekleidungsbranche leide darunter, dass viele Festlichkeiten ausgefallen seien. Der schicke Anzug für die Schulentlassungsfeier sei ebenso wenig gekauft worden wie das neue Kleid fürs Schützenfest. Und dann die harte Konkurrenz aus dem Internet. Kommallein: „Amazon zahlt keine Gewerbesteuer. Eigentlich müsste die Stadt uns Einzelhändlern die Gewerbesteuer auszahlen.“ Umso wichtiger seien Service, Kundenfreundlichkeit und gute Beratung des Einzelhandels vor Ort.

Regelmäßige Kaufanlässe bieten

Tanja Wolf, die in der Bahnhofstraße die Modeboutique Baju leitet, hat ein positives Bild von der Einkaufsstadt Bad Arolsen: „Ich denke was Arolsen wirklich ausmacht, ist nicht die Konkurrenz untereinander, sondern die vielseitigen Angebote in den Geschäften. Qualität und Individualität verbunden mit gutem Service für Menschen aus allen Altersklassen.

Tanja Wolf führt die Modeboutique Baju.

 Die persönliche Beratung in Inhabergeführten Geschäften ist da sicher ein Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist. Auch aus diesem Grund werden Modehaus & Raumtex Studio Panning in der Stadt fehlen. Bisher gibt es kaum Leerstand in Arolsen. Feriengäste, Klinikpatienten und deren Besucher tragen ihren Teil zur belebten Innenstadt bei. Meine Idee einer „vitalen Stadt“ sind einheitliche Öffnungszeiten. Und ein Samstag, bei dem alle Geschäfte bis in die Abendstunden geöffnet sind. Unser Ziel ist „Heimatshoppen“ (statt Internetshoppen). 

Gemeinsam mit der hiesigen Gastronomie könnte daraus ein regelmäßiges Event werden, auf das sich unsere Kunden an jedem ersten Samstag im Monat freuen könnte. Der Einzelhandel allein kann das Aussterben der Innenstädte nicht aufhalten. Man braucht beide Seiten: Handel und die Bürger.“

Internetkäufe gefährden Innenstadt

Der Uhrmachermeister und Goldschmied Ulf Stracke ist Vorsitzender des Vereins Hand, Handel und Gewerbe (HHG). Aus seiner Sicht hätten beide Panning-Geschäfte eigentlich auf Dauer eine gute Perspektive gehabt: „Das Angebot passte gut in die Stadt.“

Uhrmachermeister und Goldschmied Ulf Stracke.

 Auch deshalb sei es schade, dass die Nachfolge-Frage nicht früher geklärt worden sei. Nach den Räumungsverkäufen sei es sich schwer, einen neuen Nutzer für die Geschäftsflächen zu finden. Die Investitionen in eine neue Ladeneinrichtung und neue Ware summierten sich schnell auf sechsstellige Beträge. Berufsanfänger scheuten bei solchen Zahlen oft das Risiko. Und auch die Banken hielten sich zurück. 

Sorgen macht sich Stracke über das Kaufverhalten junger Leute. Viel zu bedenkenlos würden Einkäufe im Internet erledigt. Damit werde den Geschäften in den Innenstädten die Existenzgrundlage entzogen. Stracke: „Die Leute müssen verstehen, was passiert, wenn sie ihr Geld im Internet ausgeben. Wenn das letzte Geschäft geschlossen hat, wird man sich fragen, was mit den schönen Innenstädten geschehen ist. Die Leute wollen eine pulsierende Innenstadt, kaufen aber abends auf dem Sofa ihre Hosen im Internet.“

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