Internationaler Suchdienst sucht Familien von KZ-Opfern

Erinnerung an KZ-Opfer lebt in sehr persönlichen Gegenständen weiter

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Erben gesucht: Der Internationale Suchdienst ITS hat die Aktion Stolen Memory ins Leben gerufen. In Paris wird mit Plakaten dafür geworben, dass Familien von Holocaust-Opfern die persönlichen Dinge ihrer Angehörigen (Effekten) in Empfang nehmen.   

Bad Arolsen. Rund 3000 persönliche Gegenstände von KZ-Inhaftierten warten im Archiv des International Tracing Service (ITS) darauf, an Familien zurückgegeben zu werden. Einige davon zeigt die Plakatausstellung #StolenMemory, die anlässlich des Holocaust-Gedenktages bei der UNESCO in Paris zu sehen ist.

Großformatige Poster mit den Namen von Menschen und Fotos von den Gegenständen, die sie bei ihrer Verhaftung durch die Nationalsozialisten bei sich trugen, hängen für fünf Wochen rund um das Gebäude der UNESCO in Paris.

Taschen- und Armbanduhren, Ringe, Brieftaschen, Familienfotos auch Alltägliches wie Kämme oder Rasiermesser öffnen ein kleines Fenster in ihr Leben vor der Verfolgung. Die Plakate geben einen Überblick über die Schicksale der Menschen - auf der Basis der im ITS-Archiv vorliegenden Dokumente.

Die Ausstellung #StolenMemory ist Teil einer Kampagne, die der ITS gestartet hat, um Angehörigen die persönlichen Gegenstände aushändigen zu können.

Woher stammen die Effekten?

„Einige der Plakate erzählen, was es den Menschen bedeutet, die Erinnerungsstücke in den Händen zu halten“, erklärt ITS-Direktorin Floriane Hohenberg.

„Der andere Teil zeigt Gegenstände, zu denen wir noch nach Angehörigen suchen. Wir können sie umso schneller zurückgeben, je mehr Menschen uns bei der Suche unterstützen.“

Die meisten dieser sogenannten „Effekten“ hatte die SS zusammen mit Dokumenten und weiteren Spuren der Gräueltaten bei der Räumung der Konzentrationslager vernichtet. Erhalten ist ein kleiner Bestand überwiegend aus dem Konzentrationslager Neuengamme sowie aus Dachau und einige wenige Gegenstände aus Bergen-Belsen.

Was machte die SS mit den vielen privaten Habseligkeiten?

Nur ein paar persönliche Gegenstände von jüdischen Häftlingen sind unter den „Effekten“. Überwiegend gehörten sie Juden aus Budapest, die Ende 1944 nicht direkt in die Gaskammern, sondern zur KZ-Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie nach Deutschland deportiert wurden.

In den zum Massenmord an den Juden eingerichteten Vernichtungslagern verwerteten die Nazis deren Besitz sofort. Die tödliche Bürokratie der Nazis sah vor, dass in Konzentrationslagern wie Neuengamme der Besitz der Häftlinge namentlich erfasst und bis zu deren Ermordung aufbewahrt wurde.

Daniel Schwarz und István Rokza sind zwei der Juden, von denen persönliche Dinge erhalten sind. Daniel Schwarz starb im KZ Neuengamme, ermordet durch Zwangsarbeit, Misshandlungen und systematische Unterversorgung.

Der damals 16-Jährige István Rokza kam mit einem Häftlingstransport kurz vor Kriegsende von Neuengamme nach Bergen-Belsen und erlebte dort die Befreiung. Er ist vermutlich 1949 nach Israel ausgewandert.

Wo können Angehörige die Effekten finden?

Der Großteil der erhaltenen Gegenstände gehörte „politischen“ Häftlingen und inhaftierten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus Ländern wie Polen, der Ukraine und Russland.

Insgesamt stammen sie von Menschen aus dreißig Nationen. Die meisten von ihnen mussten in der großen Zahl von KZ-Außenlagern Zwangsarbeit leisten, insbesondere für die deutsche Rüstungsindustrie oder bei der Räumung von Trümmern nach Bombenangriffen.

Die Todesraten waren extrem hoch, oft starben die Menschen schon nach wenigen Wochen oder Monaten. „Vernichtung durch Arbeit“ war das brutale Prinzip.

Ende 2015 hatte der ITS Fotos der verbliebenen rund 3000 „Effekten“ und die Namen der KZ-Häftlinge im neuen Online-Archiv veröffentlicht. Sofort stieg die Zahl der Rückgaben.

Freiwillige aus verschiedenen Ländern halfen bei der Suche nach den Eigentümern oder deren Angehörigen.

Es zeigte sich, dass durch Social Media, digitale Archive und den verstrichenen Datenschutz mehr Suchwege zur Verfügung stehen als früher.

Das veranlasste Floriane Hohenberg, die damals ihr Amt als Direktorin angetreten hatte, eine Kampagne zur intensiven Suche zu starten. „2017 gelang es dem ITS, rund 90 Familien zu finden und ihnen die persönlichen Erinnerungsstücke auszuhändigen“, so Hohenberg. (its)

Alle Infos zur Ausstellung, eine Kampagnen-Broschüre (in englischer Sprache) und der Link zum Online-Archiv mit den Namen der NS-Verfolgten und den Fotos der persönlichen Gegenstände unter: www.stolenmemory.org

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