Seit 1955 unter Leitung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) · WLZ-FZ-Serie über den ITS (Folge 6)

Suchdienst mit bewegter Geschichte Burckhardt erster Direktor Ende des Besatzungsstatuts

- Am 6. Juni 1955 unterzeichneten im Palais Schaumburg in Bonn 
Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Präsident des IKRK, Paul Ruegger, und Vertreter der Drei Mächte, der Beneluxstaaten, Italiens und Israels die Bonner Verträge. Das 
Regelwerk sicherte die Fortführung der Arbeit des Internationalen Suchdienstes unter Leitung und Verwaltung des IKRK zunächst für fünf Jahre.

Bad Arolsen. Dass daraus mehr als ein halbes Jahrhundert wurde, ahnte damals kaum jemand. Die ersten zehn Nachkriegsjahre waren für das Suchbüro sehr unsystematisch verlaufen. Mit der Befreiung von etwa elf Millionen Verschleppten, die unter dem Begriff „Displaced Persons“ (DPs) zusammengefasst wurden, war auf die Alliierten ein immenses Aufgabenfeld zugekommen: Die Suche vermisster NS-Opfer aus UN-Staaten spielte hinter deren Betreuung und Rückführung in die Heimat eine nachgeordnete Rolle. Aber schon bald änderte sich die Rangfolge, bis Vermisstensuche und Haftbescheinigungen in den Vordergrund traten.

Ohne vertragliche Fixierung war man davon ausgegangen, dass nach einem Waffenstillstand das IKRK in Genf wie für die Suche von Kriegsgefangenen auch für die von Zivilisten zuständig sein würde. Doch nach der deutschen Kapitulation änderten die Alliierten ihr Konzept: Die Suche von DPs erfolgte unter Aufsicht des Alliierten Kontrollrats und damit der vier Siegermächte, während die in das Neue Schloss in Arolsen verlegte Deutschlandabteilung der UN-Hilfsorganisation UNRRA die Umsetzung übernahm.

Entscheidung unter Zeitdruck

Die Einrichtung des „Central Tracing Bureau“ (CTB) im Arolser Schulgebäude (dem heutigen Rathaus) verlief aus verschiedenen Gründen nicht befriedigend. Vor allem belastete, dass die baldige Auflösung der UNRRA bekannt war, denn kaum arbeitete das CTB, begann schon die Suche einer Nachfolgeorganisation. Unter Zeitdruck entschied man sich für die Internationale Flüchtlingsorganisation IRO, die widerwillig zustimmte.Als die Übergabe Mitte 1947 erfolgte, war die Situation des Zentralen Suchbüros bereits so verfahren, dass ein Scheitern des gesamten Vorhabens drohte. Jetzt wandte man sich – fast zu spät – an die einzige mit der Vermisstensuche vertraute Organisation und bat das IKRK um Abordnung eines in diesem Metier erfahrenen Beamten.

Umzug in alte SS-Kaserne

Anfang 1948 trat Maurice Thudichum seinen Dienst in Arolsen an und gestaltete innerhalb kurzer Zeit das Suchbüro zum Internationalen Suchdienst ITS um, bei dem zeitweise über 1200 Personen arbeiteten. Nach dem Umzug in die ehemalige SS-Kaserne stand auch genügend Raum zur Verfügung, sodass die bereits lange angestrebte Zusammenführung der in den drei Westzonen verstreuten Dokumente an 
einem Ort endlich umgesetzt werden konnte.

Aber IRO-ITS ereilte ein ähnliches Schicksal wie UNRRA-CTB. Bevor die Aufgabe abgeschlossen war, ging das Geld 
aus, und die IRO beendete 1951 ihre Arbeit. Erneut begann die Suche einer Nachfolgeorganisation. Inzwischen hatte sich 
jedoch die politische Situation in Westdeutschland verändert: Die Militärregierungen waren aufgelöst worden, es galt das Besatzungsstatut und die Alliierte Hohe Kommission vertrat die Besatzungsmächte.

Nach Verhandlungen Thudichums mit den Hohen Kommissaren übernahm die Allied High Commission for Germany 
(HICOG) am 1. April 1951 den ITS, wohlwissend, dass es sich erneut nur um eine kurze Übergangsphase handelte. Dennoch fielen hier wichtige Entscheidungen. Geleitet wurde der ITS von einem Executive Board, dem Mitglieder der drei Westmächte und ein deutscher Manager angehörten. Die Zahl der Mitarbeiter wurde drastisch 
reduzier, und es erfolgte ein massiver Personalaustausch. Als Gerüchte von Unregelmäßigkeiten die Runde machten und bekannt wurde, dass unter den Mitarbeitern nicht wenige NS-belastet waren, ordnete der Vorsitzende des Boards – auch vor dem Hintergrund negativer Schlagzeilen – eine breit angelegte Überprüfung (Screening) an. Das gesamte Personal wurde vom US-Militär und dem Verfassungsschutz überprüft. Fristlose Kündigungen gehörten in den folgenden Monaten zum Alltag. Aber auch ein wichtiges Ereignis zum Erhalt des Standorts Arolsen fand statt. Um die Kaserne für belgische Truppen zu räumen, wurden in einem Kraftakt die Mittel für einen Neubau beschafft. In Rekordzeit entstand an der Großen Allee ein neues Verwaltungsgebäude.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits der Deutschlandvertrag unterzeichnet – wieder stand eine Änderung der Organisationsform bevor. Doch es dauerte dann länger, denn der Vertrag trat erst am 5. Mai 1955 in modifizierter Form in Kraft. Die Bundesrepublik wurde ein weitgehend souveräner Staat, sodass damit eine vollständige Übergabe des ITS in deutsche Hände grundsätzlich im Bereich der Möglichkeiten lag.Offensichtlich hatten die Erfahrungen die Alliierten misstrauisch gemacht. Mehrfach meldeten sich Stimmen, die zum Schutz vor Zerstörung von Dokumenten deren vollständige Verlagerung in einen UN-Staat verlangten. Zwar wurde auf eine solch einschneidende Maßnahme verzichtet, aber im zu den Pariser Verträgen gehörenden Vertrag zur Regelung aus Krieg und Besatzung entstandener Fragen verpflichtete sich die Bundesrepublik ausdrücklich zur Fortführung der Tätigkeiten des bis dahin von der HICOG verwalteten International Tracing Service. Die Frage, wie dies geschehen sollte, blieb offen.

Rechtsfreier Raum

Die Antwort fand sich im komplexen Netzwerk der Bonner Verträge. Die Leitung und Verwaltung des ITS, der als wichtiger Pfeiler des Systems unangetastet blieb, übernahm auf Bitte des Bundeskanzlers das IKRK. Außerdem wurde ein Internationaler Ausschuss (IA) als Aufsichtsorgan gegründet, dem neben der Bundesrepublik acht Staaten angehörten. Ein Abkommen regelte die Zusammenarbeit zwischen IA und IKRK. Im Zeitraum zwischen dem Inkrafttreten der Pariser Verträge und der Unterzeichnung der Bonner Verträge am 6. Juni 1955 bestand ein rechtsfreier Raum, in dem der britische Vertreter im Executive Board, Cyril L. Widger, als Interimsdirektor in Arolsen blieb. Im Juli 1955 trat dann Nicolas Burckhardt sein Amt als Direktor an (siehe weiteren Artikel).

1971 wurde die Gültigkeit des Vertragswerks vom Ausschuss auf unbegrenzte Zeit verlängert. Als im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrags 1990 der Deutschlandvertrag seine Gültigkeit verlor, blieb die Verpflichtung der BRD, die Fortführung der Arbeiten des Internationalen Suchdienstes zu sichern, unverändert bestehen. Dies bedeutete jedoch nicht den Erhalt der Leitung und Verwaltung in unveränderter Form. Mit der Abnahme der humanitären Aufgabe und der Verlagerung hin zur Forschung betrachtete das IKRK seine Aufgabe als weitgehend erledigt und strebte 
eine Neureglung an. Das kons-tanteste Element in der Organisationsgeschichte des ITS war und ist die Veränderung.Dr. Bernd Joachim Zimmer (66) ist pensionierter Studiendirektor des Studienseminars in Kassel und promovierter Historiker. Die Geschichte Arolsens im Dritten Reich hat er in Büchern und Artikeln für Fachzeitschriften und die WLZ-FZ beleuchtet. Zimmer arbeitet zurzeit an einer Dokumentation über die Geschichte des ITS.

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