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Tobias will es allen zeigen: Junger Mann mit Behinderung startet beim Kassel-Marathon

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Von: Elmar Schulten

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Ein gehbehinderter junger Mann steht mit einem Rollator vor einem Tor in einer Turnhalle. Im Tor sein  Trainer mit einem Reha-Buggy.
Tobias Rieger leidet an Zerebralparese und möchte dennoch mit seinem Rollator am Kassel-Marathon teilnehmen. Ermöglicht wird ihm dies von seinem Klassenlehrer, dem erfahrenen Ausdauersportler Marcel Krug, der den jungen Mann über 21 Kilometer in einem speziellen Reha-Buggy schieben wird. © Elmar Schulten

Am Wochenende will sich Tobias Rieger einen großen Traum erfüllen und gemeinsam mit seinem Berufsschullehrer Marcel Krug am Kassel-Marathon teilnehmen. Über 21 Kilometer wird der 35-jährige Rieger dabei in einem Reha-Buggy sitzend von seinem Lehrer geschoben.

Bad Arolsen/Kassel - Die letzten 100 Meter vor der Haupttribüne aber wird er auf seinen eigenen Beinen mit seinem Rollator absolvieren. Für den jungen Mann, der seit frühester Kindheit an Zerebralparese leidet, bedeutet dies eine große sportliche Herausforderung und ein einzigartiges Erlebnis.

Damit will er allen zeigen, dass seine Behinderung nichts mit mentaler Beeinträchtigung zu tun hat und dass er seine selbst gesteckten Ziele mit Einsatz und Willenskraft erreichen kann.

Klassenlehrer ist erfahrener Ausdauersportler

Für den gebürtigen Kasseläner, der aktuell in einer Wohngruppe in Korbach lebt und eine Ausbildung zum Fachmann in Bürokommunikation am Berufsbildungswerk absolviert, haben der Kassel-Marathon und der Zieleinlauf im Auestadion eine große Bedeutung.

Er interessiere sich sehr für Sport, verrät er. Ihm helfe Schwimmen sehr dabei, die Muskelspannungen zu lösen, die sich durch seine spastische Behinderung zwangsläufig ergäben. Der Traum von einer Teilnahme am Kassel-Marathon sei daher eigentlich für ihn unerreichbar gewesen. Doch dann habe ihm sein Klassenlehrer in der Berufsschule diese Perspektive eröffnet. Marcel Krug ist nicht nur engagierter Lehrer in den Fächern Wirtschaft und Verwaltung, sondern seit Jahren auch passionierter Ausdauersportlehrer. Er hat schon 19 Iron-Man-Wettbewerbe absolviert, 2018 auch auf Hawaii.

Den besonderen Moment genießen

Im Unterricht habe er Tobias Rieger als zielstrebigen und sportbegeisterten Schüler kennengelernt. Über die Zeit haben beide gemeinsam die Teilnahme am Kassel-Marathon geplant.

Zum Team gehört am Sonntag noch ein zweiter Läufer, der im Notfall einspringen und den Reha-Buggy bis in Auestadion kann. Außerdem geht ein Fahrradfahrer mit an den Start, der unterwegs für den technischen Support sorgt. Kurz vor dem Ziel sprintet er los und stellt den Rollator bereit, mit dem sich Tobias dann auf die letzten Meter machen soll. „Diesen Moment musst du in dich aufsaugen. Der kann dir Kraft geben, wenn du später einmal ein Tief durchschreiten musst“, sagt Marcel Krug. Bei seiner vielen Starts sei es ihm ähnlich gegangen. Im Sport könne man Selbstbewusstsein stärken und Kraft tanken für den Alltag.

Auch mit Zerebralparese große Ziele anpeilen

Tobias Rieger kam vor 35 Jahren als gesundes Baby in Kassel zur Welt. Mit sechs Monaten wurde ein Eingriff mit einem neuartigen Herzkatheter an ihm vorgenommen. Es kam zu Komplikationen. Das Baby erlitt einen Schlaganfall. Erst 2011 erfuhr Tobias Rieger, dass die Art seiner erworbenen Behinderung einen Namen hat: Spastische Zerebralparese.

Die lateinische Wortbedeutung führt bei vielen Menschen zu der irrigen Annahme, dass es sich um eine mentale Behinderung im Zusammenhang mit einer Hirnschädigung handele.

Hoffnung auf eine Stelle in einer Klinik

Dieses Stigma habe ihn die ganz Schulzeit über verfolgt, so Rieger. Erst seine Schwester habe sich vor wenigen Jahren für ihn starkgemacht und sich dafür eingesetzt, dass er am Berufsbildungswerk Nordhessen eine Berufsausbildung absolvieren könne. Nun hoffe er darauf, mit bestandener Ausbildung eine Stelle in einer Bad Wildunger Klinik oder in seiner Heimatstadt Kassel zu ergattern.

Mit einer Teilnahme am Kassel-Marathon will Tobias Rieger der Öffentlichkeit zeigen, was Menschen mit Zerebralparese alles leisten können. (Elmar Schulten)

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