Von Spiegelungen in Fensterscheiben irritiert

Es passiert täglich in vielen Gärten: Das Unglück des Grauspechts

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Rote Stirn, samtgrüner Rücken, goldfarbener Bürzel: Der Grauspecht ist ein bunter, aber seltener Vogel.   

Bad Arolsen-Mengeringhausen.  Es ist ein unerwarteter Schlag an der großen Glastür, die zur Terrasse hinausführt. Eine Nachschau lässt rasch erkennen: Da liegt ein ziemlich großer grünlicher Vogel mit roter Stirn, leblos. Offenbar ist er von außen an die Glasscheibe geflogen und hat sich dabei tödlich verletzt.

Der Grauspecht ist ein eiliger, aber nicht sehr wendiger Flieger. Wenn er in der Luft unterwegs ist, hält ihn so schnell nichts auf, es sei denn ein gläsernes Hindernis. Und so wird hier und da aus dem Landkreis berichtet, dass wieder ein grüner Specht am großen Terrassenfenster gefunden wurde, am gläsernen Wintergarten oder an einer verglasten Tür.

Am schlimmsten ist es, wenn der Vogel einen Durchblick durch das Haus wahrnimmt. Dann versucht er, durch diese Lücke zu flüchten.

Schreck für den Specht

Was mag seine schreckhafte Flucht ausgelöst haben? Grauspechte sind wie die mit ihnen nahe verwandten Grünspechte spezialisierte Ameisenfresser. Sie benötigen offenen, sonnigen Boden, wo sie ihre Beute finden.

Sie kommen zuweilen in Gärten, wo sie mit ihrem dolchförmigen Schnabel unterirdische Ameisenbauten aufhacken. Sie machen dabei keinen wirklichen Schaden im Rasen, wie es ein Waschbär täte oder ein Wildschwein. Am Waldrand hinterlassen sie schon größere Löcher in einem Bau der Großen Roten Waldameise. Ein Grauspecht muss aber sehr wohl auf der Hut sein vor Feinden, die ihn bei seiner Arbeit am Boden erwischen könnten. 

Erscheint ein Sperber oder ein Habicht am Himmel, so ist sofortige Flucht angesagt. Auch ein plötzlich auftauchender Mensch löst den eiligen Abflug des Ameisenfressers aus. Und das kann nahe bei einem Haus mit großen Glasflächen in die falsche Richtung gehen. Aufgeklebte Vogelsilhouetten schützen nicht gegen den Anflug von Vögeln, eher schon Vorhänge, rankende Pflanzen, Jalousien und andere flächige Markierungen.

Manch einer, der den Specht in seinem Garten beobachtet, ist erstaunt über die Farbenpracht des Vogels. Das samtene Grün der Flügeldecken und des Rückens, die gefleckten Schwingen sollen ihn zwar am Boden tarnen. Man rechnet ihn auch zu den Erdspechten. Im Flug aber leuchtet der hintere Rücken goldfarben auf.

Der schöne Specht

Schön ist auch die tiefrote Stirn, die nur das Männchen ziert. Beim Weibchen ist der ganze Kopf vornehm grau. Der Bartstreif unter dem Auge fällt weniger auf als beim Grünspecht.

Und doch sind angesichts der grün-rot-goldenen Farbzusammenstellung nicht wenige überraschte Beobachter schon auf den Gedanken gekommen, dass in ihrem Garten ein Papagei Nahrung sucht. Grauspechte sind hierzulande recht seltene Vögel geworden. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen, wie die Zählungen der Vogelkundler ergaben. Sie erreichen auch in der Mitte Deutschlands ihre nördliche Verbreitungsgrenze. In Norddeutschland trifft man keine Grauspechte mehr an.

Im Gegensatz dazu geht es dem Grünspecht gut. Er hat sich in ganz Deutschland in letzter Zeit vermehrt. Beide Arten benötigen außer dem offenen sonnigen Boden für die Nahrungssuche alte Bäume, in denen sie Höhlen finden oder anlegen können. Diese Höhlen benötigen sie für die Eiablage und das Brüten sowie um ihre Jungen darin aufzuziehen. Aber auch zu den anderen Jahreszeiten sind die Spechte auf Höhlen angewiesen: um darin zu übernachten.

Und da konkurriert der Grauspecht an einem Sommerabend schon mal mit dem Grünspecht, der mit lautem „klü-klü-klü“ ebenfalls auf dem Weg zu einer Schlafhöhle ist.

Von Professor Hans-Heiner Bergmann. 

Bergmann lebt als pensionierter Hochschullehrer im Kreis-Waldeck-Frankenberg. Als Ornithologe bemüht er sich, die Natur der Vögel einem breiten Publikum verständlich und sympathisch zu machen.

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