In Wrexen sorgten Uran-Funde in den 50er Jahren für Euphorie

Viele träumten vom großen Geld

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Diemelstadt-Wrexen - „Die Bauern strahlen, denn Wrexen sitzt auf Millionen.“ So titelte die „Bild-Zeitung“ am 19. September 1956, nachdem die WLZ schon eine Woche zuvor vom „strahlenden Gold in Wrexen und Twiste“ berichtet hatte. Bundesweit überschlugen sich die Nachrichten aus dem kleinen Dorf an der Diemel.

Andere Schlagzeilen aus dieser Zeit lauteten „In Wrexen schlugen die Geigerzähler aus“, oder „Wrexens Uranbarometer steigt“. In Wrexen kam Goldgräberstimmung auf, nachdem Geologen einer Bergbaufirma mit dem Namen „Gewerkschaft Brunhilde“ aus Ütze-Hannover sich die Mutungs- und Schürfrechte gesichert hatten und mit Geigerzählern durch die Gemarkung gezogen waren. Von Anfang an ein Windei Man hoffte auf das größte Uranvorkommen der gesamten Bundesrepublik. Und das in einer Zeit, in der das Wissen um die über Jahrtausende fortwährende Gefahren der Atomindustrie in der Bevölkerung völlig unbekannt waren. Stattdessen mühte sich ein für Atomtechnik zuständiger Bundesminister Franz-Josef Strauß vergeblich um den Ankauf von Uran für die deutsche Atomindustrie. Doch die Verbündeten waren so früh nach dem Sieg über Nazideutschland noch skeptisch, ob man der neuen deutschen Republik strahlendes Material anvertrauen konnte. Umso größer also die Euphorie über die vergleichsweise hohen Konzentrationen von uranhaltigem Gestein am Wrexer Steinberg und am Twister Kupferberg. Nicht wenige Zeitgenossen sahen einen wirtschaftlichen Aufschwung zum Greifen nah, andere dagegen befürchteten einen riesigen Ansturm von „Glücksrittern“. Die Wrexer Steinbrüche standen zu jener Zeit im absoluten Mittelpunkt des Geschehens. Dort fand man Gestein mit bis zu 3,6 Prozent Urangehalt, während es anderswo in Deutschland, etwa im Fichtelgebirge gerade einmal zu 0,5 Prozent uranhaltiges Gestein gab. Karl-Heinz Jäkel hat keine guten Erinnerungen an diese Zeit. Der Sohn des Steinbruchbesitzers hielt die Euphorie von Anfang an für eine Eintagsfliege und sprach immer nur von einem „Windei“. Lachen muss der heutige Seniorchef im Steinbruch, wenn er an den früheren Gastwirt Franz Kussmann sen. denkt: „Der hatte damals immer eine Steinsammlung unter der Theke und erzählte den Leuten, die vom großen Geld träumten, dass der kleine Stein, zwei Mark, der größere fünf und der ganz große zehn Euro wert sei.“ Und für die besonders Gutgläubigen habe Kussmann auch noch einen Granitquader, 12 mal 12 mal 12 Zentimeter, parat gehabt, den er den staunenden Gästen ganz vorsichtig in die Hand gelegt habe mit den Worten „Vorsicht, der strahlt.“ In der Zeit seien viele mit dem Traum vom großen Geld durch Wrexen gelaufen. Und auf einmal seien dann Männer aus Amerika gekommen, die angeblich ganz groß investieren wollten. Jäkel: „Dann hab’ ich erst mal einen Zaun ums Gelände gezogen, aber die haben ein paar Meter vor dem Zaun gebohrt.“ Doch nur ein Jahr später wurden die Probebohrungen eingestellt. Letztendlich war der Urangehalt des Wrexer Buntsandsteins dann doch zu gering und nicht abbauwürdig. Zweiter Vorstoß 1977 „Anders als in anderen Lagerstätten ist das Uran hier nicht gleichmäßig verteilt, sondern lediglich in Nestern mit Pechblende. Und die finden sich erst ab einer Tiefe von unter 20 Metern. So tief wird bei Jäkels nicht abgebaut. Das Familienunternehmen hat sich auf Buntsandstein spezialisiert. Daraus werden Bodenbeläge, Fassadenbehänge und manches mehr. Im Mai 1977 meldete noch einmal die Esso-AG Interesse an einem Uranabbau in Wrexen an. Damals war der Weltmarktpreis für das radioaktive Material drastisch gestiegen. Es gab Lieferengpässe für die neuen deutschen Kernkraftwerke. Aber auch damals kam man zu dem Schluss, dass der Abbau viel zu kostspielig werden würde. Im vergangenen Jahr wurde das Uranvorkommen noch einmal thematisiert, als das Gesundheitsamt des Landkreises Waldeck-Frankenberg darauf hinwies, dass Spuren des Elementes Uran im Lebensmittel Wasser festgestellt wurden. Die Mengen seien zwar als unbedenklich eingestuft worden. Lediglich für die Zubereitung von Säuglingsnahrung wurde vorsorglich empfohlen, auf speziell geeignetes Wasser zurückzugreifen. An Fossilien gebundenes Erz Auch das Thema Uran im Wasser hat sich inzwischen erledigt, weil die Diemelstadt zum Jahreswechsel ihr Trinkwasser aus Tiefenbrunnen aus dem benachbarten Scherfede bezieht. So bleibt die Erinnerung an eine kurze Zeit der Euphorie und Goldgräberstimmung. Im Internetportal „Mineralienatlas.de heißt es dazu wissenschaftlich korrekt: „In der Umgebung von Wrexen und dem davon südlich gelegenen Örtchen Twiste wurden verschiedentlich Prospektionen auf an fossile Pflanzenstengel gebundenes Uran (Thucholith) in Kupfererznestern durchgeführt. Hin und wieder traten interessante Mineralisationen auf, z. B. bis drei Millimeter große Chalkophyllit-Täfelchen neben kleinen Torbernit-Kristallen oder auch sehr schöner Malachit.“Eine Übersicht über einige der in den 50er-Jahren erschienenen Zeitungsartikel über die Uran-Hysterie findet sich im Internet unter: www.Wrexen.eu

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