Rücksicht auf brütende Vögel nehmen!

Gemetzel im Ziergarten:  Was Heckenscheren anrichten können

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Amselküken recken hungrig ihre Schnäbel gen Himmel, nachdem die schützende Hecke rund um ihr Nest beschnitten wurde.

Bad Arolsen.  Im Juni hat einer der Nachbarn in Mengeringhausen damit begonnen, seine Hecke zu schneiden.

Die neuen Triebe waren zwar noch nicht übermäßig hoch gewachsen, aber man konnte glauben, es sei nun an der Zeit. Andere Nachbarn haben das auch so gesehen. Der nächste tat es dem Kollegen gleich. Schließlich waren alle Hecken geschnitten. Zu dieser Jahreszeit ist das Heckenschneiden jedoch nicht ohne weiteres erlaubt. Das Naturschutzgesetz verbietet es unter bestimmten Bedingungen, mit guten Gründen.

Die Amsel brütet noch Die Amsel hat bisher gut durchgehalten. Ihr Nest liegt etwa zwei Meter hoch in der großen Hecke, die den Garten umgibt. Über dem brütenden Weibchen gibt es ein Dach von Zweigen und Blättern. Das Nest ist auf diese Weise geschützt gegen den Zugriff von Feinden, aber auch gegen die strahlende frühsommerliche Mittagssonne.

Es kann vierzehn Tage nach dem Schlupf in Anspruch nehmen, bis die Jungen das Nest verlassen. Aber so weit sollte es in unserem Fall nicht kommen.

Am sechsten Tag nach dem Schlupf der Jungen, es ist der 5. Juli, steht das Nest plötzlich völlig frei auf der Krone der Hecke, den Feinden und der Mittagssonne ausgeliefert. Die Heckenschere hatte es freigelegt.

Man muss nicht lange raten, was weiter passiert. Am nächsten Tag sitzt das Weibchen in der Julisonne hechelnd auf dem Nest. Zwei Tage später ist das Amselheim leer. Jung- und Altvögel sind verschwunden.

Amseln brüten schon früh im Jahr. Sie fangen auch eine neue Brut an, wenn Elstern, Eichelhäher, Mäuse oder der Marder das Nest ausgeräumt haben. Amseln nutzen ihre Chance, solange es geht.

Man hat sie schon achtmal nacheinander eine neue Brut in ein- und demselben Garten anfangen sehen in einer einzigen Saison.

Was sagt das Bundesnaturschutzgesetz dazu?

Hecken, lebende Zäune, Gebüsche usw. dürfen vom 1. März bis 30. September nicht abgeschnitten oder auf den Stock gesetzt, das heißt total heruntergeschnitten werden. Ziel des Gesetzes ist, die heimische Natur zu schonen. Allerdings sind vorsichtige Pflegeschnitte erlaubt, die lediglich die nachgewachsenen Spitzen der Gehölze beseitigen. 

Aber auch hierzu gibt es eine Einschränkung: Lebensstätten wildlebender Pflanzen und Tiere dürfen dabei nicht geschädigt werden. Man darf weder die Vögel selbst verletzen oder töten noch ihre Nester beschädigen oder die Aufzucht der Jungtiere stören. 

Um den letzten Fall geht es hier. Wenn Gartenbseitzer also, wie geschildert, ein benutztes Singvogelnest freilegen, das Sie vorher nicht entdeckt haben, winkt schon ein Bußgeld, das erheblich sein kann. Man ist verpflichtet, sehr sorgfältig vorher nachzusehen, ob irgendwo in der Hecke ein Vogel brütet, der durch den Schnitt gestört wird. Dann lässt man die Hecke vorerst ungeschoren. 

Amseln brüten zuweilen bis in den August hinein. Im September kann man guten Gewissens die Hecke schneiden. Wie aber findet man heraus, ob die Amsel in der Hecke brütet oder dort nur ein Junges füttert, das rasch flüchten kann? Dazu muss man beobachten, ob die Amseln Männchen und Weibchen immer wieder in denselben Busch oder dasselbe Heckenstück mit Futter hineinfliegen.

(VON HANS-HEINER BERGMANN)

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