Sanierung der Stuckschäden wird teuer und langwierig

Wie sicher hält der Deckenputz in der Arolser Stadtkirche?

Blick in die Bad Arolser Stadtkirche. An einer Wand ist ein kleines Gerüst aufgebaut, das bis an die Stuckdecke heranreicht.
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Das Gerüst am Eingang zum Altarraum ist erst der Anfang: Wahrscheinlich muss der gesamte Kirchenraum eingerüstet werden, um die Stuckdecke untersuchen zu können.

Am 25. Oktober 2020 platzte in der barocken Stadtkirche ein dreieinhalb Meter langes und bis zu 1,5 Meter hohes Stück vom Deckenputz samt Gesims ab. Seitdem ist die Bad Arolser Kirche aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Bad Arolsen – Noch ist völlig unklar, wie groß das Ausmaß er Schäden an der Kirchendecke wirklich ist und wie der kunstvolle Stuck dauerhaft gesichert werden kann. Die Fachleute grübeln, wie das barocke Tonnendach am besten untersucht werden sollte, ohne die Schäden nicht noch zu vergrößern.

Schon steht das Schreckgespenst einer jahrelangen Bausanierung im Kirchenraum. Wahrscheinlich muss ein Gerüst aufgebaut werden, das sämtliche Sitzreihen überdeckt und ein Arbeiten der Fachleute an der Decke ermöglicht. Damit wäre möglicherweise über Jahre nicht mehr an einen geordneten Gottesdienst-Betrieb zu denken.

Experten grübeln, was zu tun ist

Bei einer Baustellenbesprechung am Dienstag machten sich Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab und der von der Landeskirche beauftragte Architekt Sven Rühlmann ein Bild von der Lage. Am Dienstagabend traf sich erstmals ein Kreis besorgter Freunde und Freundinnen der Stadtkirche, um einen Förderkreis zur Finanzierung der Baumaßnahmen ins Leben zu rufen.

Wie umgehen mit den Stuckschäden in der Stadtkirche von Bad Arolsen? Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab und Sven Rühlmann als Architekt der Landeskirche lassen sich von den Sanierungsexperten des Architekturbüros Müntinga und Puy über den neusten Stand der Untersuchungen informieren.

Bei beiden Gelegenheiten schilderte Jürgen Schimmelpfeng vom Architekturbüro Müntinga und Puy den aktuellen Stand der Bauuntersuchungen: Auf rund 300 Kilogramm Gips- und Lehmmasse schätzt der Arolser Architekt das Gewicht der herabgestürzten Teile. Besorgniserregend sei auch die Tatsache, dass der Putz nicht einfach der Schwerkraft folgend hinabgestürzt sei. Das Schadenbild deute viel mehr darauf hin, dass der Putz unter Spannung stand und quasi abgesprengt wurde.

Lehmschichten harmonieren nicht und haften schlecht

Untersuchungen durch den Göttinger Putz- und Stucksachverständigen Dr. Wanja Wedekind hätten ergeben, dass der Putz aus drei Lagen Lehmputz und eine Lage Kalkputz bestehe. Offenbar harmonisierten die verwendeten Lehmputze in ihrer Zusammensetzung nicht miteinander, was die Haftung verschlechtere.

Hinzukomme, dass die aus Gips gezogenen Gesimse mit handgeschmiedeten Nägeln an der Decke befestigt seien Dabei betrage die Eindringtiefe in die unter dem Putz liegende Holztäfelung gerade mal einen Zentimeter. Das sei angesichts des großen Eigengewichtes des Gesimses zu wenig.

Bei den Untersuchungen keine neuen Schäden anrichten

Es sei zu befürchten, dass auch andere Teile des Deckenputzes nicht mehr über die notwendige Haftung verfügten. Eine voreilige Öffnung der Kirche für die Öffentlichkeit sei daher aus Sicherheitsgründen nicht zu empfehlen.

Schimmelpfeng erläuterte auch, dass noch zu klären sei, ob und wie die Windlast auf dem Kirchendach die Konstruktion bewege. Die zahlreichen Risse im Putz ließen nichts Gutes vermuten.

Eigentlich müssten die Spanten der Dachkonstruktion von oben in Augenschein genommen werden, während von unten der Putz sachte abgeklopft werde. Ein solches Vorgehen berge allerdings die Gefahr, dass weitere Schäden entstehen könnten.

Geschenke von Christian Daniel Rauch an seine Heimatstadt: die allegorische Figuren „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Sie müssen während der Bauphase wohl ausgelagert werden.

Herausragendes Zeugnis barocker Baukunst

Um das zu verhindern, sei es angesagt, den Putz von unten über eine Tragkonstruktion abzusichern, die auf das Gerüst aufgebaut werden müsste. Am Ende der umfangreichen Untersuchungen müsse ein Gesamtkonzept zur Kirchensanierung stehen, in das sinnvollerweise auch weitere seit Jahren diskutierte Details eingebunden werden müssten.

Als Beispiele nannte Schimmelpfeng die über 100 Jahre alte Dacheindeckung, die Art der Bestuhlung, der barrierefreie Zugang, die Beleuchtung, die Elektrik und manches mehr. Der Planer bat um Verständnis, dass er zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Prognosen über Kosten und Bauzeiten abgeben könne.

Als herausragendes Zeugnis barocker Baukunst hat der inzwischen verstorbene Bezirkskonservator Dr. Michael Neumann die Bad Arolser Stadtkirche bezeichnet, als diese 1987 nach umfassender Renovierung wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Schon in der Bauphase vor über 200 Jahren stürzte die Decke ein

Nun steht wieder eine große Sanierungsphase an. Pfarrer Gerhard Lueg erinnerte am Dienstagabend bei einer Versammlung in der Aula des Bathildisheims an die lange Baugeschichte des zentralen Kirchenbaus, der ursprünglich vom Schlossplaner Julius Ludwig Rothweil begonnen wurde. Weder er noch sein Sohn Franz Friedrich Rothweil erlebten jedoch die Fertigstellung, weil sich die Bauzeit über 52 Jahre erstreckte.

Ein Stück Gesims: Pfarrer Gerhard Lueg hält Gipsstücke, die mit einem Draht verbunden sind. Daraus ragen handgeschmiedete Nägel.

Nicht überliefert ist, ob die nachfolgen eingesetzten Architekten Johann Matthäus Kitz und Heinrich Escher bei der Einweihungsfeier eingeladen waren. Zwischen beiden soll es zu erheblichen Differenzen gekommen sein, nachdem 1771 die Innendecke eingestürzt war.

Förderkreis soll Spenden einsammeln

Probleme an der Kirchendecke sind auch von 1934 überliefert und auch bei der letzten Sanierung von 1984 bis 1987 musste an der Decke gewerkelt werden.

Bei einer ersten Sichtung wurde jetzt deutlich, dass dabei womöglich ein bauphysikalischer Fehler eingebaut wurde: Die Glaswolle mit Dampfsperre wurde falsch herum eingebaut. Sie liegt auf eienr dünnen Schicht Teerpappe.

Ein Förderkreis zum Erhalt der barocken Stadtkirche soll in den kommenden Jahren helfen, zumindest einen Teil der benötigten Geldmittel für die Sanierung aufzubringen. Annemarie Hesse rief als Vorsitzende des Kirchenvorstandes alle Freundinnen und Freunde der Stadtkirche dazu auf, sich anstecken zu lassen von der Idee der jetzt notwendigen Kirchensanierung.

Hoffnung auf viele Zuschussgeber

Bürgermeister Jürgen van der Horst habe schon signalisiert, dass die Sanierung dieses Baudenkmals auch ein Projekt der Stadt und ihrer Bürger sein müsse.

Man werde sich natürlich um Fördermittel von Bund und Land bemühen. Dekanin Eva Brinke-Kriebel verwies auf den Kirchenerhaltungsfonds der Landeskirche, der erfahrungsgemäß alle vor Ort privat gesammelten Spenden noch einmal verdoppele. Bei der Sanierung der Korbacher Nikolaikirche habe man damit gute Erfahrung gemacht.

Ein frisch gedrucktes Faltblatt informiert über die Ziele und Kontoverbindungen des in Gründung befindlichen Förderkreises. Informationen gibt es auch im Gemeindebüro am Kirchplatz 3, Telefon 05691/3337. (Elmar Schulten)

Die Stuckschäden in der Arolser Stadtkirche bereiten Sorgen

Die Stadtkirche von Bad Arolsen ist ein markantes Baudenkmal in der Barockstadt.
Blick in die Bad Arolser Stadtkirche. An einer Wand ist ein kleines Gerüst aufgebaut, das bis an die Stuckdecke heranreicht.
Blick in die Bad Arolser Stadtkirche. An einer Wand ist ein kleines Gerüst aufgebaut, das bis an die Stuckdecke heranreicht.
Blick in die Bad Arolser Stadtkirche. An einer Wand ist ein kleines Gerüst aufgebaut, das bis an die Stuckdecke heranreicht.
Die Stuckschäden in der Arolser Stadtkirche bereiten Sorgen

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