Seit sechs Jahren streiten sich Stadt, Planer und Baufirma über misslungenes Experiment

Rot will nicht - schwarz geärgert

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Das Metallband symbolisiert den Goldenen Schnitt, jenes universelle Gestaltungsprinzip, nach dem auch die Planer der Barockstadt Arolsen vorgingen. 2007 wollte der von der Stadt beauftragte Planer Hans-Ulrich Plaßmann dem Goldenen Schnitt ein Denkmal setzen und damit die Stadtsanierung krönen. Die Ausführung des Kunstprojektes scheiterte an handwerklichen Fehlern, die nun korrigiert werden müssen. Richter sollen über die Kostenverteilung entscheiden.

Bad Arolsen - Für den damaligen Bürgermeister Gerhard Schaller waren die Zusammenhänge eindeutig: Der Asphalt vor dem Kirchenportal wird rot, sobald nur genügend Kirchgänger die obere Schwarzschicht mit ihren Schuhen abschleifen.“

Sechs Jahre später sind die Arolser schlauer: Der Glaube kann zwar angeblich Berge versetzen, aber wohl doch keinen schwarzen Asphalt rot färben. Nun müssen sich die Juristen mit der Frage auseinandersetzen, was denn bei der Ausführung des gut gemeinten Kunstwerks zum Abschluss der Stadtsanierung falsch gelaufen ist.

Ästhetik und Mathematik

Der Kasseler Planer Hans-Ulrich Plaßmann war seinerzeit ganz stolz auf seine Entdeckung, wonach Stadtplaner Julius Ludwig Rothweil um 1720 die universelle Gestaltungsformel des Goldenen Schnitts bei der Ausrichtung von Schlossstraße und Kaulbachstraße, bei der Gestaltung der Gebäude in der Schlossstraße, ja sogar bei der Anordnung der Fenster im Schloss angewendet hat.

Der Goldene Schnitt lässt sich auf eine mathematische Formel reduzieren oder aber nur auf ein Bauchgefühl des Betrachters, denn jeder Mensch empfindet die rechte Proportionierung von Gegenständen auf einem Bild oder von Blütenblättern an einer Pflanze oder von Windungen eines Schneckengehäuses von Natur aus als schön.

Zum Abschluss ein Denkmal

So gilt der Goldene Schnitt Architekten, Biologen, Künstlern und Fotografen gleichermaßen als universelles Gestaltungsmuster. Und wenn Barockbaumeister Rothweil eben jenes Konzept seiner Planstadt Arolsen zugrunde legte, lag es doch nahe, ein Denkmal für den Goldenen Schnitt an zentraler Stelle in der Stadt zu positionieren. Mit diesen Gedanken konnte der Kasseler Stadtplaner Hans-Ulrich Plaßmann den Magistrat zum Ende der 25-jährigen Stadtsanierungsphase überzeugen und so wurde im September 2007 eben jenes Denkmal in den Kirchplatzboden vor dem Eingang zur Stadtkirche eingelassen.

Dabei handelt es sich um eine Schneckenspirale aus Stahl. Um die Form besser zur Geltung kommen zu lassen, sollten Flächen mit rötlich schimmerndem Asphalt gefüllt werden. Anders als bei der ebenfalls rötlich schimmernden Fahrbahn konnten hier jedoch keine maschinellen Apshaltfertiger eingesetzt werden. Handarbeit war gefragt.

Technische Probleme

Beim ersten Versuch, den über 200 Grad heißen Asphalt aufzubringen, verformte sich das Stahlgestänge nach den Gesetzen der Physik. So entschied man sich, den Stahl mit isolierendem Kunststoff vor dem heißen Material zu schützen. Dieser Kniff gelang.

Was jedoch nicht gelingen wollte, war die Rotfärbung des Kirchplatzbelags. Offensichtlich versanken die feinen roten Steinchen, die in den klebrigen, schwarzen Asphalt eingearbeitet waren. Auch spätere Versuche, die Fläche abzuschleifen, misslangen, weil der Kleber durch die Reibungshitze aufweichte.

Ein möglicher Heilungsversuch für das missglückte Kunstwerk wäre es, den Asphalt wieder zu erwärmen und dann ­erneut mit Rotgranit zu bestreuen.

Doch so weit kam es nicht. Die Stadt und Planer zerstritten sich, bemühten das Landgericht in Kassel und dessen Mühlen mahlen langsam.

Juristische Fragen

In der vergangenen Woche ließ ein vom Gericht beauftragter Gutachter Asphaltproben aus der Fahrbahn am Übergang von Kirchplatz zur Rauchstraße entnehmen. Daher die aufwendige Kirchplatzsperrung.

Bleibt die Frage, ob man denn tatsächlich Gerichte bemühen muss, um das Offensichtliche zu reparieren. Unstrittig ist nämlich, dass Schwarz nicht rot ist. Unstrittig ist auch, dass Rot geplant war, wo nun alles schwarz ist.

Ist es denn wirklich so schwierig, ein paar Quadratmeter Asphalt heiß zu machen und rote Steinchen darauf auszubringen? Kann man das nicht mit einem Gespräch zwischen Stadt, Planer und Baufirma klären?

Doch das müssen nun die Juristen klären. Irgendwer wird am Ende schon den goldenen Schnitt machen.

Goldener Schnitt

Als Goldenen Schnitt bezeichnet man ein bestimmtes Teilungsverhältnis einer Strecke oder anderen Größe, bei dem das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil entspricht. Quelle: Wikipedia

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