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Sachspenden von Bad Arolsen für Flüchtlinge nach Calais gebracht

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Ausladen der Sachspenden in Calais mit Jens Nasemann (hinten) aus Vöhl und Lena Hochhaus aus Köln. Die Hilfsgüter stammen aus Bad Arolsen.
Ausladen der Sachspenden in Calais mit Jens Nasemann (hinten) aus Vöhl und Lena Hochhaus aus Köln. Die Hilfsgüter stammen aus Bad Arolsen. © Klaus Tschierschky

Ihre Eindrücke von der Fahrt mit Hilfsgütern zu den Flüchtlingslagern bei Calais schilderten Klaus Tschierschky und Jens Nasemann Vertretern der Kirchengemeinden.

Bad Arolsen – Diese hatten Sachspenden für Flüchtlinge gesammelt, die an der Kanalküste in wilden Camps leben und auf eine Überfahrt nach Großbritannien hoffen.

Lange Fahrt nach Frankreich

Da den Kirchen kein Fahrer zur Verfügung stand, übernahmen kurzerhand Tschierschky und Nasemann den Transport an die 600 Kilometer entfernte Atlantikküste (die WLZ berichtete). Nach knapp achtstündiger Fahrt erreichte der Transport die Auberge de Migrants am Sonnabendnachmittag.

„Schon die Einfahrt nach Calais ließ uns den Atem stocken,“ so Jens Nasemann. „Flüchtlinge liegen dicht gedrängt zusammen, um sich gegen den scharfen Wind zu schützen, der vom Ozean weht.“ Weiter sagt er: „Glücklich kann sich schätzen, wer in einem Zelt campieren kann.

Plane als Dach über dem Kopf

Wer nur ein Stück Plane besitzt, hat weniger Glück und wer überhaupt nichts besitzt, muss auf der blanken Erde liegen.“ Und stellt dann die rhetorische Frage: „Wie tief lässt man einen Menschen in seiner Würde sinken, wenn er völlig ungeniert seine Notdurft vor aller Augen am Rand einer stark befahrenen Straße verrichten muss?“

Flüchtlingslager in Calais. Zur Versorgung der Menschen brachten Klaus Tschierschky und Jens Nasemann aus Bad Arolsen Sachspenden.
Flüchtlingslager in Calais. Zur Versorgung der Menschen brachten Klaus Tschierschky und Jens Nasemann aus Bad Arolsen Sachspenden. © HNA/dpa

Im Zenrum der nordfranzösischen Stadt sind kaum Flüchtlinge zu sehen. Von dort werden sie systematisch von der Polizei vertrieben und damit in die Randbereiche gedrängt. So berichten es die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Auberge des Migrants.

Arbeit der Helfer behindert

„Auch unsere Arbeit wird gezielt behindert,“ sagt Lena Hochhaus, die aus Köln stammt und in Calais freiwillig Dienst leistet. „So kann es passieren, dass wir von der Versorgung dieser Menschen mit Lebensmitteln, Kleidung und Zelten durch die Polizei abgehalten werden.“

Provisorische Zeltlager werden in Brand gesteckt: Ein Flüchtling betrachtet die Rauchschwaden über dem geräumten Camp an der französischen Kanalküste bei Calais.
Provisorische Zeltlager werden in Brand gesteckt: Ein Flüchtling betrachtet die Rauchschwaden über dem geräumten Camp an der französischen Kanalküste bei Calais. © Etienne Laurent

Zwangsläufig bilden sich kleinere Camps um Calais herum, die mit Lieferfahrzeugen der Auberge des Migrants angefahren werden, um Hilfsmittel heranzuführen. „Es ist ein Katz- und Mausspiel. Die Polizei löst diese Ansammlungen immer wieder auf, in dem sie Zelte zerstört und den Menschen ihre wenigen Habseligkeiten wegnimmt. Kurze Zeit später bilden sich irgendwo neue Lager.“

Herberge am Stadtrand

Die Auberge des Migrants liegt am Rand der Stadt, in der Nähe eines Supermarktes. „Dort prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Bewohner, die ihre samstäglichen Einkäufe völlig unberührt in ihren Autos verstauen. Und keine 30 Meter davon entfernt, auf der anderen Seite der Straße, hofft eine Gruppe von rund 50 Flüchtlingen auf eine milde Gabe als ein Zeichen von Menschlichkeit“, erzählt Klaus Tschierschky.

Diese zeigt sich in Form von mit Wasser gefüllten Kanistern, die entlang der Straße aufgereiht sind. Aus denen bedienen sich die Migranten, um ihren Durst zu stillen oder um sich wenigstens etwas waschen zu können.

Stacheldraht als Hindernis

Auf dem Weg zu den Bunkeranlagen des ehemaligen Atlantikwalls passieren Tschierschky und Nasemann die Hafenanlage, die mit etwa fünf Meter hohen Zäunen gesichert ist. Stacheldraht soll verhindern, dass Flüchtlinge in den Hafenbereich eindringen und sich in einem Lkw zu verstecken, der nach Großbritannien übersetzt.

Nicht ohne Grund wurden die Bunkeranlagen während der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht bei Calais errichtet. Ist hier der Abstand zur englischen Kanalküste am geringsten, nämlich nur 40 Kilometer.

Gefährliche Kanal-Querung

Diesen Umstand machen sich auch die Migranten zunutze, wenn sie von hier aus versuchen, England zu erreichen. Dabei werden oft kleine Gummiboote benutzt. In den Strömungen der stark befahrenen Wasserstraße ist die Querung gefährlich und hat sie schon vielen Menschen das Leben gekostet.

Die Situation der Flüchtlinge war abends im Hotel auch ein Thema, als Tschierschky und Nasemann mit einem Mitarbeiter ins Gespräch kamen. „Uns tun diese armen Menschen leid, fühlen uns aber von den politisch Verantwortlichen im Stich gelassen,“ führte dieser aus.

Aus der Not heraus kommt es durch sie zur Beschaffungskriminalität, was die Aversion steigen lässt. „Die Hauseigentümer versuchen sich mit Alarmanlagen, Wachhunden, Zäunen und Draht zu schützen und geben bei der nächsten Wahl ihre Stimme den rechten Parteien.“

Not in Europa im Blick

„Derzeit spielt sich im Osten Europas eine Tragödie ab. Zweifelsohne benötigen die Menschen, die von dort flüchten, die volle Unterstützung. Aber auch an anderen Rändern des Kontinents leben Flüchtlinge, die nicht vergessen werden dürfen“, sind sich die beiden Helfern mit den Vertretern der Kirchen einig.

Die Beiden danken den Organisatoren der Hilfsaktion und der Stadt Bad Arolsen für die Bereitstellung des Transporters. (red)

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